SENDETERMIN So, 20.10.19 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Die Leben der Elena Silber"

Alexander Osang

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Wir treffen Alexander Osang einen Tag vor Messebeginn in seiner Geburtsstadt Berlin. Am Vorabend kommt er aus Tel Aviv, von wo er derzeit für den Spiegel arbeitet. Acht Jahre war er in New York. Er hat berichtet über Krieg und Frieden, Elend und Luxus. Man kann mit einigem Recht sagen: Osang gehört zur kulturellen Elite, er lebt im globalen Jet-Set. Aber er hat dieses Leben nicht geplant. Wie auch? Er kommt aus der DDR! Und in manchen Momenten wirkt Osang auch so, als sei ihm sein eigenes Leben zwei Nummern zu groß. Aber das ist keine Koketterie.

Er sagt: "Ich sehe mich nicht als Teil einer globalen Elite, von einem Jet-Set. Eigentlich ist mir die Welt oft auch ein großes Rätsel. Und diese Fremdheit versuche ich irgendwie in journalistischen und verschiedenen Texten irgendwie produktiv zu machen und damit umzugehen."

Das Schweigen wurde ihm zu laut

Jetzt hat Osang zum ersten Mal nicht über andere geschrieben, sondern über sich: Die Geschichte seiner deutsch-russischen Familie, die in den Mahlstrom der Geschichte kam – Revolution, Stalinära, Nazizeit, Weltkrieg, deutsche Teilung, Mauerfall.

Zwischenzeitlich kam Osang dieses Projekt als das vor, was es ist: Ein bisschen größenwahnsinnig. Aber das dröhnende Schweigen in seiner Familie über die Schrecken des letzten Jahrhunderts wurde ihm irgendwann zu laut. Er wusste, er muss diese Geschichte erzählen, wenn er Klarheit über sich selbst haben will.

"Und am Ende war mein eigentlicher Wunsch, das habe ich beim Schreiben gemerkt, schon auch, zu zeigen, dass viele der Probleme, mit denen zumindest ich zu kämpfen habe, weitaus weiter zurückgehen und die lassen sich nicht nur auf diese DDR-Zeit reduzieren", so Osang. "Und aus diesem Grund wollte ich sehr tief in die Geschichte gehen. Und spüren, was das eigentlich alles mit meinen Verwerfungen, mit meiner Generation zu tun hat."

Eine Familie, durch das Jahrhundert geschleudert

Alles beginnt in der winzigen Stadt Gorbatow in Südrussland, sie liegt an der Oka. Hier wird 1905 Osangs Urgroßvater von zaristisch-orthodoxen Eiferern ermordet. Er galt als Aufrührer gegen den Zaren. Seine Frau flieht mit ihrer damals zweijährigen Tochter Elena. Osang erzählt die Geschichte dieser kleinen Elena. Es ist: seine Großmutter.

 "Ich habe eine russische Großmutter. Und ich habe einen russischen Urgroßvater, der von Zarentruppen brutal hingerichtet wurde. Das ist wahr", erzählt Osang.

18 Jahre später, im Jahr 1923, reist Osangs deutscher Großvater in die Sowjetunion. Er will beim Aufbau des Sozialismus helfen. Ausgerechnet nach Gorbatow verschlägt es ihn. Dort lernt er Elena kennen, sie ist inzwischen 21 Jahre alt. Beide verlieben sich ineinander, heiraten und bekommen fünf Töchter. Wie diese Familie von Terror, Krieg und Vertreibung durch das Jahrhundert geschleudert wird, darüber wurde in Osangs Familie kaum geredet. "Es ist natürlich ein Buch übers Schweigen" sagt Osang. "Über bestimmte Dinge, die man seiner nachfolgenden Generation aus welchen Gründen auch immer nicht erzählen kann oder will oder nicht erzählen zu können glaubt."

Verlust und Flucht

Die Familiengeschichte, die Osang da erzählt ist eine nicht enden wollende Folge von Verlust und Flucht: Sie fliehen 1936 vor Stalins Terror – nach Hitler-Deutschland. Dann Flucht vor der anrückenden Roten Armee. Und in den Nachkriegs-Wirren verschwindet Osangs Großvater. Bis heute ist er verschollen. Fast 15 Jahre hat Osang gebraucht, um dieses Buch endlich schreiben zu können. "Dieses Thema hat mich wirklich schon extrem lange umgetrieben. Ich wusste, dass da eine Geschichte ist, die ich gern erzählen wollte. Und mit den Jahren hat sie lauter zu mir gesprochen. Und die Notwendigkeit, sie aufzuschreiben, wurde größer für mich", sagt Osang.

Geschrieben wie im Rausch

Einen Tag später auf der Buchmesse: Ein deutscher Herbst hat begonnen. Es ist der 30. nach dem Mauerfall. Zehn Jahre lang hat Alexander Osang damals über die unglücklichen Geschichten meiner Landsleute geschrieben, wie er es nannte. Es war, so sagt er: die aufregendste Zeit meines Lebens. Sie hat ihm den Blick geschärft – für die Welt in der er jetzt unterwegs ist.

"Ich habe wie im Rausch diese Zustände beschrieben. Ich habe wirklich innerhalb dieser Geschichten gelebt, die ich da geschrieben habe. Und bin von einer Geschichte zur anderen gesprungen, ohne selbst richtig zu leben. Und ich habe schreibend ein bisschen verstanden, was jetzt passiert in diesem Land. Was mir passiert."

Osangs Familien-Roman ist ein Panorama des letzten Jahrhunderts. Manchmal verliert sich der Erzähler ein bisschen im Dickicht seiner Geschichte. Am stärksten ist dieses Buch dann, wenn Osang – der ein großartiger Beobachter ist – einfach erzählt was war.

Autor: Ulf Kalkreuth

Stand: 21.10.2019 09:10 Uhr

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