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Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen

Ulrike Herrmann räumt auf mit Mythen

PlayUlrike Herrmann
Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen | Video verfügbar bis 15.09.2020 | Bild: hr

Es geht um die Geschichten, die wir von unserem Land erzählen. Unsere Nationalmythen handeln meist davon, wie wir Deutschen nach dem Krieg schnell reich und mächtig wurden. "Alle diese Mythen sind überhaupt nicht wahr", sagt die Journalistin Ulrike Herrmann. "Es wird immer so getan, als hätten die Deutschen ganz alleine durch ihren Fleiß und ihre Raffinesse ein einzigartiges Wirtschaftswunder zustande gebracht. Und das stimmt eben nicht. In Wahrheit war es so, dass ganz Europa nach dem Zweiten Weltkrieg gewachsen ist und, dass einige Länder sogar noch erfolgreicher waren. Zum Beispiel das erfolgreichste Land pro Kopf überhaupt – das weiß keiner – war damals Spanien."
Spanien? Wir glauben lieber an ein allein deutsches Wirtschaftswunder, denn zu gerne wären wir eine unabhängige ökonomische Supermacht. Aber diese Geschichte ist ein Märchen.

Das Problem "Erhard-Mythos"

Und der Vater des Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard? Nur ein viertklassiger Ökonom, sagt Ulrike Herrmann. Und: ein Nazi-Profiteur. "Ludwig Erhard war direkt mit dem NS-Regime verwoben und er hat von diesem Grauen persönlich monetär enorm profitiert. Und aus meiner Sicht ist es einfach ein Skandal, dass Ludwig Erhard immer noch gefeiert wird als wäre er der Held Deutschlands."

Selbst Grünen-Politiker lassen sich fast zärtlich mit Erhard ablichten. Dahinter steht die Idee, wir fleißigen Deutschen hätten es alleine geschafft. Dabei waren wir wie kein anderes Land auf den europäischen Handel angewiesen – und auf die Hilfe unserer Nachbarn. "Das ist genau das Problem an diesem Erhard-Mythos", sagt Herrmann. "Dadurch verliert man aus dem Blick, wie wichtig die Europäer waren und dass man ohne Europa niemals reich geworden wäre. Und jetzt gerade, wo die Eurozone ja durchaus in der Krise ist, ist es natürlich ungeheuer gefährlich, dass die Deutschen denken, sie könnten alleine weitermachen und irgendwie auch alleine überleben. Sie seien sozusagen der Zahlmeister Europas und allein viel besser dran. Das sieht man ja im Wahlprogramm der AfD."

Das Märchen von der Sozialen Marktwirtschaft

Wir müssen uns endlich verabschieden von den falschen Wirtschaftsmärchen. Das fordert Ulrike Herrmann in ihrem neuen Buch. Und zu diesen Märchen gehöre eben auch Erhards "Soziale Marktwirtschaft". Es lasse uns glauben, dass bei uns der harte Kapitalismus ganz besonders durch die Politik kontrolliert und ausgeglichen wurde.
Aber stimmt das denn nicht? Ging es denn nicht für alle nach oben? Gab es in Deutschland nicht dieses einmalige Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit?

Ulrike Herrmann sagt: "Soziale Marktwirtschaft – da glauben viele Deutsche, wenn sie das hören, dass das Marktwirtschaft wäre mit Sozialpolitik. Aber in Wahrheit war die Idee von Erhard, dass der Markt an sich schon sozial sei. Was natürlich nichts anderes bedeutet, als dass angeblich jeder verdient was er verdient. Was nichts anderes sagt als: die Reichen sind zu Recht reich, wir brauchen hier auch gar keine Gewerkschaften. Erhard war auch strikt gegen Gewerkschaften und hat immer erzählt, man müsste die Löhne jetzt mal wieder senken. Und diese Idee: Wir leben in einer sozialen Marktwirtschaft, deswegen dürfen die Arbeitnehmer dankbar sein, dass sie in diesem perfekten System leben, deswegen sollten sie am besten auch gar keine höheren Löhne verlangen, weil es ist ja schon alles so sozial. Das zieht sich eigentlich bis heute durch. Und man muss sagen tragischerweise war dann Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010 eigentlich der perfekte Erbe von Erhard."

Durch Armut zu Reichtum?

Schröder war stolz darauf, den größten Niedriglohnsektor Europas geschaffen zu haben – in einem der reichsten Länder der Welt. Das Argument: Unternehmen müssten entlastet werden, dann würde auch die Wirtschaft florieren – und alle vom Wohlstand profitieren. "Die ganze Philosophie hinter dem Niedriglohnsektor", so Herrmann, "ist ja schon absurd. Weil dahinter steht die Behauptung: Man wird reich dadurch dass man arm ist. Erst werden die Leute künstlich arm gemacht durch niedrige Löhne und dann soll das zu Reichtum führen. Das ist völliger Quatsch. Armut kann nicht reich machen. Sondern, was Deutschland machen müsste, wäre so schnell wie möglich diesen Niedriglohnsektor zu beenden und alle diese Jobs – Minijobs, Leiharbeit und so weiter – in reguläre Arbeitsverhältnisse umzuwandeln und vernünftige Löhne zu zahlen. Dann würde es hier allen deutlich besser gehen."

Kein Exportüberschuss, sondern Importdefizit

Die Löhne in Deutschland werden niedrig gehalten und so können wir unsere Waren möglichst günstig ins Ausland liefern: Mythos Exportweltmeister. Dabei sind unsere Exportüberschüsse nichts worüber wir uns freuen sollten, sagt Herrmann: "Eigentlich müsste man sagen, was wir haben, sind gar keine Exportüberschüsse sondern ein Importdefizit. Wenn man sich nämlich anguckt, warum es diese Überschüsse gibt, dann sieht man, dass es vor allen Dingen daran liegt, dass die Löhne in Deutschland so niedrig sind. Dass wir zu wenig von unseren Nachbarn kaufen."

Mit unseren niedrigen Löhnen und günstigen Waren setzen wir die anderen Europäer unter Druck. gleichzeitig importieren wir zu wenige ihrer Produkte. Im Gegenteil: wir leihen ihnen Geld, um unsere Waren zu kaufen – wodurch die nicht zurückzahlbaren Schuldenberge immer höher werden. "Von den USA über den Internationalen Währungsfonds, OECD, die Europäische Zentralbank, die Nachbarn, vorneweg Macron: alle sagen, dass in Deutschland die Löhne steigen müssen. Damit Deutschland wächst und damit auch das mit den Importen in Gang kommt. Und das ist eine weltweite Diskussion. Alle sind sich einig was Deutschland machen muss. Nur bei den Deutschen kommt das nicht an", sagt Herrmann.

Gefahr für die Demokratie

Ökonomischer Wahnsinn, und eine Gefahr für die Demokratie. Denn die verspricht uns immer noch die Gleichheit aller Menschen. Herrmann sagt: "Aber die Wirtschaft funktioniert im Augenblick so, dass es extrem ungleich ist und nur die obersten zehn Prozent überhaupt profitieren. Man kann aber nicht politische Gleichheit versprechen und dann eine ökonomische Ungleichheit zulassen, die immer größer wird. Weil dann immer mehr Leute das Gefühl haben, dass sie abgehängt sind, dass sie nicht profitieren. Und dann setzt eben diese Politikverdrossenheit und Staatsverachtung ein. Und das kann man dann durch extreme Parteien politisch ausnutzen."

Es ist also gar nicht so schwer: Wir brauchen einfach neue, gute Geschichten.

Bericht: David Gern

Ulrike Herrmann "Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen"
256 Seiten, 24 Euro
Westend, 13. September 2019

Stand: 16.09.2019 08:29 Uhr

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