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Die türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan

Die türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan spricht im Frankfurter Exil darüber, warum sie ihr Heimatland für faschistisch hält

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Die türkische Schriftstellerin Aslı Erdoğan | Video verfügbar bis 20.01.2020 | Bild: hr

Aslı Erdoğan. Eine der berühmtesten Schriftstellerinnen der Türkei. Sie war inhaftiert. Auch im Frankfurter Exil fürchtet sie den türkischen Geheimdienst. Und spricht dennoch weiter. Damit die Welt nicht aus den Augen verliert, was in ihrem Heimatland gerade passiert: "Jeden Tag werden bis zu 70, 100 Menschen in der Türkei verhaftet. Man kann nicht erwarten, dass die ganze Welt diese Nachrichten jeden Tag verfolgt. Die Zeit ist gegen uns", sagt sie.

40 Männer gegen eine rauchende Frau

Aslı Erdoğan kämpft gegen das Vergessen, dieses Schweigen an. Viereinhalb Monate saß sie selbst im Gefängnis. War bei der ersten großen Verhaftungswelle dabei, nach dem gescheiterten Militärputsch im Juli 2016, als die türkische Regierung den Ausnahmezustand verhängte.

Damals wusste sie nicht, wie ihr geschah: "Es war so absurd. 40 Männer stürmten meine Wohnung, mit schweren Waffen. Vollmaskiert, schusssichere Westen. Stellen Sie sich vor: eine Wohnung voller Bücher, in der klassische Musik läuft und da sitzt eine Frau, die raucht und dichtet. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was vor sich geht. Mein erster Satz war: Ist das ein Witz?"

"Tragödie meiner Kindheit, Zeugin zu sein"

Und sie stellt sich die Frage: Warum? Warum wird sie verhaftet? Wie hart die Zeit im Gefängnis für Aslı Erdoğan war – man kann es erahnen, wenn man Bilder ihrer Entlassung sieht. Die Verhaftung erinnert sie an ein Trauma in ihrer Kindheit: Sie war vier, als ihr Vater, linker Aktivist, während eines Militärputsches vor ihren Augen festgenommen wird.

Für Aslı Erdoğan – sensibel und hochbegabt, hat sich diese Szene für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt: "Wahrscheinlich war es die Tragödie meiner Kindheit, Zeugin zu sein. Ich habe für mich entschieden, dass die Geschichte der Opfer die Geschichte der Menschheit ist. Das, was die Menschheit ausmacht. Und das muss erzählt werden."

Alte und Kinder, alle erschossen

Aslı Erdoğan wird zu einer wichtigen Stimme der Türkei. Als Schriftstellerin und als Kolumnistin. Sie schreibt für eine kurdische Zeitung über Diskriminierung, Armut, Gewalt – sie selbst ist keine Kurdin.

2016 hört sie von massiven Menschenrechtsverletzungen, die türkische Sicherheitskräfte in der überwiegend von Kurden bewohnten Stadt Cizre begangen habe und sie sieht auch Aufnahmen: "Da kamen so zehn Menschen aus den Ruinen, viele Alte und Kinder, ihre Habseligkeiten in kleinen Leiterwagen. Alle haben weiße Fahnen geschwenkt. Sie wurden alle erschossen. Ich habe beschlossen, über Cizre zu schreiben. Dafür habe ich einen sehr hohen Preis gezahlt", berichtet die Schriftstellerin.

Anklage: Terrorismus, Staatsgefährdung

Ihr Artikel über die Toten und Vertriebenen in den Kurdengebieten wird in der Anklage gegen sie zum Beweis. Der Vorwurf: Terrorismus, Staatsgefährdung. In der Türkei, warnt Aslı Erdoğan, habe eine Partei mit einer faschistischen Ideologie die Macht über weite Teile der Gesellschaft. Und sie eckt an mit ihrem Nazi-Vergleich, bei Inhaftierungen – wie ihrer – handele es sich um ein Konzentrationslager-System.

"Ich wurde nicht in einem funktionierenden Rechtsstaat verhaftet", sagt sie. "Das ist der Punkt. Ich sage nicht, dass es sich so entwickeln wird wie im Dritten Reich. In Deutschland führte es zum Schlimmsten, das man sich vorstellen kann. In anderen Ländern, anderen Camps ging man nicht so weit. Ich sage nicht, dass es in der Türkei Vernichtungslager geben wird, hoffentlich nicht, wahrscheinlich nicht. Aber was dort passiert, ist schlimm genug."

"Grausamkeit nur um der Grausamkeit Willen"

Am schlimmsten sei es gewesen, nicht zu wissen, wie lange sie in Haft bleibt. Monate? Jahre? Lebenslänglich? Dazu Dreck, Kälte, für sie als chronisch Kranke keine Medikamente. Und die psychische Gewalt. An einem Tag wurden alle Pflanzen verboten, die die Gefangenen über Jahre gezogen hatten.

"Sie haben sie in den Hof geworfen, damit sie sterben. Das war so grausam. Ich nenne diese Szenen Konzentrationslager-Szenen. Szenen, die so unnötig grausam sind. Grausamkeit nur um der Grausamkeit Willen", so Erdoğan.

Weiter schreiben, weiter sprechen

Das "Haus aus Stein". In diesem Roman hatte Aslı Erdoğan bereits 2009 – vor ihrer Verhaftung – über Gefangenschaft geschrieben. Bald erscheint er auf deutsch. Ergänzt durch einen neuen Text über die eigene Gefängniserfahrung. Vielleicht werde sie nie wieder in der Lage sein, so gut komponiert darüber zu schreiben, sagt sie. Es sei jetzt zu real.

"Was von dem Erlebten kann man überhaupt in Worte fassen? Das ist die Kernfrage des Buches. Also musste ich zurück in die Gefängnis-Zelle. Deshalb war es emotional eine sehr große Herausforderung. Ich hatte mehrere Zusammenbrüche in den letzten Tagen", sagt sie.

Trotzdem: Aslı Erdoğan will weiter schreiben. Weiter sprechen. Damit es niemals still darum wird, was in ihrem Heimatland geschieht. In das sie wohl lange nicht zurückkehren kann.

Bericht: Katja Deiß

Aslı Erdoğan "Das Haus aus Stein"
140 Seiten
Penguin Verlag
erscheint am 18. März 2019

Stand: 12.09.2019 22:48 Uhr

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