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Congo Calling

Vom Sinn und Widersinn von Entwicklungsarbeit

Congo Calling
UNESCO-Büro in Goma | Bild: Stephan Hilpert / Stephan Hilpert

Goma – eine Stadt im Osten Kongos.
Ein paar Jungs tummeln sich um die Kamera von Filmemacher Stephan Hilpert: "Ich heiße Manu. Ich will, dass ihr uns ein Haus baut." - "Wir wollen einen Pool und alles, um wie die Weißen zu sein." - "Wir lieben Goma. Wir wollen wie die Weißen sein."

"Ich hatte gehört, dass das wahrscheinlich einer der ärmsten Orte der Welt, vielleicht einer der brutalsten Orte der Welt ist", sagt Stephan Hilpert. "Auf jeden Fall einer der Orte mit einem der blutigsten Konflikte in den letzten Jahrzehnten. Das ist ja das, was man in den Medien hier mitkriegt und das ist auch wahr." Zwei Millionen Einwohner hat Goma – dreiviertel davon sind Flüchtlinge. "Muss man verrückt sein, um dahin zu gehen? Keine Ahnung. Also, wenn dann war ich wahrscheinlich auch verrückt genug", sagt Hilpert.

Drei Entwicklungshelfer, Drei Geschichten

2013 kam er zum ersten Mal nach Goma – auf der Suche nach Entwicklungshelfern. Drei hat er nun in seinem Film "Congo Calling" porträtiert: Was führte sie hierher? Mitten in die Armut, wenn auch beschützt und bewacht. Wie halten sie es hier aus?

Zuerst traf er Raúl. Der Spanier forscht im Auftrag der Harvard Universität  über Rebellengruppen, die in der Region Angst und Schrecken verbreiten. Die Einheimischen nennen ihn "Professeur". Peter aus Deutschland arbeitete  30 Jahre für Hilfsorganisationen. Seit er in Rente ist, wird das Geld knapp. Anne-Laure, Belgierin, ist Pressefrau beim größten Musikfestival in der Stadt. Ihren Job als Entwicklungshelferin hat sie an den Nagel gehängt. In Goma bleibt sie – der Liebe wegen.
Stephan Hilpert erzählt: "Wir wussten, wer die sind. Wir haben sie irgendwann kennengelernt und wir wussten, mit welchen Fragen sie zu kämpfen haben oder welche Dinge ihnen wichtig sind oder welche Probleme da in der Luft liegen. Aber was dann mit diesen Leuten passieren würde, das konnten wir natürlich nicht ahnen."

"Einmal jemanden zu töten, was macht das schon?"

Und es passiert Unfassbares. Raúl fährt mit seinen Angestellten zu einer Rebellengruppe. "Die Rote Zone ist ein Gebiet, in dem keine Sicherheit gewährleistet ist", sagt einer der Angestellten. "Weil jederzeit alles passieren kann." Mehr als 130 solcher Gruppen agieren in der Region. Manche mit äußerster Brutalität. Um die Entwicklung des Landes voranzubringen, sagen sie. "Als Ökonomen wissen wir doch, was ein Land braucht, um sich zu entwickeln", sagt ein Mitglied einer Gruppierung. "Die Triebfeder der Entwicklungen eines Landes ist die Landwirtschaft. Wir zwingen sie zur Arbeit."

"Wir wussten genau, welche Interviews mit verschiedenen Rebellengruppen Raúl führt und was ihm da erzählt wird, und als wir dann das erste Mal mit dabei waren um zu drehen, war es dann doch ein bisschen überwältigend", erzählt Hilpert. Vor seiner Kamera spielt sich folgende Szene ab: "Einmal jemanden zu töten, was macht das schon?" – "Das ist wie ein Huhn zu töten." – "Und wer unserer Bewegung nicht folgt, den töten wir sofort." – "Dem schneiden wir den Kopf ab."

Stephan Hilpert sagt: "Natürlich gab es die eine oder andere Situation in der man filmt und beschäftigt ist. Und die ganze Zeit ist die Kamera an und man fragt sich nicht so richtig: 'Was mache ich da eigentlich gerade?' Und wenn es vorbei ist, am nächsten Tag, denkt man sich: 'Wow, das war vielleicht doch ein bisschen heikel.'"

Zwischen Idealismus und täglicher Ernüchterung

Stephan Hilperts Film enthält sich jeder Bewertung, selbst die verstörendsten Momente lässt er unkommentiert. Das ist seine Stärke. Ihn hat vor allem interessiert, wie die Entwicklungshelfer und der Wissenschaftler aus ihrer sehr privilegierten Situation heraus mit dem harten afrikanischen Alltag umgehen. "Es hat mich fasziniert zu hören", so Hilpert, "wie Raúl mit der Situation kämpft. Mit seiner eigenen Rolle. Und welche Zweifel er hat, als Weißer an so einen Ort zu gehen und zu forschen. Und zu versuchen, etwas Sinnvolles zu tun, aber nicht so genau zu wissen, wie man damit umgehen soll. Mit diesem Spannungsfeld und der eigenen Macht." Raúl bestätigt ihn: "Immer gibt es diese Frage, nach der Ungleichheit. Wir haben viel Geld für Kongo. Projektgeld und Macht. Und für diese Situation war, denke ich, Stephan ganz empfindlich. Und er wollte immer mehr wissen."

Raúl schwankt zwischen Idealismus und täglicher Ernüchterung. Dann wird er von seinem engsten Mitarbeiter betrogen.
"Du hast jemanden eingestellt, der Geld von der Organisation gestohlen hat, um ein Auto zu kaufen, das er dann wiederum an uns vermietet hat", sagt Raúl im Film zu einem Mitarbeiter. Der weiß keine Erklärung: "Professor..." Raúl ist enttäuscht: "Sonst noch was?" – "Nein."

Sinn und Widersinn von Entwicklungsarbeit

Peter, der deutsche Entwicklungshelfer, soll unbedingt bleiben. Er wird gebraucht. "Sie müssen mich unterstützen", so ein Mann, den er begleitet hat. "Helfen Sie mir dabei, ein Jugendhaus zu bauen." Peter weiß nicht, wie. Für ihn ist der Kongo in 30 Jahren zur Heimat geworden. Jetzt muss er das Land verlassen, widerwillig zurück nach Deutschland.
Andere ringen jeden Tag mit der Frage, ob sie bleiben sollen – ob ihre "Entwicklunghilfe" gebraucht wird oder ob diese alles nur noch schlimmer macht. Und mit der Frage, wie viel Kraft sie dafür überhaupt noch haben.

"Congo Calling" erzählt sehr persönliche Geschichten. "Alle unsere drei Protagonisten haben eine große Liebe zu diesem Ort und zu den Menschen", so Hilpert. "Alle drei hängen da unglaublich daran. Selbst Anne-Laure, die Belgierin, die sich am Ende des Films für eine Zukunft in Belgien entscheidet."
Anne Laure geht zurück. Am Ende riskiert ihr Freund den politischen Widerstand.       

Einfache Antworten, ob und wann Entwicklungshilfe gut ist oder nicht, hat "Congo Calling" übrigens keine. Das ist eine weitere große Stärke.

Bericht: Marco Giacopuzzi

Stand: 18.08.2019 23:35 Uhr

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