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Norwegen

Gastland der Buchmesse

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Königliche Eskorte für die Literatur: Kronprinzessin Mette Marit und Kronprinz Haakon bringen ihre Schriftsteller per Literaturzug zur Buchmesse. Zwei Tage Deutschlandreise, von Berlin über Köln nach Frankfurt. Ein Hauch von Klassenfahrt: die "Norwegisch-Klasse" rollt ein.

Bestseller-Autorin Maja Lunde, auch "Sophie’s Welt"-Schöpfer Jostein Gaarder sind dabei: wie würde er Sophie die Welt wohl heute erklären? Er sagt: "Das heißeste philosophische Thema heute ist: wie können wir das Leben auf unserem Planeten retten?" Auch deshalb sind die norwegischen Autoren per Zug gekommen: um klimapolitisch ein Zeichen zu setzen. "Aber nach Deutschland sind wir natürlich mit dem Flugzeug gekommen", sagt die Autorin Lotta Elstad. "Die Botschaft wäre natürlich noch klarer, wenn wir den ganzen Weg per Zug gemacht hätten. Aber symbolisch..."

Norwegische Literatur: modern, experimentell, Krimi-lastig

Sie hatte die Idee dazu, erst in Norwegen, nun in Deutschland: Kronprinzessin Mette-Marit ist echter Bücherfan und fährt mit, obwohl gesundheitlich angeschlagen. Sie will das Lesen mit dieser Aktion noch populärer machen. "Sie liebt es definitiv, hinter Büchern zu verschwinden", so der norwegische Kronprinz Haakon. "Auch für uns als Paar ist das bereichernd, weil sie das, was sie daraus lernt, mit mir teilt!"

Der Pavillon des Gastlandes gibt Einblick in das nordische Land. Das Motto des Auftritts: "Der Traum in uns": der auch zum Albtraum werden kann. Die Literatur: modern, experimentell, Krimi-lastig.

Karl Ove Knausgård: "Alles muss aus dem Innen kommen"

Der Meister der Selbstbespiegelung und der radikalen Ich-Sezierung ist er: Karl-Ove Knausgård. Er sagt: "Es geht nur darum beim Schreiben: an Orte zu kommen, wo ich niemals vorher war!"

Seine Autobiographie schlug ein wie eine Bombe, weil er darin sich und die Menschen um sich herum gnadenlos entblößt: nur dadurch, dass er seinen Alltag, das Kleine, das absolut Banale beschrieb. Und darin die großen Themen – Exzess, Tod, Liebe, Männlichkeit – mit rauschhaftem Sog erzählte. "Das ist für mich zentral: ich muss nicht über Themen wie das Klima, Immigration oder den Kapitalismus schreiben. Am besten geht man heim und versucht, über Milch zu schreiben! Alle Themen kommen automatisch über das Banale, das entwickelt sich von selbst. Alles muss aus dem Innen kommen", sagt Knausgård.

Um dieses Innen des Norwegers besser zu verstehen, sind wir vor der Buchmesse nach Oslo gereist: Was erzählt uns Norwegen?

Norwegen – Land der Widersprüche

"Jeder denkt ja über uns Norweger: wir sind Natur! Wir sind die Berge, die Fjorde, die Wälder. Aber: Norwegen ist voller Widersprüche!" Das sagt die Bestseller-Autorin Maja Lunde.

Vor fünf Jahrzehnten entdeckte Norwegen Öl und Gas. Das vorher bitterarme Norwegen wird innerhalb kurzer Zeit zu einer der reichsten Nationen der Welt. Der "fossile Rausch" beschäftigt auch die Schriftsteller.

Tore Renberg: Ein besonderer Blick auf den Öl-Boom

Am Osloer Hauptbahnhof treffen wir Tore Renberg. Ein Literaturstar, mit Preisen überhäuft. Mit einem besonderen Blick auf den Öl-Boom: "Was war Norwegen vor 30, 40 Jahren?", fragt Renberg. "Ein Hinterhof. Aber dann kam das Öl! Es veränderte die Gesellschaft, machte uns reich. Haben Sie schon mal was von den Schweden gehört? Wir waren früher immer so neidisch auf sie. Sie hatten Björn Bork und sie hatten ABBA. Sie hatten den Sport und die Musik, und die Mädchen waren hübsch. Die kamen nie nach Norwegen, die wussten nicht mal, wo das liegt! Aber dann machten wir das große Geld. Und heute putzen sie unsere Hotels."
Große Klappe. Selbstironisch. Ganz wie seine Helden. Tore Renberg stammt aus der Stavanger. Dem "Dubai Norwegens", wie er es nennt. Ein 850 Milliarden Staatsfonds, der reichste der Welt, sichert das Land nach dem Öl-Boom ab. "Als Norwegen nach und nach so extrem reich wurde", erzählt Renberg, "bekam ich als Schriftsteller ein immer schlechteres Gewissen. Denn schließlich bin ich ja auch ein Teil davon. Und ich wurde neugierig: Wie geht es den Menschen, die nicht eingeladen sind – zu der großen "Öl-Party"?"

Trotz eines starken Sozialstaates: Wer sein Geld nicht jetzt, in den fetten Öl-Jahren einfährt, hat gelost: so wie Ben und Rikki, Renbergs Teenager-Helden: sie sind abgerockt, schnüffeln Benzin, sind arm im reichen Norwegen. Es gibt immer weniger Platz für Verlierer.

Temporeiche Wirklichkeitsliteratur. Renberg erzählt aus der Sicht der Antihelden: "Von allen Seiten" eben. Und was der "fossile Rausch" mit der Moral der Menschen macht.

Lars Lenth: Die unappetitliche Wahrheit über den Zuchtlachs

"Ich schreibe gerne über extreme Dinge", sagt der Schriftsteller Lars Lenth. "Ich übertreibe gerne. Aber dann lese ich Zeitung und recherchiere und stelle fest: die Realität ist noch viel schlimmer!"

Mitten im Oslofjord fischt er nach brisantem Stoff, der auch bei uns auf dem Teller landet: Lars Lenth, Romanautor, in seiner Freizeit Fliegenfischer. Über die Abgründe der Lachszucht schreibt er in "Der Lärm der Fische beim Fliegen". Es geht um das Milliardengeschäft mit norwegischem Zuchtlachs. Und die Umweltsünde, die sich dabei still und heimlich abspielt, an den Fjorden Nord-Norwegens:  Unter Wasser, wo keiner hinschaut, läuft das schmutzige Geschäft der Zuchtfabrikanten. Lenth sagt: "Irgendwie haben sie es geschafft, zu tun, was ihnen beliebt: Alles an Abfällen aus der Massenfisch-Produktion wird einfach ins Wasser gekippt. Ohne Reinigung: Fische solcher Zuchtfarmen scheiden so viel Scheiße, pardon Kot!,  im Wasser aus wie eine Stadt von 40.000 Menschen!"

Durch ein Öko-Attentat brechen in Lenths Roman zwei Millionen Lachse aus, vollgepumpt mit Medikamenten und Antibiotika. Die Natur gerät aus dem Gleichgewicht. Lenths Krimi ist gut recherchiert, serviert die unappetitliche Wahrheit darüber, wie vermeintlich "gesunder" Fisch hochgezüchtet wird. Der Appetit auf Lachs, der nicht wild geangelt wurde, vergeht einem durch diesen Fischkrimi.

Zwischen Schönheit und Ausbeutung

Sie ist das "gute Gewissen" Norwegens: Maja Lunde wurde mit ihrem Bestseller "Geschichte der Bienen" berühmt – Auftakt eines Klima-Quartetts. Sie hat Ökologie zu einem Top-Thema in der Fiktion gemacht. "In Norwegen sagen wir: schreibe, wo es brennt", so Lunde. "In meinem neuen Roman setze ich das, was ich in "Geschichte der Bienen" und "Geschichte des Wassers" erzählt habe, fort. Der neue Roman spielt im Jahr 2064 und die Gesellschaften, wie wir sie heute kennen, werden zusammengebrochen sein."
"Die Letzten ihrer Art" katapultiert uns in eine ungemütliche Welt: Klimaflüchtlinge, das Aussterben der Arten, das Verhältnis Mensch-Tier – oder der Tierarten, die überhaupt noch übrig sind. Es ist eine düstere Dystopie, die aber durch Fiktion aufzeigt, welche Auswege uns noch bleiben.

Was ihr eigenes Land tun sollte, wir alle, darauf hat Lunde eine kurze Antwort: "Wir müssen das Geschäft mit dem Öl jetzt endlich hinter uns lassen, wirklich Natur leben!"

Die Literatur hat Norwegens ambivalentes Verhältnis zur Natur für sich entdeckt. Zwischen Schönheit und Ausbeutung.

Autorin: Brigitte Kleine

Stand: 20.10.2019 23:05 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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