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Gelbe Westen und blaues Sternenbanner

Was die Bewegung der "Gilets Jaunes" für Europa bedeutet

PlayProtest der Gelbwesten
Gelbe Westen und blaues Sternenbanner | Video verfügbar bis 17.02.2020 | Bild: dpa / Chen Yichen/XinHua

Ist das der Beginn einer neuen französischen Revolution? Für Graffitikünstler in Paris sind die Gelbwesten Helden, Revolutionäre gegen ein ausbeuterisches System, gegen staatliche Gewalt. Andere sehen in den zigtausenden von Protestierern Feinde der Demokratie, entfesselte Wutbürger, die seit drei Monaten jeden Samstag Wunden in die Stadt schlagen, die nur schlecht verheilen.

Eine abgehobene politische Elite

Aurelie Filippetti, Schriftstellerin sagt: "Ich sehe in der Bewegung das Bestreben nach mehr Demokratie in Frankreich. Die gelbe Weste steht dafür, sichtbar zu werden,  diese Leute wollen nicht länger das unsichtbare Frankreich sein. Deswegen haben sie das Wort ergriffen und den öffentlichen Raum besetzt, wie den Kreisverkehr." Filippetti stammt selbst aus einer Bergarbeiterfamilie in Lothringen. Sie kennt einige Gelbwesten persönlich. Vor allem weiß sie als frühere Kulturministerin der sozialistischen Regierung Hollande, dass die Proteste ihren Ursprung auch im Versagen von Vorgänger-Regierungen haben, gerade der Linken. Sie hat ihre Wähler und deren Interessen vernachlässigt, ihnen das Gefühl gegeben, unsichtbar zu sein. "Ich habe selbst als Ministerin bisweilen den Eindruck gehabt, dass die politische Klasse sich komplett von der Wirklichkeit der Franzosen abgekoppelt hatte", sagt Filippetti. "Noch dazu forderten diese Leute unentwegt, die Franzosen mögen sich doch bitte anstrengen, während sie das selbst nie taten."

So sehen viele Gelbwesen auch ihren Präsidenten  und fordern seinen Rücktritt.

Ressentiments, Antisemitismus, Verschwörertheorien

Der Hass auf Macron ist einer der wenigen gemeinsamen Nenner der Gelbwesten. Vom linken Gewerkschafter bis zu rechten Nationalisten sind alle dabei. Entsprechend wirr sind auch die Forderungen. Der Kreisverkehr ist zu ihrem gemeinsamen sozialen Ort geworden, zum Treffpunkt und zur Bühne der Empörten.

Schriftstellerin Gila Lustiger meint: "Die Gilets Jaunes ist keine Bewegung der Armen, der wirklich Ärmsten unter den Armen. Die, die jetzt sagen, wir sind das Volk. Und eigentlich sagen. Dieser Präsident ist nicht legitim gewählt worden, ja, was bedeutet das denn bitteschön, und die an den demokratischen Grundfesten rütteln. Das sind nicht die Ärmsten und Ausgegrenzten Frankreichs. Und sie haben auch wenig Migranten unter den Gilets Jaunes oder Menschen mit Migrationshintergrund."

Gila Lustiger hat viel geschrieben über die Vorstädte und das Elend ihrer Bewohner. In den letzten Wochen spricht sie immer wieder mit den Gilets Jaunes und ist erschrocken über Ressentiments, Antisemitismus, und den extrem weit verbreiteten Glauben an Verschwörungstheorien. Der reicht vom jüdischen Weltkomplott bis zu den Ilumininati: "Ich habe schätzungsweise 70 Prozent Verschwörertheorien gehört. Damit können die Leute ganz einfach operieren, sie müssen eigentlich nur die Bösewichte absetzen. Und so erklären Sie sich komplexe Situationen, indem sie eigentlich alles auf irgendwelche Gruppen projizieren. Und für mich ist das ein Zeichen dafür, dass diese Bewegung eigentlich apolitisch ist."

Rückkehr nach Reims

Unpolitische Wutbürger oder fortschrittlicher Aufstand? Mittlerweile haben es die Gelbwesten auch auf die Bühne geschafft, in einer ursprünglich deutschen Inszenierung von Thomas Ostermeier, aktualisiert für Frankreich: Didiers Eribons autobiographischer Essay: Rückkehr nach Reims.

Bei Eribon geht es um seine Scham-besetze Herkunft aus dem Arbeitermilieu, um Gewalt, Homophobie. Zugleich erklärt er den Rechtsruck des französischen Proletariats. Bezüge zu den Gelbwesten drängen sich auf – sind das nicht irgendwie die selben vergessenen Arbeiter, über die Eribon geschrieben hat? Eribon sagt: "Ich unterstütze die Gelbwesten, obwohl ich natürlich weiß, dass darunter auch extrem rechte, linke oder unpolitische Menschen sind. Aber ich möchte dieser Bewegung eine positive Bedeutung zuschreiben, als eine Bewegung, die gegen soziale Gewalt und gegen den Sozialabbau ankämpft."

Protestforscher Leggewie meint: "Dem kann ich nur zustimmen. Warum sollen wir als kleine Leute dafür zahlen, wenn ein Prozent der Gesellschaft 40 Prozent der Vermögen aufweist? Aber das wird sich nicht dadurch überwinden lassen, indem ich eine wilde Protestbewegung inszeniere, die im Großen und Ganzen erst einmal alles Mögliche kaputt schlägt und mit den vierzig Forderungen gewissermaßen eine Art Wunschkatalog ausgebreitet hat."

Lösungen nur noch auf europäischer Ebene?

Der Europakenner Claus Leggewie sieht Lösungen auch für soziale Probleme nur noch auf europäischer Ebene, Gelbwesten sind für ihn sozialromantische Traumtänzer, nationalistische, destabilisierende Kräfte. Ihr bis dato sehr abgehobener Präsident reagiert auf die Proteste, sucht den Dialog, hört auch mal zu, ruft zu einer großen nationalen Debatte auf, tourt durchs Land – ob das reicht? Der wirklich große Visionär Europas wird von den Gelbwesten eher als Büttel des Großkapitals und Merkels Erfüllungsgehilfe gesehen.

Didier Eribon sagt: "Es ist doch eine Revolte der Opfer der Verelendung, verursacht durch den Neoliberalismus, also durch ein Europa, wie es Herr Macron und Frau Merkel errichten." Leggewie meint: "Ich kann mir auch sehr viel Besseres und mehr vorstellen, ich wäre dafür, dass sich Europa schneller entwickelt, sozialer entwickelt, ökologischer entwickelt – bin ich alles dafür. Die Gelbwesten Bewegung ist keine, die Europa voranbringt."

Wer sind sie? Entfesselt, befreit, orientierungslos? Wird sich ihr Traum von einer Revolution als Retro-TV-Serie entpuppen? Oder gehen sie als revolutionäre Helden in die Geschichtsbücher ein? Bilder gibt es für alle Szenarien.

Bericht: Claudia Kuhland

Stand: 18.02.2019 09:19 Uhr

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