SENDETERMIN So., 15.12.19 | 23:35 Uhr | Das Erste

"Fiktion Kongo"

Vorurteile und Folgen auf beiden Seiten der Kolonisation

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Die Ausstellung "Fiktion Kongo" versucht etwas Besonderes: Hippe, international angesagte Kunst aus dem Kongo trifft auf Tradition. Ein Clash mit der eigenen Kultur. Und unseren Klischees, die sich so ins Hirn gebrannt haben, wenn’s um Afrika geht. Die spannendsten Künstler des Kongo sind hier. Wie tickt dieses Land heute? Wie lang ist der Schatten der belgischen Kolonialherrschaft, die als eine der brutalsten galt? Kann sich eine Gesellschaft von diesem Trauma erholen?    

"Das ist ein Bruch, der sehr tief geht", sagt der Künstler Sinzo Aanza. "Kolonisation ist ein grundsätzlicher Bruch. Auch im spirituellen Denken: Da stellt man sich schon mal die Frage, warum man auf der Welt ist. Aber natürlich ist es auch ein wichtiger historischer Moment. Eine Katastrophe, für die Menschen, die das erlitten haben – und auch die Nachkommen."

Erst kamen die Missionare, dann die Geschäftsleute

Die Taue in Sinzo Aanzas Installation erinnern an die Schiffe, mit denen afrikanische Güter in die Welt geschafft wurden. In der Ausstellung dreht sich alles um damals und heute: erst kamen die Missionare, dann die Geschäftsleute mit ihrer Gier – daran hat sich nichts geändert. "Die Idee zu dieser Installation ist durch eine Figur gekommen, die wir auf meinem Bild sehen können", so Aanza. "Die erste Person oben trägt einen großen Fetisch. Als ich hier ankam, ist mir das Original-Foto davon sofort aufgefallen. Da war also dieser Mann zu sehen, der einen Fetisch schleppt, um ihn zu verkaufen!"

Den europäischen Blick überwinden

Das Foto vom Verkauf des Fetischs und auch die Skulptur selbst stammen aus der einzigartigen Sammlung des Museum Rietberg. Bilder aus den 30er Jahren, inmitten der Kolonialherrschaft. Der deutsche Ethnologe Hans Himmelheber hat sie vor rund 80 Jahren zusammengetragen. Ein interessierter Wissenschaftler, der die Bedeutung der Werke erkannte – und trotzdem die Perspektive des vermeintlich überlegenen Europäers nicht ganz ablegen konnte.

Der Künstler David Shongo bringt die Fotos von Hans Himmelheber in einen neuen aktuellen Kontext. Um den europäischen Blick zu überwinden, der den Kongo oft nur als armes, rückständiges Land begreift. Shongo sagt: "Die Arbeit von Himmelheber ist Teil einer Propaganda. So, wie die Ethnografie und die Anthropologie eine große Rolle bei der Kolonisierung gespielt haben. Sie haben die Kolonisierung verfestigt mit den Bildern, die sie vom Kongo erzeugt haben: Dass alles unter-, unter-, unterentwickelt sei. Keine Zivilisation. Und so wurde der Kongo damit zur reinen Handelsware."

Die Menschen wurden mit Waffen unterworfen und ebenfalls zu Objekten des Wirtschaftprojekts namens "Kolonisation". Bei Shongo tragen sie zum Beispiel Barcodes - wie Waren im Supermarkt. Ihrer Würde beraubt – und ihrer Kultur.

Sapeure: Ein Spiel mit Codes und Status.  

Die Künstlerin Fiona Bobo ist in Zürich aufgewachsen. Ihr Vater war Kongolese. Sie zeigt mit ihren Fotos die afrikanische Subkultur der Sapeure, die aus dem Kongobecken stammt. Extrem elegant und extravagant gekleidete Menschen, die so gar nicht dem Klischee des armen Schwarzen entsprechen. Die Sapeure sind Ausdruck einer selbstbewussten schwarzen Kultur. Ein Spiel mit Codes und Status.  

"Das geht sicher zurück bis in die Kolonialzeit", erzählt Bobo, "wo es einige Kongolesen gab, die das natürlich mitbekommen haben, wie die weißen Herren gekommen sind mit ihren Hüten und ihrer westlichen Kleidung. So viel ich weiß, war das auch so ein bisschen eine Revolution – den Menschen zeigen, dass sie auch fähig sind, sich mit ihrer Kleidung so zu präsentieren."

Rückführung von Kunst: Das Problem bleibt

Aber was verbindet die Künstler noch mit dem alten Erbe, das dieses Museum besitzt? Oft Werke mit besonderer spiritueller Bedeutung. Was halten sie von der Debatte um die Rückführung von Kunst in ihre Ursprungsländer? Was bedeutet ihnen zum Beispiel die alte Statue vom historischen Foto, die der Wissenschaftler Himmelheber gekauft hat?

Sinzo Aanza sagt: "Selbst wenn man davon ausgeht, dass diese Objekte wieder zurückkommen – in den Kontext, aus dem sie gerissen wurden: Sie kommen nicht mehr mit demselben Wert zurück. Wenn man zum Beispiel ein Objekt aus einem Museum in Europa holt, um es zurückzubringen in ein Museum im Kongo, dann passiert genau das: Das Problem bleibt. Und genauso, wenn man es in sein Dorf zurückbringen würde. Da findet man ja nicht unbedingt Leute, die zu dem Objekt die gleiche Beziehung haben wie früher."

Die Schäden der Kolonialzeit, sie sind nicht wieder gutzumachen. Aber die Ausstellung “Fiktion Kongo” bricht mit alten Klischees und zeigt ein junges, selbstbewusstes Afrika.

Bericht: Alexander C. Stenzel

"Fiktion Kongo – Kunstwelten zwischen Geschichte und Gegenwart"
Museum Rietberg Zürich
22. November 2019 bis 15. März 2020

Stand: 16.12.2019 07:48 Uhr

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