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Hoffnung auf Zukunft

Gehen Klimawende und Kapitalismus zusammen?

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Hoffnung auf Zukunft - Klimawende und Kapitalismus? | Video verfügbar bis 15.11.2021 | Bild: hr

Der Wald, unser Wald wie wir ihn kennen – er hat schon begonnen, sich zu verändern. Sie kämpfen für ihn, und unseren Planeten: Die Aktivist*innen von Fridays for Future. Und das Leben, unser Leben.

"Es geht nicht darum, irgendwie zu überleben", sagt die Philosophin Eva von Redecker. "Sondern darum, dass wir in der Zukunft leben können, ohne dass viele Arten aussterben, ohne dass ganze Landstriche unbewohnbar werden, ohne dass Menschen in Überlebenskämpfen gegeneinander aufgebracht werden." Zwei Grad mehr, es wäre zu viel. Fast jedem ist das klar. Und es gibt gute Neuigkeiten: Technisch ist die Abwendung der Klimakatastrophe möglich, das sagen neue Studien. Warum passiert trotzdem so wenig?

Die taz-Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann sagt: "Was fehlt – und das ist eben das Problem – ist die ökonomische Rückkopplung. Wenn man das alles machen würde, was würde das denn bedeuten? Für Arbeitsplätze, Einkommen, für die Ersparnisse? Das fehlt. Das sind aber genau die Dinge, die für die Politik entscheidend sind, um überhaupt zu beschließen, ob man jetzt klimaneutrale Wirtschaft anpeilen kann."

Illusion grünes Wachstum

Grünes Wachstum – Das ist momentan die Zauberformel auch grüner Politiker. Soll heißen: Unsere Wirtschaft wächst weiter wie bisher. Und immer bessere Technik, Wind-, Sonnenenergie sorgen dafür, dass gleichzeitig weniger CO2 ausgestoßen wird – kann nicht klappen. Der Wirtschaftswissenschaftler Mathias Binswanger sagt: "Selbst wenn wir jetzt vollständig umstellen, dann sind da im Hintergrund immer noch Emissionen an die Umwelt, weil wir diese ganzen Rohstoffe gewinnen müssen. Das heißt, dass wir wirklich auf ein 100 Prozent grünes Wachstum kommen, das ist letztlich eine Illusion."

Selbst wenn wir klimaneutralen Wasserstoff aus dem Ausland importieren: Für unendliches Wachstum unserer Wirtschaft reiche Ökoenergie einfach nicht, sagt Ulrike Herrmann. Was wir eigentlich bräuchten sei ein grünes Schrumpfen. Doch das ist gegen die innere Logik des Systems: "Bisher ist es nämlich so: Wenn die Energieeffizienz steigt, sprich, man braucht weniger Energie für eine Wareneinheit, dann war die Lösung im Kapitalismus immer: ‚Okay und dann wächst man.‘ Weil wenn man weniger braucht, um das Gleiche herzustellen, dann steigt die Produktivität und dann kann man sozusagen diese ‚Ersparnis‘ dafür nutzen, dass man mehr herstellt. Genau dieser Mechanismus muss unterbrochen werden."

Ein schrumpfender Kapitalismus: das gab es noch nie. Wie könnte er stabil bleiben? Alles hängt am Wachstum: Schrumpft die Wirtschaft, schmelzen auch Vermögenswerte. Was wird aus Arbeitsplätzen, Renditen, Altersvorsorge? Der Schweizer Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger erinnert, der Kapitalismus ist auch ein Segen: "Das hat natürlich auf der anderen Seite auch sehr viele positive Elemente. Das schafft einen enormen materiellen Wohlstand, es schafft Vollbeschäftigung. Wir leben heute eigentlich sehr gut. Das heißt, das ist ambivalent. Und sobald wir dann merken, dass eben auch diese positiven Aspekte des Kapitalismus wegfallen, dann hört natürlich der Veränderungswillen sehr schnell auf."

Ein neues, funktionierendes Wirtschaftssystem

2020, Corona. Leben und Wirtschaft erlahmen. Viele bangen um ihre Existenz. Andere stellen fest, dass es mit weniger Konsum geht, weniger Flugreisen. Könnte dieses Weniger nicht eine Lehre aus der Pandemie sein? Nein, sagt Ulrike Herrmann, denn gerade jetzt bräuchten wir mehr: mehr Wachstum. "Das ist das Paradox", erklärt Herrmann. "Wir alle wissen, dass wir weniger produzieren müssen, wenn wir das Klima schützen wollen. Gleichzeitig sind wir im Augenblick in der Coronakrise gezwungen, die Wirtschaft anzukurbeln, damit wir keine schwere ökonomische Krise produzieren, die dann nur dazu führt, dass Populisten an die Macht kommen."

Um die Klimawende zu schaffen, seien jetzt nicht nur Naturwissenschaftler, sondern auch Ökonomen gefragt. Sie müssten den Weg in ein neues, funktionierendes Wirtschaftssystem erarbeiten. Ein System, das nicht auf Wachstum und Naturzerstörung basiere.

Ausstieg aus dem Kapitalismus?

"Man kann ja mit der Natur nicht verhandeln", sagt Herrmann. "Das ist ja etwas, das die Schüler von Fridays for Future genau richtig sagen. Das heißt, die Frage ist ja nur noch, ob man rechtzeitig und geordnet aus dem Kapitalismus aussteigt oder ob das System eben kollabiert, ungeordnet, weil es alle planetaren Grenzen grenzenlos überschreitet.

"Ja, wir müssten aus dem Kapitalismus aussteigen, wenn wir eine Alternative hätten. Wir haben aber gar keine Alternative", sagt Mathias Binswanger. Anders als Ulrike Herrmann glaubt er nicht an den großen Systemwechsel, sondern an viele Stellschrauben innerhalb des Kapitalismus: Lokal produzierte Lebensmittel, Unternehmen, die weniger profitorientiert sind und ein alternatives Aktiensystem. Er glaubt: "Wir können eigentlich nur versuchen, das graduell zu verbessern. Das Wachstum etwas mäßigen, ein bisschen mehr Verzicht üben, gleichzeitig aber auch schauen, dass dieses Wirtschaftssystem trotzdem weiterhin funktioniert. Das klingt vielleicht harmlos, aber schon das wäre eine Revolution."

Wir müssen lernen zu verzichten

Aber auch diese Revolution würde Verzicht bedeuten, das Aufgeben von Wohlstandsprivilegien. Aber wir hätten in Zukunft auch gar keine andere Wahl, wenn die Ressourcen knapp werden, sagt Ulrike Herrmann: "Wir müssen verzichten, aber dieser Verzicht muss staatlich organisiert werden. Das muss geplant sein. Man muss genau wissen: Wenn alle anfangen, aufs Auto zu verzichten, was soll dann aus den Leuten werden, die in der Automobilindustrie arbeiten? Man darf nicht einfach sagen: Ja, dann verzichten wir mal. Sondern die gesamte Gesellschaft muss sich erst einmal einigen. Es braucht große Mehrheiten, die sagen: Wir brauchen Verzicht! Und dann muss man sich überlegen: Wie organisieren wir das staatlich?"

Verzicht – das klingt nicht gerade verlockend. Das wird nur möglich, wenn Menschen Verzicht als einen Gewinn begreifen können, glaubt die Philosophin Eva von Redecker. "Wenn man sich den Reichtum und die Schönheit und die Vielfalt der ganzen Welt als etwas vor Augen führt, das man genießen kann und dazu gar nicht besitzen braucht – sondern wir leben eben da drin mit allen Sinnen – dann stellt sich die Frage des Verzichts ganz anders. Wollen wir in Zukunft darauf verzichten, dass Vögel im Wald singen? Oder wollen wir weiter diesen Genuss haben und diesen Reichtum? Und insofern scheint mir die die Verzicht-Debatte den Blick gebannt zu halten auf dieses eigene Regal. Aber das ist ja gar nicht das Leben."

Und genau darum geht es: Das Leben.

Bericht: Katja Deiß

Eva von Redecker "Revolution für das Leben"
320 Seiten, 23 Euro
FISCHER, S., 2020

Ulrike Herrmann "Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen"
320 Seiten, 24 Euro
Westend Verlag, 2019

Mathias Binswanger "Der Wachstumzwang"
295 Seiten, 24,99 Euro
Wiley-VCH, 2019

Stand: 17.11.2020 08:29 Uhr

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