SENDETERMIN So, 16.06.19 | 23:05 Uhr | Das Erste

Bartholomäus Grill

Sehen wir uns immer noch als Herrenmenschen?

PlayBartholomäus Grill
Bartholomäus Grill | Video verfügbar bis 16.06.2020 | Bild: ttt

Weite Strände, Wüste – Landschaften, die Afrika-Korrespondent Bartholomäus Grill liebt. Bis vor hundert Jahren war Namibia eine deutsche Kolonie. Sie sei in unseren Köpfen immer noch quicklebendig, sagt er. Sie präge unsere aktuellen Ressentiments und Vorurteile, auch wenn wir das Fachwerk an der Küste Südwestafrikas gar nicht kennen.
"Wir brauchen eine neue Debatte über den Kolonialismus", sagt Grill. "Wir müssen unsere Lehrbücher ergänzen, unsere Schulbücher. Wir müssen viel mehr darüber nachdenken, wie wir Reparationen leisten können, koloniale Raubgüter zurückgeben. Und wir müssen uns alle selber fragen, welche Rückstände des kolonialen Blickes in uns selber sind. Wie viel Rassismus ist in uns allen?"

Unsere rassistische DNA

Wie viel ist übrig geblieben von der Mentalität der Herrenmenschen, die hier 1884 die deutsche Kolonie Südwest gründeten? Für sein aktuelles Buch "Wir Herrenmenschen" ist Grill in alle deutschen Ex-Kolonien gereist, das grausamste Kapitel spielte hier in Namibia. Die Deutschen, ihre Waffen und ihre Waren kamen über den Küstensteg nach Swakopmund. Siedler, Kaufleute und vor allem die Armee, die Mitglieder der sogenannten Schutztruppe.
Das Deutsche Reich hatte keinen Hafen in Südwest, nur diesen Steg, er war das deutsche Eingangstor zum südlichen Afrika – Und zu einer kurzen Episode in der deutschen Geschichte, die aber umso nachhaltiger unsere aktuelle Weltsicht, unsere Vorstellung von Afrika und den Afrikanern geprägt hat. Grill beschreibt das so: "Es ist als ob wir in der Kolonialzeit eine geradezu rassistische DNA bekommen hätten. Die Wahrnehmungsraster, die Stereotype, die Zerrbilder, die damals geprägt wurden, wirken fort bis in die Gegenwart."

Auch wenn der Rassismus und Apartheit im heutigen Namibia vordergründig keine Rolle mehr zu spielen scheinen – Schwarze und weiße Schüler gehen gemeinsam zur Schule. Alles wirkt wie ein Kolonialidyll, gepflegt von den Nachfahren der Deutschen: "Sehr viel Nostalgie, Kolonialromantik, Verklärung – und da ist eben die Architektur ein Teil dieser Verklärung. Und die soll auch zeigen: Seht mal, was wir hier geschaffen haben. Wir haben diesen Kontinent entwickelt, wir haben ihn hochgebracht. Wir haben hier die Zivilisation und die westliche Kultur eingeführt. Wir waren eigentlich sowas wie frühe Entwicklungshelfer."

Das Geschichtsbild der Kolonisatoren

Nachgeschobene edle Motive. Tatsächlich suchte der frühe Kapitalismus nach Rohstoffen, neuen Märkten und die Nationen nach Weltgeltung. "In Wirklichkeit waren es auch ideologische Vorwände, um sie zu plündern und auszubeuten und man hatte auch kein schlechtes Gewissen dabei, wenn man Afrikaner und Afrikanerinnen wie Untermenschen behandelte. Die waren ja irgendwie angesiedelt zwischen Mensch und Tier. Triebgesteuert, faul", so Grill.
Rassenbiologischer Quatsch, den Philosophen des 19. Jahrhunderts verbreiteten. Dennoch teilen viele junge Namibier das Geschichtsbild der Kolonisatoren. Eine Schülerin erzählt Grill: "Ich würde sagen, die Deutschen haben irgendwie versucht, unser Land aufzubauen. Auch wenn sie uns kolonisiert haben, brachten sie das Land vorwärts. Aber die Südafrikaner haben versucht, uns zu zerbrechen." Grill fragt: "Aber haben die Deutschen nicht Zwangsarbeit eingeführt und Namibia ausgebeutet?" Ein anderer Schüler antwortet: "Ja, aber für mich haben die Deutschen  nur die Bodenschätze ausgebeutet und all das. Und die einzigen angegriffenen Ziele waren Gruppen wie die Herero und die Nama. Die anderen Gruppen waren nicht wirklich beteiligt. Die Deutschen haben nicht das ganze Land angegriffen."

Ein europäisches Verbrechen

Sie haben das Volk der Herero und der Nama nahezu vollständig vernichtet, zwischen 1904 und 1908 schlugen sie deren Aufstand nieder oder trieben sie in die Wüste und ließen sie verdursten. Namibias Denkmäler zeigen bis heute ausschließlich die Soldaten der sogenannten deutschen Schutztruppe. "Männer, die den Heldentod starben", steht auf einer Gedenktafel. "Hier sieht man zum Beispiel die verschiedenen Schlachtplätze. Und der berühmteste war der Waterberg", so Grill.

50.000 bis 80.000 Menschen starben, ein grausamer Vernichtungskrieg, der von einigen Historikern als Völkermord im Vorfeld des Holocaust bezeichnet wird. Bartholomäus Grill hält das für falsch. Er hat lange recherchiert, die Originalquellen studiert. Die Deutschen seien Rassisten und Sadisten gewesen, hätten aber genau so Kriegsverbrechen begangen wie die Franzosen in Algerien oder die Briten im Sudan. Grill sagt: "Es gab keinen deutschen Sonderweg. An der Spitze der deutschen Eroberung steht der weiße Mann. Der weiße europäische Mann, egal ob der ein Portugiese, ein Brite, ein Franzose oder ein Deutscher war. Und sie haben überall gleich gehandelt. Sie haben die Völker unterworfen, sie haben das Land geraubt, sie haben die Menschen unterdrückt. Da gibt es keinen Unterschied. Und daraus abzuleiten, dass von Windhoek oder Namibia eine direkte Traditionslinie nach Auschwitz führt, ist einfach nur absurd."
Viele Herero liegen auf dem Friedhof von Swakopmund begraben. Sie starben in den Lagern, in denen sie gefangen gehalten wurden an Gewalt und Vernachlässigung, nicht an systematischer Vernichtung.

Nach wie vor rassistische Strukturen

Heute ist Namibia ein demokratisches Land, weit und oft menschenleer. Die meisten der nur 2,5 Millionen Einwohner leben in der Hauptstadt Windhoek, in der die Zeugnisse der Kolonialzeit unübersehbar sind. Nach den deutschen Kolonialherren kamen die Südafrikaner und führten die Apartheit ein, das wirkt bis heute nach. Uno Katjipulea ist Rechtsanwältin und kämpft dagegen. Sie sagt: "Durch Apartheid haben wir gelernt, zu glauben, dass Weiße besser sind als Schwarze, dass Männer besser sind als Frauen. Und von daher, wenn man ein weißer Mann ist, vor allem ein alter weißer Mann, ist man in der allerbesten Position."

Immer noch: In der Wirtschaft, in der Justiz. Auch wenn die politische Macht des Landes überwiegend in der Hand von Schwarzen liegt. Die rassistischen Strukturen sind nach wie vor mächtig. "Sich davon zu entfernen", sagt Katjipulea, "da muss man Arbeit reinstecken. Das haben wir aber nicht gemacht. Wir haben gesagt: Okay, hier habt ihr eure Unabhängigkeit, hier ist die neue schöne Verfassung. Und dann haben wir weiter gemacht, als wäre nichts passiert. Und so ändert sich das Denken nicht. So ist es immer noch genau so wie früher."

Neue afrikanische Eliten

Die demokratische Verfassung gab es 1990 – nachdem über Jahrzehnte die auch von der UNO anerkannte Befreiungsbewegung SWAPO die Unabhängigkeit Namibias erkämpft hatte. Die schwarze, demokratische Regierung zog in das von deutschen Kolonialherren gebaute Parlamentsgebäude ein. Direkt neben Parlament und Kirche bauten die Namibier ihr neues Nationalmuseum – ein Gegenentwurf sollte es sein, um die Deutungsmacht über die eigene Geschichte zurückzugewinnen. Gebaut wurde es von Nordkoreanern, zu denen Namibia seit langem gute Beziehungen pflegt.
"Hier hat man nach der Unabhängigkeit auch den neuen Nationalstolz dargestellt", erzählt Grill. "Und das können die Nordkoreaner besonders gut. Diesen heroischen, sozialistischen, realistischen Stil, der auch zu dem Selbstbild der neuen afrikanischen Eliten passt. Wir haben jetzt die Macht."

Mit der Macht haben sie nicht nur den kolonialen Staat übernommen, sondern auch die Villen und die Swimmingpools der weißen Herren, die in der Wirtschaft immer noch die Fäden ziehen. Korruption hat keine Hautfarbe. Frei und gleich sind die Namibier noch lange nicht. Katijpulea sagt: "Bis dahin haben wir noch einen superlangen Weg zu gehen. Also, dass ich wirklich irgendwo hereinlaufen kann und als Mensch gesehen werde – nicht als schwarze Frau."
Wir sollten unsere Geringschätzung gegenüber dem Kontinent und den Menschen überdenken, das macht dieses Buch auf eindrucksvolle Weise deutlich.

Bericht: Edith Lange

Bartholomäus Grill "Wir Herrenmenschen"
304 Seiten, 24 Euro
Siedler Verlag, 2. Auflage März 2019

Stand: 17.06.2019 09:04 Uhr

9 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 16.06.19 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste