SENDETERMIN So, 18.08.19 | 23:35 Uhr | Das Erste

Identität Ost

Deutschland ist längst nicht vereinigt

PlayIdentität Ost

Wahlkampf in Sachsen und Brandenburg. Die AfD vereinnahmt die ostdeutsche Geschichte. "Wir sind das Volk", "Vollende die Wende" steht auf den Wahlplakaten. Sie könnte stärkste Partei werden. Das würde Deutschland noch tiefer spalten, in einen Ost- und einen Westteil – meint die Schriftstellerin und Journalistin Jana Hensel. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist das für sie eine bittere Bilanz.
"Wenn wir uns heute fragen, ist die Deutsche Einheit geglückt, dann muss man sagen: Nein!", sagt Hensel.

Brüche und Entwertungen

Warum? Weil die Ostdeutschen sich im Transformationsprozess immer weniger als deutsch und immer mehr als "ostdeutsch" empfinden, sagt Jana Hensel ."Wie alles anders bleibt" heißt ihr neues Buch. Sie schreibt ostdeutsche Lebensgeschichten auf. Es geht um Merkel, um eine Familie, die sich in Leipzig gegen Rechts engagiert, um Zivilcourage mit Punkmusik. "Ich komme da her", sagt Hensel, "meine Geschichten spielen häufig dort. Ich halte es für wichtig, von dort zu erzählen und weil es so wenige machen übernehme ich diese Aufgabe häufig."

Für sie steht der Palast der Republik als Sinnbild für die Brüche und Entwertungen, die der Osten seit der Wende erlebt hat. Das Ostdeutsche sollte verschwinden, es war nichts mehr wert. In die Leerstelle baute man das kapitale Schloss. "Es gibt immer wieder Versuche, diese Geschichte, diese grauenhafte, aber hochinteressante, wechselhafte Geschichte mit solchen Bauwerken quasi zu überschreiben, platt zu machen, neu zu definieren, umzuschreiben. Ich frage mich jedesmal wenn ich hier vorbeigehe: Haben wir aus Geschichte gar nichts gelernt?", so Hensel. "Ich weiß gar nicht ob irgendjemand in dieser Stadt wird sagen können, wofür dieses Schloss eigentlich steht."

"Wir haben dauerhafte Ungleichgewichte geschaffen"

Darum geht es ihr: was macht das mit den Menschen, die sehen, dass ihrer Geschichte kein Denkmal gesetzt wird, dass ihre Vergangenheit verschwinden soll. Hensel sagt: "Wir haben dauerhafte Ungleichgewichte geschaffen, dauerhafte Asymmetrien produziert und wir werden noch lange mit diesem Thema zu tun haben."

Jana Hensel erzählt in ihrem Buch auch die eigene Geschichte: das Scheitern ihres Vaters. Er war 40 als die Mauer fiel, hatte große Pläne, machte sich selbständig – und ging pleite. Als ihr Sohn sie fragt, ob Opa ein Wendeverlierer sei, merkt Jana Hensel, wie schmerzhaft das bis heute für sie ist. "Ich habe mich gewundert, wie ich darauf reagiert habe", erzählt Hensel. "Dass mein Sohn eigentlich etwas völlig Offensichtliches aussprach und dass es mir trotzdem unglaublich schwer fiel zu sagen, ja, du hast recht. Ich sagte: 'Nein, wieso, wie kommst Du denn darauf?'"

Ein Bruch in der Biographie

Auch sie eine Ostdeutsche aus der Nachwendegeneration: Die Berliner Künstlerin Henrike Naumann ist 35 Jahre alt. Auch sie wurde geprägt durch ihre Eltern und Großeltern. Karl Heinz Jakob, der Großvater, ein bekannter DDR-Künstler, preisgekrönt. Sie integriert seine Gemälde in ihre Installation, die sie gerade in Zwickau aufbaut. Naumann fragt sich, wie angepasst er im Sozialismus war – und was das für die Bewertung seines Werks heute bedeutet. In Westdeutschland ist er unbekannt. Eine Entwertung? Auf jeden Fall ein Bruch in der Biografie.  
"Daran sieht man eigentlich ganz gut, wie nach der Wende im Prinzip gesagt wurde: Das ist jetzt weniger wert oder das ist nicht gleichwertig mit der Westkunst", so Naumann.

"Alles, was aus dem Osten kam, war erstmal schlecht"

Henrike Naumann arbeitet mit Einrichtungsgegenständen aus den 90ern, die nach dem Mauerfall die DDR-Möbel ersetzten. Billige Baumarkt-Möbel waren Symbol des Aufbruchs und der Hoffnung so zu leben wie im Westen, schneller Konsum. Die Tragik – sie haben ihre "Coolness" verloren.

"Das ist total spannend", sagt Naumann, "dass viele Dinge, die man vorher diskreditiert hat, weil man gesagt hat, jetzt habt ihr das einzig wahre System und jetzt ist alles in Ordnung und jetzt seit ihr Teil davon, dass dieser Westen sich gerade so neu auf die Probe stellt und auch diese ganze Art und Weise zu konsumieren und sich als Individuum an der Welt zu bedienen. Das ist jetzt eine spannende Frage, weil man auch viele Dinge neu bewerten muss und auch sagen muss, vielleicht war es gar nicht so richtig nach der Wende zu sagen, alles was aus dem Osten kam war erstmal schlecht. Sondern ein differenzierter Blick eigentlich dem Ganzen sehr gut getan hätte."

"Die, die weggehen konnten, haben das gemacht"

Henrike Naumann kommt mit ihrer Ausstellung in ihren Heimatort Zwickau.  Ein  Schlüsselerlebnis, brachte sie dazu, sich mit ihrer eigenen Generation  zu beschäftigen. 2011 war sie bei ihrer Oma in Zwickau, als wenige Straßenzüge weiter die Wohnung abbrannte, in der der NSU lebte und agierte. Wie konnten sich Menschen, in ihrer unmittelbaren Nähe derart radikalisieren? Rechte Gesinnung war bereits als Jugendkultur weit verbreitet als Naumann hier zur Schule ging. Sie sagt: "Für mich war aber auch immer klar, ich möchte eigentlich hier weg, weil ich gemerkt habe, eine Vielzahl meiner ehemaligen Grundschulklassenfreunde ist jetzt rechts. Und viele, die studieren konnten, die weggehen konnten, die diesen Schritt machen konnten, haben das gemacht. Und ich glaube, das ist auch ein wichtiger Teil des Problems, dass die Leute, die gesagt haben, ich bin nicht rechts auch vielmals einfach weggegangen sind."

Jana Hensel macht selbst beim Thema NSU die westdeutsche Hegemonie aus: "Man schaut auf die ostdeutsche Realität immer aus der westdeutschen Realität man sucht sich selbst und kann sich schwerlich vorstellen, dass es wirklich eine andere Geschichte ist, die man mit den eigenen Parametern nicht erzählen kann. Als der NSU aufgeflogen ist, dann hat der Spiegel getitelt: "Braune Armee Fraktion" das heißt, das ist die bundesrepublikanische Geschichte, die sich wie ein Netz permanent über alles drüberlegt."

 Gibt es die Spaltung zwischen Ost und West?

Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, hatte im Januar noch getwittert: Thüringen müsse zu einem "freien, demokratischen Land" gemacht werden. Jetzt im Wahlkampf ist Habeck als einziger Bundespolitiker jeden Tag in Ostdeutschland unterwegs, spricht mit den Menschen, statt über sie, und stellt fest: "Die gespaltene Gesellschaft, die gibt es so gar nicht. Es gibt eine Erfahrung, die Menschen skeptischer sein lässt. Aber hohe AfD-Anteile haben wir auch in Westdeutschland."

Jana Hensel aber sieht die Spaltung. Auf der einen Seite der Rechtsruck in Ostdeutschland, lautstark gebrüllte Ressentiments, Alltagsrassismus als ostdeutsche "corporate identy". Auf der anderen Seite das Desinteresse und die Vorurteile des Westens. "Wie alles anders bleibt" ist ihre Zustandsbeschreibung. "Ich glaube nicht", sagt sie, "dass es für dieses Problem einfache Lösungen gibt. Die Frage was müssen wir jetzt tun, lässt sich nicht beantworten, es wird ein Problem sein, das existiert, es wird sich wandeln, aber es wird nicht schnell weggehen."

Bericht: Katja Deiß

Jana Hensel "Wie alles anders bleibt:
Geschichten aus Ostdeutschland"
317 Seiten, 16€
Aufbau Verlag, 16. August 2019

Stand: 19.08.2019 09:48 Uhr

7 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 18.08.19 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste