SENDETERMIN So, 20.10.19 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Radikalisierungsmaschinen"

Julia Ebner

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Julia Ebner, Antiextremismus-Forscherin, entschlossen den Radikalen die Stirn zu bieten. Heimlich schleust sie sich in extremistische Netzwerke ein, erforscht, wie sich Menschen im Netz radikalisieren, wie sich Hassgemeinschaften bilden. Erst schicken die Aktivisten Hatestorms, dann Morddrohungen, plötzlich tauchen sie auch im echten Leben auf.

Julia Ebner hat das selbst erlebt. In London, wo sie für Quiliam arbeitete, eine anti-extremistische Organisation. Vor laufender Kamera wurde sie von Tommy Robinson überfallen, dem Anführer der britischen Rechtsextremen. "Mir war auch sofort bewusst", sagt Ebner, "dass jedes einzelne Wort, dass ich ab dem Zeitpunkt sage, live gestreamt wird an seine ganzen 300.000 Follower. Diese live gestreamte Konfrontation hat dazu geführt, dass es zu einer riesigen Hasskampagne im Netz kam, die sich einerseits gegen mich persönlich, aber auch gegen die ganze Organisation gerichtet hat. Es gab Morddrohungen, es gab aber auch Anrufe im Büro, wir mussten das Büro schliessen – permanent. Und ich konnte auch nicht mehr ohne Angst, dass plötzlich zu Hause jemand auf mich wartet, nach Hause gehen."

"Das hat auch dazu geführt", so Ebner weiter, "dass mein Boss mir ein Ultimatum gesetzt hat, dass ich mich öffentlich bei Tommy Robinson entschuldige. Ich hätte das nie tun können. Und ich habe mich dann geweigert, dieses Statement zu veröffentlichen und wurde dann innerhalb von 24 Stunden gekündigt."

Einknicken ist keine Option

Es ist der schwärzeste Tag ihres Lebens. Doch vor Extremisten wie Tommy Robinson einzuknicken, wäre für sie das Ende der Demokratie. Julia Ebner macht weiter. Alleine. Mit wechselnder Identität, unterschiedlichen Dialekten und blonder Perücke schleust sie sich in diverse fundamentalistische und neonazistische Geheimforen ein. Die Aufnahmebedingungen sind streng. "Also ich denke, das Radikalste, was ich machen musste im Zuge eines Aufnahmeprozesses", erzählt Ebner, "war für eine amerikanische Neonazigruppe, als ich ein Foto von dem Symbol der Gruppe auf meinem Arm oder auf meiner Hand posten musste, um zu beweisen, dass ich weiß bin."

Organisiert und inszeniert

Julia Ebner protokolliert ihre Erfahrungen. Sie zeigt, dass nationalistische Gruppierungen längst nicht nur national, sondern auch global agieren. Ultrarechte Strömungen verbünden sich zu einer rassistischen Bewegung der Weißen. 2017 tritt die White-Power-Bewegung erstmals aus dem Netz ins echte Leben. Heimlich, nachts in Charlottesville.

"Was ich besonders erschreckend fand", so Ebner, "war, wie lange sie sich wirklich schon im Vorhinein überlegt haben, wie sie sich am besten als unschuldige Bewegung inszenieren. Dass sie zum Beispiel ausgemacht haben, dass sie weiße Kleidung tragen. Sie haben auch ausgemacht, eher Fackeln und Schilder zu verwenden, als aktiv Waffen zu tragen, weil das Bild, das nach außen hin projiziert werden sollte, eher ein defensives war."

Am nächsten Tag: der Protest der Gegendemonstranten. Die Aktion gerät außer Kontrolle. Einer der Neonazis rast mutwillig in die Menge der Gegner und tötet eine Frau. Die White-Power-Bewegung offenbart ihr wahres Gesicht.
Julia Ebner warnt vor den psychologischen Strategien der extremistischen Foren. Aufgebaut wie Computerspiele herrscht hier, anders als in der realen Welt, Ordnung. Es gibt eine Hausordnung und militärischen Drill. Schnell kann man in der Hierarchie aufsteigen, Kommandant werden, Verantwortung übernehmen.

Sartirischer Gegenangriff

Eines der virulentesten deutschen Netzwerke, in das sich Julia Ebner eingeschlichen hat, ist Reconquista Germanica. Mit Twitter-Tiraden und Hasskommentaren hetzen sie anonym gegen prominente Medienvertreter wie Jan Böhmermann. Der Satiriker startet eine Gegenoffensive: Reconquista Internet. Er will die Trolle trollen, will sie mit ihren eigenen Waffen schlagen. Das erklärt Böhmermann damals in seiner Sendung:
"Bei Reconquista Internet veröffentlichen wir Informationen, die Reconquista Germanica nicht veröffentlicht haben wollen. Zum Beispiel eine Liste mit den Pseudonymen, Facebook-Accounts und Twitterhandels der echten Reconquista Germanica-Mitglieder, mit denen ihr dann machen könnt, was ihr wollt."

"Eigentlich sind die Extremisten nicht in der Mehrzahl"

Trotz der vielen Follower stecken hinter Hasskampagnen meist nur wenig Aktive, die dafür  mit umso mehr Avataren und Accounts aufwarten. Julia Ebner sagt:  "Wenn man von innen heraus sieht, wie solche Kampagnen und Aktionen koordiniert werden, dann sind solche Einschüchterungsstrategien gar nicht mehr so effektiv. Weil man dann sieht, dass es sehr oft nur von einer kleinen Minderheit ausgeht, aber einen überproportionalen Einfluss auf die öffentliche Debatte hat. Mir war es auch ein Anliegen, das aufzuzeigen, um dem durchschnittlichen Nutzer und der Nutzerin das Gefühl zu geben: Eigentlich sind die Extremisten nicht in der Mehrzahl, selbst wenn sie viel lauter erscheinen im Online-Raum."

Unerschrocken deckt Julia Ebner auf, wie uns die Extremisten manipulieren. Wie sie modernste Plattformen mit rückwärtsgewandten Ideologien füttern. Radikalisierungsmaschinen – dieses Buch ist ein Muss! Von einer beeindruckend mutigen Autorin.

Autorin: Kristina Jentzsch

Stand: 20.10.2019 21:39 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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