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Gewalt, Trauma und Türkei

Cemile Sahins Roman "Alle Hunde sterben"

PlayCemile Sahin
Gewalt, Trauma und Türkei | Video verfügbar bis 15.11.2021 | Bild: hr

Worte für Unsagbares.

"Ich schrie erst, als die Ratte näherkam. Dann war die Ratte in meinem Mund, und ich wollte erbrechen. (...) Der Wachmann platzierte eine Hand auf meinen Kopf und die andere auf meinem Kinn. Dann drückte er beide Hände aufeinander zu, bis ich auf die Ratte biss und schlucken musste."

"Die Geschichten sind alle natürlich nicht erfunden", sagt Cemile Sahin, Autorin des Buches "Alle Hunde sterben". "Wer sich mit dem Nahen Osten oder vor allem auch mit der Türkei beschäftigt, kommt leider um diese Geschichten nicht herum. Ich habe verschiedene politische Episoden aus der Türkei gepickt und die miteinander verknüpft. Sie sind nicht alle eins zu eins literarisch nacherzählt, sondern ineinander verschmolzen." Am Anfang wird der Schauplatz genannt.

"Ein Hochhaus im Westen der Türkei. Das Hochhaus hat 17 Stockwerke. (...) Es gibt einen Aufzug. (...) Es ist dunkel. (...) Uniformierte betreten das Hochhaus. Sie stürmen die Treppen hinauf."

Neun Menschen aus diesem Haus legen Zeugnis ab: von Staatsgewalt und Folter.  

Minderheiten in der Türkei

"In Deutschland herrscht das Narrativ, dass bevor Erdoğan kam, alles in der Türkei viel besser war. Aber es war nie so", sagt Cemile Sahin. "Die Türkei ist seit ihrer Staatsgründung eigentlich schon immer ein Staat gewesen, der Minderheiten mordet und unterdrückt. Ich wollte vor allem auch zeigen, dass diese Narration, die hier herrscht, erst einmal so nicht stimmt. Und dass die Türkei als Staat schon so viele Genozide und Morde begangen hat, über die es wichtig ist zu sprechen. Und auch, was vor allem mit Minderheiten in diesem Land passiert, die eben nicht türkisch sind. Denn die Türkei ist ein Vielvölkerstaat, obwohl das viele Leute einfach nicht hören wollen."  

Cemile Sahin ist Künstlerin. Ihre Bücher versteht sie nicht als Literatur, sondern als Teil ihrer künstlerischen Arbeit. Sie ist in Wiesbaden geboren, lebt in Berlin. Mehr über sie, Persönliches gar, bittet sie, soll nicht berichtet werden.

Gewalt, bis ins kleinste Detail beschrieben

Spuren legen. Und verwischen. Dieses Bild, immer das gleiche, taucht vor jeder der neun Episoden auf: Ein Parkdeck. "One Way". Amerika? Jedenfalls nicht Türkei. Schon ist das Buch, in dem Folter und Gewalt beschrieben wird: universeller.

 "Zielen, Kopfschuss, tot, man bleibt auf der Straße liegen. (...) Mein Onkel hatte größere Angst davor, auf offener Straße mit diesem einen Kopfschuss niedergestreckt zu werden als vor dem Verschwinden."

"Diese Art von Sprache, die ich eben in dem Buch gewählt habe, war einfach die passendste für mich", so Sahin, "weil ich glaube, dass wenn man über Gewalt schreibt, man überhaupt nicht doll abstrahieren darf oder verschiedene Fiktionsschichten draufsetzen sollte, weil man sich dadurch vom eigentlichen Geschehen entfernt. Und deshalb war es natürlich eine bewusste Entscheidung, die Sprache so zu wählen, wie ich sie gewählt habe."

Vor allem: Fiktion

Ihr Buch, bittet sie, soll von ihrer Person getrennt gelesen werden. Keine identitätspolitischen Fragen! Aber ein bisschen bedient sie das auch selbst: trägt einen Fan-Schal von "Amed Spor", einer kurdischen Fußballmannschaft, deren Spieler in der Türkei angefeindet werden. Die Journalisten, die – begeistert – über sie schreiben, bringen oft ihre Biografie mit dem Buch in Verbindung. Es ist aber vor allem: eine Fiktion. Ein Drehbuch, das sie selbst verfilmen möchte.

"Ich war zehn, als ich meine erste Kamera geschenkt bekommen habe von meinem Vater", erzählt Sahin. "Dann habe ich sehr früh angefangen mit meiner Schwester Filmscripts zu schreiben und diese Filme nach zu inszenieren, mit uns beiden in der Hauptrolle. Das haben wir jahrelang gemacht. Es waren keine Märchen, auf gar keinen Fall Märchen. Es waren eigentlich Fantasie-Geschichten, Geschichten aus verschiedenen Storys, zusammengeplottet, ganz viel aus Cartoons, ganz viel aus den Simpsons. Dann ein bisschen Drama von türkisch-kurdischen Serien." 

Die Sprache des Buches ist erstaunlich: einfach, mit flackerndem Puls. Hart und lakonisch.  

"Wollt ihr, dass ich sterbe? Ja, riefen sie. Sie prügelten auf mich ein, bis ich bewusstlos war."

"Ich fange erst an zu schreiben, wenn ich wirklich, wirklich weiß, was ich schreiben will", sagt Sahin. "Und dann schreibe ich es auch chronologisch von Anfang bis zum Ende nieder. Aber was so diesen Rhythmus angeht: Ich achte natürlich schon sehr darauf, wie Sprache klingt, aber ich versuche es immer fast schon... Ich würde es nicht musikalisch nennen, sondern sprachlich zu lösen, sodass es sprachlich in einem Rhythmus ist, indem man es am besten erzählen kann. Und ich orientiere mich da tatsächlich auch sehr viel am Film, weil ich einzelne Sätze einfach so versuche zu schneiden, dass sie eine gute Bildkomposition ergeben."

"Die Soldaten sagen: Nachts kommen die Terroristen. Aber vorher kommen wir."  

Alles passiert im Jetzt

Das Buch "Alle Hunde Sterben" ist nicht nur ein endloser Fluss der Gewalt, sondern gleichzeitig das Nachdenken darüber, wie man Gewalt literarisch darstellen kann.

"Alles was ich schreibe, passiert im Jetzt. Es ist nicht so, dass ich ein Sammelsurium von Geschichten habe und dann ist es eine Erinnerung von früher oder es ist abgekoppelt davon. Sondern: Alles was ich schreibe, ist im Jetzt. Und natürlich ist die Türkei immer noch so, ja. Man kriegt nur sehr viel von dem, was dort passiert, hier einfach nicht mit." 

 "Das Feuer beginnt erst in den Bergen... Dort sterben die Tiere / Wenn es bei uns ankommt / sind wir diesmal in den Wohnungen / Und ersticken dann hier." 


Bericht: Andreas Krieger

Cemile Sahin "Alle Hunde sterben"
239 Seiten, 20 Euro
Aufbau Verlag, 2020

Stand: 15.11.2020 17:59 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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