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Der Krieg in Nordsyrien und warum Europa seine Vermittlerrolle wahrnehmen muss

Gilles Kepels starke Analyse über die Krisen in der arabischen Welt

PlayDie Krisen in der arabischen Welt

Syrien, Anfang November. Die Kurden kämpfen um ihr Überleben. Exklusive Bilder, die uns vorliegen, zeigen westliche Helfer, die sie dabei unterstützen. Sie sind die einzigen. Denn US-Präsident Trump zieht seine Truppen zurück. Er überlässt seine ehemaligen Verbündeten aus dem Kampf gegen den IS ausgerechnet ihrem Erzfeind Erdogan. Zurück bleibt ein Schlachtfeld – auf dem Türken, Iraner, Saudis, Russen und unzählige Milizen um Öl, Glaube und Einfluss ringen.

Das Ringen der Großmächte im Nahen Osten

Der Verrat an den Kurden sei daher ein Zeichen für den Niedergang amerikanischer Macht und für die europäische Ohnmacht im Nahen Osten. So Gilles Kepel, Frankreichs berühmtester Nahost-Kenner: "Tatsächlich wurden die Kurden von den Amerikanern fallen gelassen. Und die Europäer haben auch nichts unternommen. Ganz anders hingegen die Russen, die sie immer noch unterstützen. Viele Menschen im Nahen Osten halten Putin deshalb für zuverlässiger als den Westen – ganz egal ob sie ihn nun mögen oder nicht."

Ausgerechnet die Russen – vor ein paar Jahren noch müde belächelt – spielen jetzt erste Geige zwischen Golf und Mittelmeer. Wie konnte es so weit kommen? Kepel geht dem in seinem neuen Buch "Chaos" auf den Grund. Es ist sein wichtigstes Werk – eine Synthese aus vier Jahrzehnten Nahostgeschichte. Der westlichen Politik stellt er darin ein verheerendes Zeugnis aus. Amerika habe das Interesse an der Region völlig verloren: "Auf eine gewisse Art erleben wir das Ende des amerikanischen Imperiums. Es ist immer noch eine große Handelsmacht – wie China – aber keine ideologische mehr. Es gibt kein amerikanisches Modell mehr. Es ist ein Land, regiert von einem Immobilienmakler, der sich für gute Deals interessiert, ansonsten aber für nichts."

Und die Europäer? Im Gegensatz zu den kriegsmüden und von arabischem Öl unabhängigen Amerikanern können sie sich dem Chaos aus Krieg, Terror und drohenden Flüchtlingskrisen nicht entziehen. Kepel sagt: "Wir Europäer sind die direkten Nachbarn des Nahen Ostens. Wir brauchen daher Politiker, die nicht nur eine klare europäische Vision haben, sondern auch das Verhältnis zu den Ländern südlich und östlich des Mittelmeeres neu denken. Die nicht einfach nur moralisieren, sondern realistisch in die Zukunft blicken. Und die vor allem die Lehren aus der Geschichte ziehen."

Die "Islamisierung der Politik"

Mit seinem neuen Buch will Kepel – der schon Frankreichs Präsident Macron beraten hat – ein wenig nachhelfen. Er spannt den Bogen von heute bis zurück in die Siebzigerjahre – jener Epoche, in der seiner Meinung nach alles begann. Damals wurden Iran und Saudi Arabien – einst periphere Länder – zu den Hauptakteuren in Nahost. Vor allem die ultrakonservativen Saudis gewannen dank ihrer Ölmilliarden enorm an Einfluss. "Die Saudis wurden zu den Herren des Nahen Ostens", so Kepel. "Um ihre Position zu sichern, verbreiteten sie überall ihren radikalen, salafistischen Islam und verdrängten den bisher vorherrschenden arabischen Nationalismus. So begann die Islamisierung der Politik."

1979 nahm diese dann an Fahrt auf, als Ayatolla Chomeini in Teheran landete. Im Iran schuf er einen Gegenpol zu den Saudis. Er war ebenfalls islamistisch. Doch anstatt auf die Ölpartnerschaft mit den USA setzte er auf Anti-Imperialismus. Bis heute herrscht zwischen den Konkurrenten ein regelrechter Überbietungswettbewerb in Sachen Radikalität. Beide Staaten finanzieren Stellvertreterkriege und spalten die arabische Welt in zwei Lager. Blutige Konflikte, wie derjenige in Syrien werden dadurch befeuert und fremde Mächte wie Russland oder die Türkei mit hineingezogen. Aber auch der globale dschihadistische Terror ist laut Kepel eine Folge davon: "Dieser Wettbewerb um den politischen Islam, zwischen den Iranern auf der einen Seite, vor allem aber den Saudis auf der anderen, schuf den ersten Dschihad, damals in Afghanistan, gegen die Sowjets. Später entstand daraus Al-Qaida. Und Al-Qaida schaffte es schließlich, diese neue islamistische Weltanschauung tief in der arabischen Welt zu verankern."

Eine gemeinsame europäische Verteidigung?

Gilles Kepel selbst wurde vom Al-Qaida-Nachfolger "IS" zum Tode verurteilt. Fast zwei Jahre lebte er unter Polizeischutz. Inzwischen kann er wieder alleine reisen – wie jetzt gerade auf seiner Buchtour. Für Europa aber bleibt die Bedrohung auch nach dem Untergang des sogenannten Islamischen Staats bestehen.

Denn der US- Rückzug aus den Kurdengebieten, wo die ehemaligen IS-Kämpfer und ihre Familien festgehalten werden, könnte dem Terror neuen Auftrieb geben. Auf die Amerikaner ist nach dem Verrat von Syrien kein Verlass mehr. In einem Interview forderte der französische Präsident Macron deshalb kürzlich eine gemeinsame europäische Verteidigung. Kepel will dasselbe: "Europa muss sich wieder bewaffnen. Egal welche Politik wir verfolgen, wir brauchen auch militärische Mittel um sie durchzusetzen, ansonsten wird uns keiner ernst nehmen. Wir müssen fähig sein, das Mittelmeer und unsere Grenzen zu kontrollieren. Das ist eine Grundvoraussetzung."

Europa muss für den Dialog bereit sein

Genauso wichtig sei aber eine eigenständige Politik gegenüber Russland und dem Iran. Und ein tieferes Verständnis für die Region. Denn Putin, so Kepel, sei vor allem aus einem Grund erfolgreich: Seine Berater sind exzellente Orientalisten. "Auch wir müssen deshalb die Sprache und Kultur dieser Region verinnerlichen", so Kepel. "Das ist unabdingbar. Nur im Dialog können wir verstehen wie der andere denkt und warum er wie reagiert. Ansonsten werden wir weiterhin unsere westlichen Vorstellungen auf die Region projizieren. Erst ohne diese eurozentrische Sicht werden wir fähig sein, die Dinge als Ganzes zu erfassen und endlich daraus zu lernen." Nur so, sagt Kepel, könnten wir Europäer in Zukunft in einer neuen Weltordnung bestehen. Aber das Chaos im Nahen Osten lasse uns auch gar keine andere Wahl.

Bericht: Daniel Böhm

Gilles Kepel "Chaos: Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen"
448 Seiten, 28 Euro
Kunstmann, September 2019

Stand: 18.11.2019 09:20 Uhr

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