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Hongkong

Eine untergehende Insel der Demokratie?

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Hongkong – Eine untergehende Insel der Demokratie? | Video verfügbar bis 15.09.2020 | Bild: hr

Hongkong, das ist immer noch großes Geld, Tycooncity, die dichteste Stadt der Welt. Die meisten Milliardäre, stratosphärische Wohnungspreise, die höchste Lebenserwartung. Und: die größte Protestbewegung seit Jahrzehnten. Eine hochentwickelte Zivilgesellschaft geht seit Monaten auf die Straße, um die demokratischen Rechte zu retten, die China für 50 Jahre versprochen hatte.

"In den späten 90ern haben wir in Hongkong gehofft, dass China 50 Jahre später demokratisch sein würde. Also hatten wir kein Problem mit der sogenannten Umarmung des Mutterlandes, also ein Teil Chinas zu sein, wenn das Schritttempo von Demokratie und Werten sich entsprechend annähert", sagt eine Demonstrantin. Doch es kam anders.
China ist wirtschaftlich mächtiger geworden, aber nicht demokratischer. "Fünf für die Freiheit" rufen sie, fünf Forderungen zum Beispiel nach freien Wahlen. Amerikanische Flaggen wehen am letzten Sonntag. Ist das aktuelle Amerika tatsächlich ihr Symbol für Freiheit und Demokratie? "Im Wesentlichen bricht die Regierung das Versprechen, die Demokratie nicht aufzugeben und Menschenrechte zu verteidigen", sagt eine weitere Protestteilnehmerin. "Wir hoffen darauf, Unterstützung von der Internationalen Gemeinschaft zu bekommen. Darum halten wir die amerikanische Fahne hoch und die der Vereinten Nationen ja auch."

Grundwerte ihrer Identität bedroht

Chan Tze Woon ist Dokumentarfilmer, er begleitet diese Bewegung, die wie Wasser sein will. Diese Millionen Menschen, die wie über kapilare Systeme miteinander verbunden zu sein scheinen. Verteilt über die ganze Stadt, hören sie nicht auf, zu protestieren.

Chan Tze hat ein Studio, in dem er und seine Freunde gelegentlich auch wohnen. Bereits 2014 hat er einen international anerkannten Film über die Regenschirm-Bewegung und die besondere Identität der Hongkonger gemacht. "1997 haben wir gelernt, die chinesische Nationalhymne zu singen", erzählt er, "und dann dachten wir, wir sind Chinesen. Also irgendwie haben wir eine Kultur, die verschmolzen ist mit den Briten und auch verschmolzen mit China. Und so haben wir eine sehr spezielle, einzigartige Identität entwickelt." Einzigartig und bedroht. Die Grundwerte ihrer Identität könnten ihnen entzogen werden, fürchten sie – ein funktionierendes Rechtssystem, die Meinungsfreiheit zum Beispiel, aber auch ihr Lebensstil.

In seinem Film porträtiert Chan Tze starke Protagonisten: "In den letzten Jahren verfolgte ich drei Männer. Einer ist von China nach Hongkong geschwommen während der Kulturrevolution. Ein anderer ist jünger. Er ist jetzt Anwalt. Er war als studentischer Vertreter Hongkongs auf dem Tian’anmen-Platz. Jetzt hilft er als Anwalt den Demonstranten, weil viele von ihnen verhaftet wurden. Ich hoffe, dass mein Dokumentarfilm wirklich die Geschichte des aktuellen Hongkong erzählt."

Lebensbedingungen immer schlechter

Das aktuelle Hongkong: zwischen sechs- und zehntausend Euro Miete kosten 50 Quadratmeter. Es ist das erste Mal, dass die junge Generation sich das Leben nicht mehr leisten kann.

Auch South Ho dokumentiert die Bewegung. Fantastisch, wie ausdauernd die Hongkonger demonstrieren, findet er. Eine Menge Fragen seien zu lange unterdrückt worden. "Die Leute sind nicht in der Lage, die Miete zu bezahlen, von den Wohnungspreisen ganz zu schweigen. Die Lebensbedingungen werden immer schlechter und es gibt keine Hoffnung auf Besserung. Ich denke, das ist das tieferliegende Motiv für die Proteste", so South Ho.

Humor im Herzen der Bewegung

Seine Ausstellung mit seinen neuesten Installationen und Fotos steht kurz vor der Eröffnung. Das ist sein künstlerischer Beitrag zum Protest. "Im Herzen der Bewegung gibt es immer noch Sinn für Humor", sagt South Ho, "oder sagen wir, es ist eine andere Art zu protestieren. Wenn es gewalttätig wird, dann drücken wir uns durch Kunst aus und große kulturelle Kreativität. Ich bin zum Beispiel begeistert von den Lennon Walls, den Post-it-Wänden. Das sind Zeichen der Kritik und der Verständigung. Manchmal ist es auch wirklich Kunst. Das macht Spaß mitten in den größten Auseinandersetzungen.

Es gibt sie überall in der Stadt, die Lennon-Walls, Post-its, gezeichnete Wut, lustige Kommentare, Ermutigungen und Verabredungen. Und es ist tatsächlich die ganze Hongkonger Gesellschaft – junge, alte, Banker, Rechtsanwälte, Straßenhändler und Studenten – schwarmintelligent und schwarmkreativ sind sie.

Keine Verhandlungen, keine Kompromisse

Wir treffen in dieser dezentralen Bewegung, die keine Sprecherinnen oder Führer hat, doch einen ihrer Köpfe: Isaac und Freundin Mickey. Sie haben sich in die Shopping Mall geflüchtet, dort sind sie sicher vor der Polizei. Die beiden kommunizieren quasi permanent – im Netz, wo alle Strategien, Entscheidungen und Verabredungen getroffen werden.

"Ich denke mal, das ist die Spezial-Polizei", sagt Isaac und blickt hinunter auf die Straße. "Sie fangen jetzt an, die Leute zu verhaften. Die Hongkonger haben Ärger in sich hineingefressen, für lange Zeit. Mit dieser Bewegung ist es für die Menschen an der Zeit zu sagen: Es reicht. Wir stimmen nicht zu, wenn wir unsere Freiheit und Demokratie verlieren. Wir werden dagegen kämpfen. Und wenn die Regierung hart wird, werden wir es auch."
Tatsächlich werden sie hart und unerbittlich. Verhandlungen lehnen sie ab. Erst sollen ihre Forderungen erfüllt werden. Einige der Jungen greifen zu Gewalt – nur gegen Sachen sagen sie und haben dabei die Unterstützung eines großen Teils der Bevölkerung. Zwei Demonstranten sollen gestorben sein – stimmt nicht, eine Falschmeldung.

Trotzdem bringen Passanten Blumen. "Das sind Erinnerungen an unsere verletzten Mitbürger", sagt einer von ihnen. "An Studenten und alle Hongkonger, die für Freiheit und Rechte protestieren." Und eine weitere: "Zuallererst sollte die Polizei nicht solche Dinge tun. Wir können es alle sehen. Ihre Gewalt. Sie macht überhaupt keinen Sinn." Die Stimmung ist angespannt. "Lügner, Lügner, ihr lügt alle", ruft ein Mann, aber keiner der Umstehenden reagiert.

Ob die Demokratie überlebt, kann keiner wissen

Und keiner weiß, wo das Ganze enden soll. Das Steuer- und Konsumparadies Hongkong ist abhängig von chinesischen Geschäftsleuten und Touristen. Sollte die Regierung in Peking keine Visa mehr ausgeben, würde Hongkong sofort in die Knie gehen, die Leute ihre Jobs verlieren. Die Demonstranten bestehen weiter auf ihren Forderungen. "Irgendwie denken wir immer noch, dass es der richtige Weg ist, wie wir die Regierung zwingen können, zu tun was wir wollen", sagt Filmemacher Chan Tze Woon. "Wir wissen nicht, ob wir verlieren oder ob wir gewinnen. Die Chance zu gewinnen, ist nicht sehr hoch. Aber ich denke, es ist richtig, was wir tun."

Hongkong ist eine alte Perle des aktuellen Kapitalismus, eine Stadt in der Midlife-Crisis. Ob die Demokratie in ihr überlebt, kann heute noch keiner wissen.

Bericht: Edith Lange

Stand: 16.09.2019 08:56 Uhr

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