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Art Basel

Investmentparadies für Milliardäre

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Art Basel | Video verfügbar bis 16.06.2020 | Bild: ttt

Einmal im Jahr, zwei Tage bevor die Art Basel richtig losgeht, versammelt sich hier eine illustre Schar zum Austern knacken und Champagner trinken – Zugang nur mit Einladung. "Also man kann sich das nicht kaufen", sagt Elke Buhr, Chefredakteurin des Monopol Magazins. "Sondern man muss bei guten Galerien, die auf der Art Basel vertreten sind, ein regelmäßiger Sammler sein. Also man muss einfach mal ein paar hunderttausend Euro ausgegeben haben dafür, dass man Kunstwerke hier gekauft hat. Dann wird man auf die VIP-Liste gesetzt und dann kommt man auch rein."

Was ist der Wert der Kunst?

Sobald die Tore der Art Basel geöffnet werden, gibt es Geschiebe selbst unter den Auserwählten. Sie betreten die wichtigste Kunstmesse der Welt, den Pulsmesser des internationalen Kunstbetriebs, aber gleichzeitig einen Raum, in dem sich der gigantisch gewachsene Reichtum der Welt trifft und verzweifelt nach Geldanlagen sucht. Ein Besucher aus einer Galeristenfamilie erzählt: "Ich hatte nicht genug Geld damals. Aber meine Frau sagte: leih es dir. Jetzt ist es bei 35 Millionen Dollar. Aber es ist jeden Penny wert." 35 Millionen Dollar hier, 8,5 Millionen Dollar für einen Chagall. Was ist der Wert der Kunst? "Ein Bild wie dieses wird nie langweilig", sagt der Besucher. "Es wird Sie immer glücklich machen, wenn Sie es zu Hause hängen haben. Das ist wichtig."

An anderer Stelle hängt ein Gerhard Richter. Er wurde soeben verkauft – für 20 Millionen Euro. ‘Versammlung‘ heißt das Bild. Es hing 50 Jahre lang in einer Mailänder Privatvilla. Wir wissen nicht, ob es wieder in einem Wohnzimmer verschwindet oder in einem wohltemperierten Depot, um auf den kommenden, wahnsinnigen Wertzuwachs zu warten.

Reich und kreativ?

Inzwischen hat sich ein neuer Typus des Sammlers durchgesetzt: schwerreiche Stars der Finanz- und Tech-Branche. Für sie ist Kunst ein geiles Spielzeug, mit dem man Geld verdienen kann ohne irgendwas dafür zu tun. Bedient werden ihre Wünsche von global agierenden Kunstmagnaten, den Megastars unter den Galeristen. Ein Verhältnis gegenseitiger Wertschätzung.
Marc Glimcher, CEO der Pace Gallery, sagt: "Heute ist es so, dass die reichsten Menschen auch die kreativsten sind. Wir sehen also eine neue, sehr spannende Verbindung zwischen denen, die sich das Sammeln leisten können und den Künstlern. Deshalb haben wir eine Galerie in Palo Alto eröffnet und arbeiten sehr hart in Städten wie Austin oder Shenzen."

Elke Buhr ist eine professionelle Beobachterin all dieser atemberaubenden Entwicklungen, die mit der Kunst und ihren Märkten gerade passieren. "Früher kamen die Sammler für zwei, drei Tage nach Basel, guckten sich in Ruhe alles an", erzählt Buhr. "Und heute ist es so, dass teilweise diese Hedgefonds-Manager kommen und die haben nur zwei Stunden, rennen über die Messe und müssen in der Zeit alles geregelt haben. Das heißt, dass sich auch der Kunsthandel extrem beschleunigt hat."

Die kleinen Galerien verlieren, die Big Player gewinnen

Wenn die Sammler denn überhaupt noch kommen und nicht gleich im Internet kaufen. Kunst muss heute auch auf Instagram knallen. "Also der Jeff Koons, der jetzt gerade hinter mir ist: Der sieht einfach aus wie Geld", so Buhr. Und er verkauft ihn: Larry Gagosian macht mit seiner Galerie alleine mehr Umsatz als der gesamte deutsche Kunstmarkt. Die wenigen Big Player, zu denen auch David Zwirner und Marc Glimcher gehören, machen momentan das große Geschäft. "Das Top-Segement, das verdient immer mehr", so Buhr. "Aber die mittleren Galerien haben Probleme. Und das ist sehr schade, weil das sind diejenigen, die die Künstler entdecken, die die Künstler aufbauen."

Die Ungleichheit wächst – auch auf dem Kunstmarkt. Christian Nagels Galerie hat schon einige vielversprechende Künstler entdeckt. Dann passierte, was immer passiert: "Irgendwann kommt dann eine kapitalträchtigere Galerie und sagt zur Künstlerin: ‘Wir geben dir jeden Monat, egal was du verkaufst, 30.000 Euro und du gibst uns die Rechte an deinen Arbeiten.‘ Da sind ganz wenige Künstler so stark, das nicht anzunehmen, weil sie das für ihre Karriereplanung brauchen." Marc Glimcher, Pace-CEO, entgegnet dem: "Wir sind kein Wohltätigkeitsverein, okay? Wir sind Konkurrenten. Aber: Wenn das Ökosystem des Kunstmarktes die kleinen und mittleren Händler verliert, dann wird das sehr zerstörerisch." Die Großen wissen, dass sie die Neuentdeckungen der Kleinen brauchen.

Kunst jenseits des Geldes

Christian Nagel zeigt in diesem Jahr Kunst aus Saudi-Arabien: Der Künstler Abdulnasser Gharem lässt uns den letzten Gang des Journalisten Jamal Kashoggis in die saudische Botschaft in Istanbul nachvollziehen, wo dieser überfallen, gefoltert und zerstückelt wurde. In dem weißen Raum steht ein Seziertisch, blutrote Tinte klebt an den Wänden. Der Arzt soll bei seiner Arbeit Klassik gehört haben. "Die Menschen glauben oft, dass sie nur mit dem Kopf oder den Augen verstehen", sagt  Gharem. "Nein, ich will den ganzen Körper ansprechen. Nur mit dem ganzen Körper können wir hier etwas lernen."

Vor der Tür der Rauminstallation warten ziemlich viele Körper darauf, durch dieses Kunstwerk etwas zu lernen.
In diesem Kaufhaus der millionenschweren Werke gibt es sie also auch: Die Kunst, die uns berührt, die radikal ist, die auffängt, was in der Welt passiert, die etwas will. Fragt sich, wann sie richtig teuer wird. Politische Kunst geht grade nämlich supergut.

Bericht: David Gern

Stand: 16.06.2019 23:05 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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