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Künstliches Meer in der Sahara und vollvernetzte Städte

Niklas Maaks fantastischer Roman "Technophoria"

PlaySmart Cities: ein Blick in nicht allzu ferne Zukunft?
Künstliches Meer in der Sahara und vollvernetzte Städte | Video verfügbar bis 19.07.2025 | Bild: Niklas Maak

Der Roboter: Ein Diener. Er könnte uns helfen. Uns das Leben leichter machen. Robotik und Künstliche Intelligenz: "Zukunftstechnologien". Aber was bedeutet diese "Zukunft"?

"Das Ziel der ganzen smarten Technologien ist ja, dass man den Menschen, wenn man es freundlich sagt, seine Wünsche von den Augen oder aus den Gedanken abliest. Unfreundlicher oder realistischer müsste man sagen: Das Ziel ist, ihn komplett vorausberechenbar zu machen. Die Internetkonzerte wollen schon wissen, was wir übermorgen wollen – und erzählen uns dann auch, was wir wollen. Das heißt der Preis dieser ganzen Komfort- und Sicherheitstechnologien ist, dass wir in unserer freien Entscheidung immer mehr gehindert werden."

"Das größte ökonomische Programm seit Erfindung des Kapitalismus"

Das Helle und das Düstere: ineinander gekeilt. Niklas Maak wollte sich mit uns in einem Berliner Neubau von Rem Koolhaas treffen. Maak hat einen Roman geschrieben über den Ingenieur Turek, der Smart Cities verwirklichen soll: "Technophoria". Szenen von technischem Größenwahn und menschlichem Kontrollverlust.
"Der Umbau all unserer Städte in Smart Cities ist eigentlich das größte ökonomische Programm seit Erfindung des Kapitalismus", sagt Maak. "Man kann sagen, am Ende all dessen, was der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, der Industriekapitalismus, ökologisch angerichtet hat, kommt jetzt der ökologische Umbau der Städte. In dem alles rausgerissen wird aus den Städten, was da verbaut wurde. Von Fassaden, Dämmungen, Straßen, Autos – alles, was in den letzten 100 bis 200 Jahren hineingestellt wurde, muss raus und wird ersetzt durch eine Palette von neuen Produkten. Das ist natürlich ein absurd großer Markt."

Beispiel Toronto: Ein Stadtteil sollte von Google ökoeffizient gebaut werden. Die Bürger hätten mit ihren Daten bezahlen müssen. Gecancelt. Oder: selbstfahrende, autonom handelnde Autos. Der Mensch: verschluckt im Bauch eines Mini-Wals. Oder: gefangen in smarten Häusern. Das einst so traute Heim wird zur alles erfassenden Datensammelmaschine.

Das Weltumbauprojekt "Qattara-Senke"

Im Roman träumt Tureks Chef einen alten Traum. Die tief gelegene Qattara-Senke in Ägypten fluten und damit weltweit den Meeresspiegel senken. Und dann an neuen Ufern Smart Cities bauen und das größte Geschäft aller Zeiten machen. In der realen Vergangenheit ließen die CIA und das Bundeswirtschaftsministerium eigene Pläne entwickeln. Mit Atombomben sollte ein Kanal vom Mittelmeer zur Senke realisiert werden.

Filmausschnitt
"80 Kilometer von der Mittelmeerküste liegt in der Sahara die Qattara-Senke mit dem tiefsten Punkt Afrikas von minus 131 Meter." – "Und die Idee war immer das man diesen kleinen, gar nicht großen Weg überbrücken kann. Dann fließt aus dem Mittelmeer das in die Qattara-Senke rein." – "Wo ein See mit einer Oberfläche von ca. 20.000 Quadratkilometern entstehen würde. Etwa vergleichbar der Größe des Saarlandes."

"Qattara ist sicherlich eines der großen Weltumbautenprojekte gewesen. Mit enormem Potential. Wenn man sich vorstellt, wenn es klappt, hat man dort ein Meer an dem Städte gebaut werden können, Handel getrieben werden kann, eine ökologische Industrie entstehen kann, weil man mit Wasserenergie diese Industrie speisen kann. Das ist ein enormes Potential. Es gibt auch Skeptiker, die sagen, wenn das schiefgehe, dann gerate das gesamte meteorologische Gleichgewicht auseinander. Und die Wolken ziehen vielleicht gar nicht über die Sahara, wo sie eine segensreiche Wirkung entfalten könnten, sondern sie ziehen nach Europa. Dann haben wir in Europa für die nächsten 600 Jahre eine Dauerregenzeit."

Ein Gegenentwurf zur technisierten Welt

Der Umbau der Welt. Und der Preis, den wir dafür zahlen. Der Roman dekliniert die neuen smarten Lebenswelten durch und wird zunehmend beklemmender. Maak beschreibt eine Revolution, die gerade rasend schnell, aber nahezu unsichtbar passiert. Die Selbst-Nichtigmachung des Menschen. Und er beschreibt einen Gegenentwurf:

Gorillas im Dschungel. Friedlich, ohne Gier sitzen sie auf den größten Bodenschätzen. Maak hatte bei seiner Recherche in Afrika einen Erkenntnis-Moment mit ihnen, den er als Wendepunkt im Roman verarbeitet. Doch diese Ursprünglichkeit: auch nur Illusion. "Der Mensch geht in den Dschungel, trifft den Gorilla und ist ganz gerührt, weil er glaubt, er hat die ganze Welt zum Guten repariert", sagt Maak. "Und plötzlich sieht er aber: Das ist gar kein archaisches Paradies, der Gorilla ist gar nicht mehr das unberührte Tier, von dem er geträumt hat. Der Gorilla ist jetzt selbst neugierig und verändert sich auf eine Weise, die der Mensch nicht kontrollieren kann. Also schon wieder läuft der in dem Moment, in dem er glaubt, jetzt habe er es geschafft, in eine Situation hinein, in der sich alles radikal verändert. Und er kann es nicht mehr kontrollieren."

Die Gorillas im Buch – sie sind wie eine Erinnerung: an eine Freiheit, die längst verloren ist – in dieser technisierten Welt, ohne Geheimnisse, ohne Mündigkeit.  

"Es wird schwierig, einen Ausgang zu finden"

Maaks Roman macht Fenster auf in eine sehr nahe Zukunft und verrät dabei viel über unsere Gegenwart.
"Man kann sagen, dass uns die Roboter und die Computer immer näher gekommen sind. Dass wir erst den Roboter als ein Gegenüber wahrgenommen haben. Dann war er plötzlich an unserer Hand in Form eines Mobiltelefons, einer Smart Watch. Da wurde er schon Teil des Körpers, fraß Teile des Körpers an. Und plötzlich müssen wir feststellen: Wir sitzen im Roboter. Wir sind vom Roboter aufgefressen worden. Wir sitzen in Häusern, die Roboter sind. Wir sitzen in Autos, die uns in all ihrem Handeln überwachen. Das heißt wir sind in der unangenehmen und unkomfortablen Situation, das die sogenannten Smart Homes, Smart Cities, die uns ja dienen sollen und unser Leben einfacher und bequemer und sicherer machen sollen, eigentlich Geräte sind – dramatisch könnte man sagen "Monster" – die uns verschluckt haben. Wir sitzen drin und jetzt wird es schwierig einen Ausgang zu finden."

"Technophoria" erzählt vom ewigen, sinnlosen Traum der Herrscher, die Erde nach ihrem Wunsch zu formen und die Schwachen zu unterwerfen. Die Herrscher: sind vielleicht bald die Maschinen. Die Diener: wären dann wir.

Beitrag: Andreas Krieger

Niklas Maak "Technophoria"
256 Seiten, 23 Euro
Carl Hanser Verlag, 2020

Stand: 04.09.2020 14:23 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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