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Würstchen statt Hakenkreuze

In Verona übersprüht der Künstler CIBO rechtsextreme Schmierereien mit kulinarischen Graffiti

PlayStreetart-Künstler CIBO

Verona, das mittelalterliche Juwel, hat ein Problem – mit Nazis. Nicht in der Innenstadt oder gar auf Julias Balkon, aber dort, wo sich die Touristen nicht stapeln, nehmen Nazi-Schmierereien überhand. Doch es gibt einen, der etwas dagegen unternimmt: der Künstler Pier Paolo Spinazzé. Er nennt sich CIBO, was auf Italienisch Essen heißt und dieser Name ist Programm. Denn ob mit Cupcakes, Melonen oder Ravioli – CIBO übersprayt in ganz Verona Hass-Propaganda mit allerlei Köstlichkeiten. "Essen funktioniert, weil das Gute das Schlechte überdeckt. Lebensmittel als Motiv bieten sich hier auch an, weil Verona sehr landwirtschaftlich geprägt ist. Und für uns Italiener ist Essen etwas Heiliges."

Verona – Zentrum der extremen Rechten

Was CIBO macht, ist allerdings nicht nur lustig. Denn die rechte Szene Veronas ist stark. Gerade im Umfeld des Fußballs macht die Stadt immer wieder negative Schlagzeilen. Erst kürzlich wurde der Spieler Mario Balotelli hier von rechtsradikalen Fans mit Affenlauten verhöhnt. CIBO sagt, seine Stadt sei immer schon ein Zentrum der extremen Rechten gewesen. In Anlehnung an die schwarze Farbe der Faschisten nennen die Linken  sie auch nur die "Schwarze Stadt". "Verona ist historisch gesehen immer "schwarz" gewesen, das heißt immer faschistisch", so CIBO. "Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde das Problem des Faschismus nie gelöst, nie überhaupt angegangen."

CIBO "entfernt" den Hass. Eigentlich wäre das Aufgabe der Kommune: Denn laut Gesetz müssen faschistische Symbole sofort beseitigt werden. CIBOs Kunst übernimmt diese Aufgabe – rechtlich befindet er sich trotzdem in einer Grauzone. "Meine Graffiti werden von Faschos immer wieder beschmiert, ich male dann zum Beispiel Ketchup drüber. Sie kommen dann oft wieder, dann spraye ich Senf drüber. Sie schmieren dann nochmal drauf und ich male Mayonnaise drüber – danach hören sie oft auf. Das macht Spaß, weil ich verstanden habe, dass es auch ein Spiel sein kann, das ich immer gewinne."

"Sie wollen mir Angst machen"

CIBO macht – ganz sinnbildlich – aus Neo-Faschisten kleine Würstchen. Der Hintergrund für seinen Widerstand gegen Rechts ist viel ernsthafter, viel trauriger als es seine fröhlichen Bilder vermuten lassen. Denn 2008 verlor CIBO einen guten Freund – er wurde von fünf Rechtsextremen zu Tode geprügelt: Nicola Tommasoli. "Der Grund war völlig banal", so CIBO. "Da waren diese fünf Skinheads, die ihn voller Arroganz nach einer Zigarette gefragt haben und er hat einem von ihnen gesagt 'Ich gebe sie dir nicht'. Aber das hat eine Gewalt erweckt, die diese Menschen schon in sich hatten. Sie haben ihn verprügelt. Und er ist gestorben."

Die Skins, die seinen Freund getötet haben, sind übrigens nach kurzer Haft längst wieder auf freiem Fuß. Aber CIBO lässt sich von alldem nicht einschüchtern. Politiker der rechten Lega-Partei haben ihn schon lange im Visier. Und auch das Gesetz, das seine Street-Art halbwegs legal macht, versuchen sie – natürlich – wieder abzuschaffen.

Unermüdlich macht CIBO sich Tag für Tag auf, um neue Schmierereien zu übersprayen. Unermüdlich – und unerschrocken. An seine Haustür wurde ein Hakenkreuz geritzt: "Wie ihr seht, wollen sie mir Angst machen, aber das schaffen sie nicht." Anonyme Anrufe, Drohbesuche – selbst vor seinen Eltern und Freunden macht man keinen Halt. Aber CIBO sprüht einfach gegen den Hass an.

Soziale Netzwerke nutzen

Die Anerkennung, die er für seine Werke bekommt, geht weit über die Grenzen der Stadt. CIBOs Vorher-Nachher-Bilder werden weltweit geteilt. "Es ist sehr wichtig, das auch zu verbreiten, in den sozialen Netzwerken zu veröffentlichen, auf Instagram, auf Facebook, weil die Idee dann andere ansteckt", sagt er. Nachts zu sprayen wäre für ihn viel zu gefährlich, deshalb arbeitet CIBO bewusst nur tagsüber. Brenzlig wird es manchmal aber auch dann. Auch als wir mit ihm unterwegs sind, kommt es zu einer solchen Situation: "Wir gehen jetzt weg", sagt CIBO plötzlich, "weil eine Person hier schon zweimal vorbeigelaufen ist, die eindeutig zu den extremen Rechten gehört. Es ist immer besser zu vermeiden, dass man aneinander gerät." Angst hat er keine, aber er muss aufpassen.

Problem in Italien: Personenkult statt sachlicher Debatte

CIBOs Blick auf die die gesellschaftliche Situation in Italien: "Das eigentliche Problem ist nicht so sehr der einzelne Politiker. Es sind vielmehr all die Menschen, die nichts gelernt haben und sich von Slogans an der Nase herumführen lassen. Sie sind keine Wähler, sie sind 'Follower'. Was auch immer Salvini von der Lega macht, funktioniert, weil sie seine 'Follower' sind. Nein, die Debatte oder das Argumentieren zählen nicht mehr, nur die Slogans."

CIBOs Kunst ist cool, hintersinnig und witzig. Genau das, was die Rechten nicht sind. Kurz nach unserem Dreh findet CIBO eine kleine Bombe unter seinem Auto, Neofaschisten hatten sie dort angebracht. Ihm ist nichts passiert, aber die Lage ist ernst. Auf Leute wie ihn kommt es jetzt an, nicht nur in Italien.

Bericht: Mareike Schulze und Sven Waskönig

Stand: 18.11.2019 16:07 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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