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Olga Tokarczuk

Nationalisten-Schreck

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Sie ist immer noch ein bisschen überwältigt von der großen Auszeichnung und fühlt jetzt eine besondere Verantwortung – plötzlich als die Stimme Polens wahrgenommen zu werden. Olga Tokarczuk ist Feministin, Veganerin, sozial engagiert. Die neu erstarkte Regierung Polens ist für sie eine Provokation.

Sie sagt: "Polen erlebt seit fünf Jahren eine Art Backlash, die Rückkehr zu nationalen Traditionen, zu einem romantischen Blick auf die Vergangenheit. Es wird der Stolz aller Polen betont, ihre wichtige Rolle in Europa. Für mich wirkt das völlig rückwärtsgewandt. Ich möchte nicht, dass Polen in der europäischen Familie als komischer Onkel wahrgenommen wird, der nur anachronistische Dinge vor sich herbrabbelt. Deshalb gebe ich mir Mühe, in meinen Büchern das offene, mutige Polen  zu zeigen. Denn so denkt zumindest die Hälfte des Landes."

Reisende, Grenzgänger, Nomaden

Mit ihrer Literatur versucht Tokarczuk dem Einengenden, Nationalen der Rechtspopulisten etwas entgegenzusetzen. Reisende, Grenzgänger, Nomaden – das sind ihre Figuren. Menschen, die sich nicht vor dem Fremden fürchten. Und die dabei auch die Schwelle zum Phantastischen überschreiten können. "Ich versuche, unsere Welt zu beschreiben, eine Welt, die ständig in Bewegung ist. Und vielleicht kann man das nur in Fragmenten machen, mit vielen Handlungssträngen, die sich miteinander verweben", sagt Tokarczuk.

Botschafterin eines liberalen Polens

So wie in ihrem jetzt auf Deutsch erschienen Roman: Die Jakobsbücher. Auf fast 1200 Seiten schaut sie auf Polens Vergangenheit, als das Land eine multiethnische Adelsrepublik war. Im Mittelpunkt: ein jüdischer Mystiker, der verschiedene Religionen ausprobiert.

Tokarczuk sagt: "Im Grunde geht es um die Versuche, die Menschen unternehmen, um sich in der Fremde anzupassen. Um Teil einer Gesellschaft zu werden. Und das ist genau das, was jetzt wieder passiert. Heute, in Europa. Wenn an den Toren Migranten aus aller Welt stehen."

Ein hochaktueller Roman, in dem Tokarczuk auch den Antisemitismus in Polen benennt. Die dunklen Seiten dürften nicht unter den Teppich gekehrt werden, sagt die gelernte Psychologin. Und so will sie weiterhin als Botschafterin eines liberalen Polens darüber schreiben, wie wichtig es ist, Grenzen zu überwinden.

Autor: Simon Broll

Stand: 21.10.2019 09:06 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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