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"Wir sind das Klima"

Jonathan Safran Foer

PlayJonathan Safran Foer: "Wir sind das Klima"

Sie kam mit dem Segelschiff über den Atlantik zum UN-Klimagipfel nach New York – es war eine spektakuläre symbolische Aktion. Greta Thunberg wird ihrem "I want you to panic!" noch das "How dare you? – Wie könnt Ihr es wagen?" hinzufügen. Über unsere Ignoranz und Lethargie hat Jonathan Safran Foer sich intensiv Gedanken gemacht: "Ich habe in diesem Irrtum gelebt", sagt er, "etwas über den Klimawandel zu wissen, Forschungsergebnisse zu akzeptieren, zu denken, irgendjemand sollte jetzt etwas tun, wäre selber schon so gut, als hätte ich etwas getan."

Ein Jahr lang hat er nach der Wahrheit gesucht – auch nach der Wahrheit in sich selbst. Er sagt: "Es ist eine Sache, zu wissen, dass im Laufe eines Jahrhunderts die Temperaturen um zwei bis sechs Grad Celsius steigen. Aber es ist etwas Anderes, das von Herzen zu glauben. Wenn Du das nur vom Kopf her verstehst, dann nimmst Du an einer Kundgebung teil oder Du schreibst einen Brief an Deinen Abgeordneten. Oder Du wählst die Grüne Partei. Aber wenn Du es tief im Herzen verstehst, würdest Du sofort Dein Leben ändern – und anfangen, das zu tun, was notwendig ist."

Die Entscheidung fürs Überleben treffen

Bei der Recherche zu "Wir sind das Klima" wurde ihm klar, dass es nicht reicht, die Gefahr nur mit dem Verstand zu erkennen. Er vergleicht unser Verhalten sogar mit dem der bedrohten Juden im Nationalsozialismus, die wussten, dass es um ihr Leben ging. Seine jüdischen Vorfahren, die in Polen lebten, haben trotz aller Warnungen ungläubig am Ort verharrt. Nur seine Großmutter fühlte und verstand die Gefahr vollständig: Sie flüchtete – und schaffte es bis nach New York.
Foer sieht uns genau in einer solchen Situation: Wir müssen die Entscheidung fürs Überleben treffen!

"Es wäre gut, nie mehr zu fliegen. Es wäre gut, nie mehr Auto zu fahren. Es wäre gut, niemals Kinder zu bekommen. Es wäre gut, Veganer zu werden", so Foer. "Das sind tatsächlich die vier individuellen Entscheidungen, die wir treffen können. Ich selbst kann mich für keinen dieser Wege konsequent entscheiden. Also, wo sind meine Grenzen? Und ich war wirklich ehrlich damit, wie weit ich an diese Grenzen herankommen kann. Wie kann ich sie wirklich erreichen? Nicht nur wahrnehmen, dass sie existieren, sondern mein Leben so weit wie möglich zu verändern."

Jeder ist Retter und Sünder

Schon das ist ein anspruchsvolles Programm, aber es könnte viele überzeugen. New York, dieses kapitalistische Kraftzentrum des Konsums droht eines Tages im Meer zu versinken. Aber es gäbe eben nicht die Retter des Planeten auf der einen Seite und die bösen Sünder auf der anderen, sagt Jonathan Foer. Jeder von uns sei Retter – und Sünder.

Er sagt: "Welche Wahl haben wir? Wir könnten sagen: Hey, jeder muss ab morgen vegan leben und alle müssen mit dem Fliegen aufhören. Und dann? Dann werden wir in genau derselben Welt leben, wie heute. Oder wir sagen: Könnte jeder damit einverstanden sein, einen kleinen Schritt zu machen? Diesem kleinen Schritt würden alle zustimmen und in der Summe hätten wir einen großen Fortschritt. Und es aktiviert die Leute, gewöhnt sie daran, etwas zu ändern."

Klimakiller Viehwirtschaft

Foer macht im Buch immer wieder deutlich, dass es nicht reichen wird, etwas weniger zu heizen und ein Hybridauto zu fahren. Auch die Emissionen der Industrie müssten radikal zurückgefahren werden. Und selbst das wird nicht zum Ziel führen: "Wir haben keine Chance", sagt Foer, "die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Egal, was wir tun – sogar, wenn wir morgen das Stromnetz abschalten, die Autos stehen lassen und nicht mehr fliegen. Es gibt keine Hoffnung diese Ziele zu erreichen, wenn wir nicht auch die industrielle Viehwirtschaft ändern und anders essen. Wir essen radikal mehr Fleisch, als wir es je getan haben. Und das ist doch nicht so, weil wir plötzlich beschlossen haben, dass es lecker ist. Sondern weil die Fleischindustrie unsere Gewohnheiten verändert hat – oft mit subtilen und unsichtbaren, aber machtvollen Mitteln."

Weil die Menschen so viel Fleisch essen, erzeugen sie doppelt so viel C02, wie es das Pariser Abkommen vorsieht. Foers Vorschlag: "Zwei-Drittel vegan essen – das heißt, keine tierischen Produkte zum Frühstück und Mittagessen. Aber dann, zum Abendessen: alles, was Du möchtest. Das würde die Differenz  halbieren. Also, das wäre schon wirkungsvoll."

Die Gewohnheiten von heute sind die Gesetze von morgen

Foer kann das Provozierende am Thema Ernährung gut ermessen, denn er selbst isst für sein Leben gerne Würstchen. Aber tatsächlich können individuelle Verhaltensänderungen alleine die Klimakrise nicht abwenden. Es braucht politische Regeln: "Es reicht nicht, unser individuelles Verhalten zu ändern. Aber wir schaffen es auch nicht, ohne unser persönliches Verhalten zu ändern. Also das ist notwendig, aber nicht ausreichend. Ich glaube, wenn die Menschen ihr Verhalten ändern, wird irgendwann auch die Gesetzgebung nachziehen. Die Gewohnheiten von heute werden die Gesetze von morgen."

Ein idealistischer Appell und: die letzte Chance

Jonathan Safran Foer hofft auf einen Wandel von unten. Denn die aktuelle US-Regierung redet den Klimawandel klein. Doch je mehr das Thema die Menschen bewegt, glaubt er, wird es in Zukunft auch Wahlen entscheiden: "Junge Leute, alte Leute, Schwarze, Weiße, Demokraten, Republikaner, religiöse Menschen, weltlich Orientierte – wir alle teilen hier dieselben Werte. Niemand möchte schmutzige Luft atmen. Keiner will Wasser, das man nicht trinken kann. Niemand möchte, dass die Kinder nicht mehr rausgehen können. Wir wollen alle das Selbe – und wir sind uns weitgehend darüber einig, was zu tun ist. Was bleibt, ist zu sagen: Ich werde das tun. Ich werde es tun!"

So könnte es gehen. Ein idealistischer Appell – jetzt  muss nur noch ein großer Teil der Menschheit folgen. Vermutlich unsere letzte Chance.

Autor: Alexander C. Stenzel

Stand: 20.10.2019 19:59 Uhr

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