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"Morgen ist da"

Navid Kermani über die Kraft der Rede und seinen Blick auf Deutschland

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"Mehr als Tausend Ertrunkene im Mittelmeer. Das war mein Fernsehabend letzten Mittwoch. Und dann? Dann bin ich Zähneputzen gegangen – mit einem ganz mulmigen Gefühl. Einem Menschen in Not die Hand zu reichen ist nichts, was wir lernen müssen. Es ist etwas, das wir im Laufe unseres Lebens verlernt haben."

Es sind Sätze, die Navid Kermani bei der Trauerfeier des Cap Anamour-Gründers Rupert Neudeck gesprochen hat. Eine seiner eindringlichen Reden. Immer aus der Tiefe der eigenen Empfindung und doch gleichzeitig eine wahrhaft humane Gesellschaft fordernd.

"Das Christentum, auf das sie sich manchmal berufen, hat sie die Gnadenlosigkeit schon gar nicht gelehrt. Genauso wenig übrigens, wie die deutsche oder abendländische Kultur, die sie zu schützen vorgeben. Wenn die deutsche oder die abendländische oder überhaupt irgendeine Kultur etwas lehrt, dann ist es die Großmut, dann ist es die Gastfreundschaft."

Die dringlichsten Fragen der Zeit

"Morgen ist da" versammelt Reden von Gestern. Seine unbeirrbaren, bewegenden und nachdenklichen Ansprachen. 20 Jahre komprimiert und gleichzeitig die dringlichsten Fragen der Zeit. "Morgen ist da", der Titel des Buches, ist Herrn Ömer zu verdanken, dem verstorbenen Besitzer der Buchhandlung, in der Navid Kermani über die letzten 29 Jahre seine vielen Tausend Bücher gekauft hat. "Das ist so eine schöne Geschichte, die soll man lesen", sagt Kermani. "Wenn ich Lesungen habe, sage ich immer den Moderatoren vorher, sie sollen den Titel nicht verraten. Denn es ist doch schön, wenn man das erst auf Seite 350 entdeckt. Das kriegt man gar nicht so schön hin, wenn man es erzählt, wie wenn es geschrieben ist."

Kein Agitator, aber doch moralische Instanz?

Er schreibt lieber, auch seine Reden. Mindestens zwei Monate widmet er sich den Themen, die er dann seinem Publikum vorträgt. Jedes Wort nimmt er ernst – aber die Rolle des öffentlichen Intellektuellen, in der ihn viele sehen, die hält er für gestrig. "Enzensberger und Walser und ich weiß nicht wer – bis auf Kluge, der ja auch zu der Generation gehört – das ist doch höchst problematisch, was sie öffentlich aus ihrer Mahner-Funktion gemacht haben", so Kermani. "Insofern weiß ich gar nicht, ob das so toll ist, wenn es da diese Figur, dieses Wunschbild des öffentlichen Intellektuellen gibt, der in bestimmten Situationen den Leuten sagt: 'So und so müsst ihr denken.' Das ist mir eher suspekt."

Er will Komplexität, Ambivalenz, dass die Menschen verstehen, dass sie nicht verstehen. Kein Agitator, aber doch moralische Instanz? Kermani sagt: "Das sind öffentliche Reden, die in dem Buch versammelt sind und ich glaube, dass, wenn es die gibt, die Wucht daher kommt, das jemand wie ich den ganzen Tag alleine ist. Dass er grade nicht viel redet. Meine Arbeit ist ja eine sehr einsame. Also, ich sitze den ganzen Tag im Büro, an meinem Schreibtisch, lese meine Bücher, oder bin auf Reisen, meistens alleine. Klar, wenn ich Reporter bin, rede ich, meine eigentliche Arbeit ist aber eine stille, einsame Arbeit. Und dann ist der Moment, dass ich mal an ein Podium trete und dann vor so vielen Leuten rede – ich gehe auch nicht oft ins Fernsehen, das ist nicht mein Ding – dann ist das für mich selbst schon ein besonderer Moment."

Es geht um Freiheit, Vielstimmigkeit, Frieden

2014 hielt er  im Bundestag die Festrede zu "65 Jahre Grundgesetz". Das Kind von Einwanderern feierte die Demokratie und unsere freiheitliche Verfassung.

"Und doch beginnt ausgerechnet der erste Satz des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland mit einem Paradox", sagte er damals. "Denn wäre die Würde des Menschen unantastbar, wie es im ersten Satz heißt, müsste der Staat sie gar nicht achten und schon gar nicht schützen, wie es der zweite Satz verlangt. Die Würde ist unantastbar und verlangt dennoch des Schutzes." Beide Sätze können nicht gleichzeitig wahr sein, sagte Kermani, aber: sie können sich gemeinsam und nur gemeinsam bewahrheiten.

Das Grundgesetzt habe Wirklichkeit geschaffen durch die Kraft des Wortes. Norbert Lammert, der langjährige Präsident des Bundestages, hatte ihn 2014 für die Rede über das Grundgesetz vorgeschlagen. Auf einer Veranstaltung in Köln stellen beide gemeinsam dem Kölner Publikum Kermanis neues Buch vor. Darin stehen Trauerreden auf seinen Vater oder Rupert Neudeck neben einer Geburtstagsrede für den 1.FC Köln, eine Rede vor der Goethe-Gesellschaft, eine Dinner-Speach für eine Investment-Bank oder die Dankesrede für den Friedenspreis. Immer spricht er persönlich, immer trifft er die Lebensnerven der Gesellschaft. Es geht um Freiheit, Vielstimmigkeit, Frieden, Erinnerungsverantwortung UND deren Bedingungen.

"Danke, Deutschland."

Er bringt die Geistesgeschichte Europas mit der des Orients zusammen. Und immer ist Ernsthaftigkeit und Herzenswärme der Grundgestus. Zurück zur Rede über das Grundgesetz. Norbert Lammert sagt darüber: "Ich war mir subjektiv sehr sicher, dass wenn er es überhaupt macht, es genau diesen nicht typischen, nicht üblichen, eher überraschenden, manche vielleicht auch provozierenden Blick auf einen der bedeutendsten Texte geben würde, die je in deutscher Sprache formuliert worden sind."

Am Ende dieser Rede sagte Kermani: "Danke, Deutschland." Er erklärt ihn so: "Das ist ein sehr affirmativer Satz. Es ist ja eigentlich für einen Schriftsteller der abwegigste. Wir sind dafür da, dass wir kritisieren. Dass wir Dinge gut finden, ist ja nicht das, was uns beschäftigt. Wir sind dazu da, in unserer Kultur, in unserem eigenen Land, Dinge kritisch zu sehen. Das ist unser Auftrag. Das heißt, ich musste einen sehr weiten Weg gehen, damit diese beiden Worte glaubwürdig gesagt werden konnten."

Zunehmende Ungleichheit

Grade beschäftigen ihn die Bedrohung Europas und die Angriffe auf den Wesenskern der liberalen Demokratien, die dramatisch zunehmende Ungleichheit in der Verteilung des Reichtums. "Wenn schon in einer Gemeinschaft wie der Europäischen Union die Lebensverhältnisse so unterschiedlich sind", sagt Kermani, "dann bricht das, das ist völlig klar. Es werden Menschen versuchen, hier hinzukommen. Wir werden versuchen, sie abzuhalten. Wir zerstören unser eigenes Gemeinwesen, unsere eigene Zivilisation, weil wir immer härter werden müssen, allein da schon schaden wir uns selbst."

"Das Bemühen darf nicht verschwinden."

Da ist sie wieder, die Würde des Menschen. Wer sie antastet, zerstört die wechselseitige Anerkennung aller Menschen. Innen wie Außen. Und der alternative neue rechte Rassismus?
Kermani sagt: "Ist der denn wirklich so neu? Denken Sie an die 90er Jahre. Ich hatte damals wirklich viel, viel mehr Schwierigkeiten in diesem Land. Ein Helmut Kohl, der sich geweigert hat, nach Solingen zu gehen, um der Familie zu kondolieren, weil er meinte, das sei eine Sache des türkischen Außenministers. Ich kam mir als jemand mit schwarzen Haaren und einem damals noch  iranischen Pass in diesem Land, Anfang der 90er Jahre, viel verlorener vor als heute. Weil ich da überhaupt nicht wahrgenommen habe, dass es da eine Art von Solidarisierung gab. Außer Aktionen in der Gewerkschaft wie "Mach meinen Kumpel nicht an" oder so etwas, war da nicht viel. Und heute wird es immerhin ausgesprochen, dass das verachtenswert ist. Das bedeutet nicht... Ich habe einfach einen längeren Atem. Ich denke einfach, das wird es sowieso geben. Das hört auch nicht morgen wieder auf. Selbst wenn die AfD irgendwann mal wieder bei vier Prozent ist, dann wird das eben anderswo wieder auftauchen. Das verschwindet nicht. Also darf das Bemühen auch nicht verschwinden."

Heute muss jeder von uns ein bisschen mehr tragen, als ein mulmiges Gefühl, sagt Kermani. Er wird weiter Reden schreiben. Und wir?

Bericht: Edith Lange

Navid Kermani "Morgen ist da: Reden"
368 Seiten, 26 Euro
C.H.Beck, Oktober 2019

Stand: 16.12.2019 07:46 Uhr

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