SENDETERMIN So, 20.10.19 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Eine radikale Verteidigung des Humanismus"

Paul Mason

PlayPaul Mason

"Wir haben ein Wirtschaftssystem, das für viele nicht mehr gut funktioniert. Viele im Westen können ihren Kindern nicht mehr sagen, dass sie mal ein besseres Leben haben werden. Weil wir gegen diese Entwicklung nicht vehement genug gekämpft haben, erleben wir jetzt, wie der Glaube an die Demokratie und den Rechtsstaat und die Menschenrechte schwindet."

Unsere westlichen Demokratien seien bereits zutiefst verletzt, sagt Paul Mason – einer der renommiertesten Wirtschaftsjournalisten Großbritanniens. Und die globale Finanzkrise von 2008 sei Schuld: Damals sei die große Erzählung brüchig geworden, dass der Kapitalismus zusammengeht mit Wohlstand für alle und einer Gesellschaft von Gleichen. Die Folge: tiefe Verunsicherung, Zweifel an den Grundwerten unseres offenen, freien Lebens und: reaktionäre Bewegungen, die das Gegenteil wollen.

Die Wurzeln liegen im System vor der Krise

"Wir müssen aufhören zu glauben, dass Trump, Johnson, die AfD nur kurze Fehler in der Geschichte sind, die einfach verschwinden. Das sagten die Menschen auch über die Lehman- Pleite, die zur Finanzkrise führte: 'Das geht vorbei!' – Nein! Es ist anders herum: Die Wurzeln für Trump und Co. liegen genau in dem System vor der Krise. In dem offenen, liberalen System. Denn es war ja nicht ein ultrarechtes, nationalistisches Amerika, in dem Trump seine Milliarden gemacht hat. Er machte sie in der neoliberalen Ära. Und der Neoliberalismus hat uns egomanes Verhalten beigebracht: 'Nur du zählst!' Es ist normal, dass sich Menschen das Messer in den Rücken rammen. Es ist unnormal zusammen zu arbeiten", so Mason.

Wie eine Religion habe der Westen dieses Mantra und die Märkte verehrt. Doch die Wirtschaftskrise hätte den Glauben daran pervertiert, und nun kämen ältere Götter zurück: Rassismus, Nationalismus, Frauenfeindlichkeit, schreibt Mason in seinem Buch "Klare, lichte Zukunft".

Und: Wir erlebten gerade, wie ein Bündnis ethnischer Nationalisten die Weltordnung zertrümmere, die sie selbst erst hervorgebracht habe. Mason sagt: Das Recht des Stärkeren hieße heute "America first!", "Britain first!" und sei im Kern neoliberal, aber mit völkischem Unterbau: "Was die Ultrarechten wollen ist ein Turbokapitalismus ohne Regeln. Ohne Sozialstaat. Aber heute wollen sie damit die globale Ordnung, die sie reich gemacht hat, stürzen."

Gewinner sind die Superreichen

Deregulierter Kapitalismus, Trumps Ausstieg aus multilateralen Verträgen wie dem Klimaabkommen: Profiteure davon seien zum Beispiel ultrareiche Libertäre wie der Inhaber des Megakonzerns Koch Industries: Charles Koch. Mit seinem gerade verstorbenen Bruder hat er in den USA ein gigantisches Vermögen angehäuft: Mit Öl, Pipelines und Raffinerien. Seit vielen Jahren unterstützen sie die Republikaner mit Millionen Dollar Wahlkampfspenden, finanzieren klimaleugnende Politiker wie Trump und bekämpfen Klimawissenschaftler. Ihr Ziel: eine Wirtschaft ohne Regeln oder besser noch: "Chaos ist das, was ein Teil der Superreichen will. Sie machen ihr Geschäft mit extremen Unsicherheiten."

Die "temporäre Allianz der Elite mit dem Mob"

Globalisierungsgewinner – wie Trump, Boris Johnson und ihre Unterstützer – suchten dafür gezielt die Allianz mit den Verlierern des Systems, deren Frust sie lenken könnten. Oder gleich mit den offenen Rassisten, die auf der Straße und im Netz Hass säen und so die liberale Mehrheit zum Schweigen bringen wollten. Mason zitiert Hannah Arendt, die einst über den Aufstieg der Nationalsozialisten von der "temporären Allianz der Elite mit dem Mob" sprach. Ähnliches passiere heute wieder: "Wenn Teile der Superreichen und der sehr, sehr Armen und eher weniger Gebildeten sich dem gemeinsamen Ziel verschreiben, das System zu zerstören, wird’s gefährlich. Hannah Arendt hat uns damals noch etwas vor Augen geführt: Es wird sexy, das System zerstören zu wollen. Es wird für manche zu einer obszönen Idee: Einmal der Zerstörer sein, das wird im Sinne Nietzsches das, was manche wollen."

Die Utopisten müssen lauter werden

Mason sagt: Wir sind mittendrin in einem Zeitalter, in dem die Vernunft massiv bekämpft und die Lüge zur neuen Wahrheit erhoben wird. Um Menschen in wertvoll und weniger wertvoll zu teilen, einigen wenigen Profit zu bringen, die multilaterale Ordnung und den Frieden aufzukündigen. Wenn erst niemand mehr wisse, was stimmt und was nicht, falle die Demokratie. Und die Tyrannei habe gewonnen.  

"Wir können die Dystopie aufhalten, aber das ist jetzt wirklich meine Botschaft an die Linken und die Liberalen: Wir brauchen dringend eine Utopie dagegen, eine Vision der Zukunft, wie die Welt für alle wirklich besser aussehen kann." Paul Mason appelliert an uns alle: Wer sich weiter Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit wünsche, dürfe jetzt nicht mehr schweigen.  

Autorin: Nora Binder

Stand: 21.10.2019 09:00 Uhr

28 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 20.10.19 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste