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Felix Kummer

Warum es so viel cooler ist, nicht rechts zu sein

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Felix Kummer - Warum es so viel cooler ist, nicht rechts zu sein | Video verfügbar bis 15.09.2020 | Bild: hr

Chemnitz – Die Stadt in Sachsen, die vor einem Jahr üble Schlagzeilen machte. "Hitlergruß, Hetzjagden, Regierungskrise" hieß es in den Nachrichten. Die ganze Welt schaute damals hierher – ungläubig. Massive rechtsradikale Gewalt, mit der vermeintlich keiner gerechnet hatte."Das kam nicht aus dem Nichts", sagt der in Chemnitz geborene Musiker Felix Kummer. "Man hat gedacht: Ey, die letzten 30 Jahre war das genau so! Da hat's bloß einfach niemanden gejuckt!" Wie konnte das sein? "Gefühlt war es so", erzählt Kummer, "dass die Mehrheitsgesellschaft hier, der CDU Wähler, dass der, wenn er gefragt wird, was er schlimmer findet – alternative Jugendliche oder Neonazis – dann hat man schon das Gefühl gehabt, der denkt: 'Ja, also wie die hier rumgammeln, die mit ihren Kapuzen... Und die Punker, wie sie hier betteln. Der Neonazi? Ja klar, der hat mal jemanden ins Krankenhaus geschlagen, aber er hat wenigstens ein ordentliches Hemd getragen dabei.'"

Bleiben als Protest

Felix Kummer ist der Frontmann von "KRAFTKLUB". Ziemlich berühmt und in Chemnitz aufgewachsen. "Ich komm aus Karl Marx Stadt, bin ein Verlierer Baby, original Ostler", singt er ironisch mit "KRAFTKLUB" über das Leben hier. Er hat immer gesagt: Chemnitz ist und bleibt sein Zuhause. Wenn die AfD aber Wahlsieger in Sachsen geworden wäre, hätte er es sich vielleicht nochmal überlegt. Er sagt: "30 Prozent der Leute wählen einfach eine Partei, die voller Neonazis ist. Fühlt sich nicht geil an. Und, das ist mir auch wichtig, dass man nicht plötzlich, nur weil 30 Prozent sie wählen, macht es sie nicht zu Demokraten! Weil dann lese ich jetzt schon wieder die Kommentare unter diesem Beitrag: 'Kann er aber doch nicht sagen, das ist eine demokratisch gewählte Partei.' Nein, wenn du deine Stimme Neonazis gibst, macht es die Neonazis jetzt nicht plötzlich dadurch zu Demokraten!"

Wo schon früher Nazis Jagd auf Ausländer machten

Dass die Rechten hier auch schon lange gewaltbereite Netzwerke haben, hat er selbst erlebt. In seiner Solo-Single "9010" rappt Kummer darüber, wie es war, da groß zu werden, wo schon früher Nazis Jagd auf Ausländer machten, oder auf alternative Kids wie ihn. "Die größte Gefahr ging von Neonazis aus. Von so ganz normal aufs Maul kriegen bis zu richtig systematisch mit abgeklebtem Nummernschild vorm Club. Dann kommen halt drei Golf angefahren, und dann verdreschen die dort alles – muss ja schnell gehen, weil die sind alle auf Bewährung und dann – zack – wieder rein in die Autos und weg."

"Das ist ja auch das, was jetzt so ärgert: dass so getan wird, als ob das so aus dem Nichts gekommen wäre. Im Gegenteil: da war es der CDU, die hier seit 30 Jahren regiert, immer sehr wichtig zu betonen, dass Linke und Linksextremismus die große Gefahr sind. Während Rechtsradikale – das gab's einfach nicht. Nö, die gibt’s einfach nicht", so Kummer.

Und schuld an allem ist die Wende?

Im Video zu "9010": DDR Propagandabilder und Faschisten, dazwischen Felix als kleiner Junge – ja, es hänge eben alles miteinander zusammen, sagt Kummer. Wer aber behauptet, die Wende sei schuld, mache es sich zu einfach. Klar gibt es Tristesse, abgehängte Gegenden. Aber auch topsanierte Altbauten, engagierte Künstler, eine lebendige Zivilgesellschaft. 6,6% Arbeitslosigkeit, die Zahlen gehen zurück. Aber die Jungen ziehen trotzdem weg, Chemnitz ist überaltert. Hat der Westen den Osten zu lange ignoriert? Kummer findet, die Debatte nimmt absurde Züge an: "Ich kann auch das Gejammer von den Leuten hier teilweise nicht mehr hören: 'Wir sind doch Bürger zweiter Klasse. Wir wurden vernachlässigt.' Wenn deine eigenen...was auch immer, ist mir eigentlich auch scheißegal, was dein Grund ist, AfD zu wählen, aber wenn du diese eigene Befindlichkeit so hoch legst und sie dir so unglaublich wichtig ist, dass du dafür bereit bist, Rassisten und Faschisten zu wählen – alter Schwede. Dann tut's mir leid, dann bin ich auch ein Stück weit sauer. Das ist so egoistisch. Immer so: 'Ich, ich, ich, hier geht's um mich!' Das nervt!"

Chemnitz mit Kunst bereichern

Aber das, was letztes Jahr passierte, steckt auch ihm noch in den Knochen. "KRAFTKLUB" wollte damals zeigen, dass das nicht Chemnitz ist. Und so organisierte die Band spontan das "Wir sind mehr"-Konzert. Die "Toten Hosen" spielten, die "Ärzte" und viele andere. 65.000 kamen und demonstrierten "Herz statt Hetze". 

Und Kummer hat schon wieder was Neues, um Leute nach Chemnitz zu locken: einen Pop-Up Plattenladen in einer alten Kneipe, geöffnet nur für drei Tage im Oktober. Die Fans hinterlassen schon Briefe. "Es gibt hier nur ein einziges Album. Aber dieses Album kann ich euch sehr empfehlen. Es ist nämlich mein Album", lacht Kummer. "Ja, so hab ich es mir hier schön gemacht, es gibt kein fließend Wasser, es gibt nur ein bisschen Baustrom."
Do it yourself! Chemnitz mit Kunst bereichern! Das schafft auch das "Kosmonaut"-Festival seit Jahren, das "KRAFTKLUB" gegründet hat. Die coolsten Bands kommen gerne.

"Keine mystische linke Dialektik"

Kummer ist gerade 30 geworden – wie die Wiedervereinigung. Er findet, es ist dringend an der Zeit, mit dem Opferkult der AfD und ihrer Wähler Schlusszumachen: "Wenn man quasi aufpassen muss, so eine Position, die ich vertrete, laut zu sagen – Das sind Sachen, die man vertritt, die in unserer Verfassung festgeschrieben sind, die im Grundgesetz stehen, das ist keine mystische linke Dialektik."
Recht hat er! Dieser Mann ist ein Glücksfall – nicht nur für Chemnitz!

Bericht: Nora Binder

KUMMER "KIOX"
Audio-CD: 15 Euro
KIOX Tonträger, Oktober 2019

Stand: 16.09.2019 08:29 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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