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Das wahre Gewicht der Goldketten

Die Gangsterrapperin Haiyti und ihr neues Album "Influencer"

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Das wahre Gewicht der Goldketten | Video verfügbar bis 15.11.2021 | Bild: hr

Gangsterrapper, Kunststudentin, Prollmieze. Unaufhörlich wechselt Haiyti die Rollen: Heute will sie ein Vampir im Weltraum sein. Passender Treffpunkt: Planetarium Prenzlauer Berg.

"Ich hatte heute Morgen um 7 wirklich wieder so einen Psycho. Und dann musste ich mir erst einmal eine Valium knallen, damit ich heute hier fit bin." Haiytis Thema: Der Griff nach den Sternen. Und das Scheitern dabei. "Ich weiß ja nicht, wie es in euren Leben aussieht", sagt sie, "aber jedes Mal denke ich… puh. Wann geht es jetzt mal los und ich wohne in einer Loftwohnung und ein kleiner Porsche steht vor der Tür? Aber so ist es nicht. Jeden Tag ist Krieg."

Kühne Träume eines Mädchens von der Straße

Haiyti bedient die Klischees des Gangsterrap. Aber bei ihr klingt sie immer mit: Die Leere zwischen den Statussymbolen, das wahre Gewicht der Goldketten. Sie rappt über Trips nach St. Tropez, Drogentrips in Mailand: Kühne Träume eines Mädchens von der Straße.

"Also erst einmal komme ich aus Hamburg Langenhorn, da hat man Schläge bekommen, wenn man die Socken nicht über die Hose gezogen hat", erzählt Haiyti, die im echten Leben Ronja Zschoche heißt. "Mutter Taxifahrerin, eine Schwester, alleinerziehend, Sozialwohnung. Also den Ghettolebenslauf habe ich."

Reime bleiben ihre Sehnsucht

In den Kiezkneipen von St. Pauli findet sie Zuflucht und verliert sich darin. Haiyti sagt: "Straße ist der Ort, wo man aufwächst, aber wo man eigentlich wegwill. Und das verstehen die Leute nicht. Natürlich kann man das auch feiern: Straße hier, Straße da. Aber in Wirklichkeit… Wer will das schon?"

Irgendwann reicht es ihrer Mutter: Sie steckt die Tochter in eine Ein-Euro-Maßnahme des Arbeitsamtes. Dort wird Haiytis Talent entdeckt – für Malerei. Sie landet schließlich auf der Kunsthochschule, ohne Abi. Ihre Dozenten prophezeien ihr eine große Karriere, doch Reime bleiben ihre Sehnsucht. "Ich habe bis heute noch nie ein Buch gelesen", sagt Haiyti. "Mein Interesse früh, mit 13 oder 14, das fing an mit Gedichten von Fontane. Weil ich es einfach cool fand, dass sich Wörter gereimt haben. Und dass das irgendwie eine Energie gibt – oder eine Romantik."

Einsam sein, um die Welt zu verändern

Haiytis Musik ist das, was bleibt, wenn die letzte Zigarette aufgeraucht ist. Schön – wie das Muster eines kaputten Handydisplays. Zerbrechlich – und wehrhaft.

"Da sind auch keine Tussi-Nägel, das sind Grabräuber-Nägel", sagt Haiyti und hält ihre Fingernägel in die Kamera. Eine "Frau im Rap" will sie nicht sein. Den Bonus können andere haben: "Diese Frauenkartengeschichte fängt schon mal damit an, dass ich mich gar nicht als Frau fühle. Ich bin früher BMX gefahren. Als die anderen Mädels sozial wurden, wurde ich zum BMX-Fahrer im Wald. (lacht) Ich weiß nicht… Bin ich jetzt eine Frau oder ein Mann? Auf diese Diskussion habe ich gar keinen Bock. Ich weiß es doch selber nicht."

Und was will Haiyti als nächstes? Natürlich alles.

"Ich will halt mehr. Und ich kann auch mehr. Und wieso soll ich jetzt, nur weil die Leute nicht weiter im Kopf sind… Das ist ja auch nichts Schlimmes, aber die meisten Leute sind eben 08-15. Ich bin Manifestor. (lacht) Und ich habe das Schicksal allein und einsam zu sein, um die Welt zu verändern."

Bericht: Jella Mehringer

Haiyti "Influencer"
Vinyl 26,99 Euro
Hayati Musik (Warner), 4. Dezember 2020

Zeiss Großplanetarium
Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin
www.planetarium.berlin/veranstaltungen

Stand: 15.11.2020 23:05 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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