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Die Macht Spotifys

Wie der Streaming-Gigant Musik verändert

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Streaming-Gigant: Die Macht Spotifys | Video verfügbar bis 21.02.2022 | Bild: HR

Musik! Alle Lieder der Welt. Zu jeder Zeit! Disco: überall. Das ist das wunderbare Versprechen Spotifys.

"Es ist eine unglaubliche Vielfalt an Sounds, die man sich mit Spotify ins Haus holen kann. Wenn ich will, kann ich mir auch die Playlists aus Indien, Pakistan, Südkorea und Japan anhören. Das wäre ja in unserer Jugend völlig unvorstellbar gewesen. Ich kann nächtelang vor Spotify sitzen und jedes Mal unglaublich glücklich darüber sein, was man alles entdecken kann", sagt der Kulturjournalist Jens Balzer. Doch da ist auch die düstere Seite Spotifys. "Noch nie in der Geschichte des schwedischen Wissenschaftsrats hat ein Unternehmen Wissenschaftler so bedroht wie Spotify", so der Wissenschaftler Pelle Snickars.

Die Menschen zahlen wieder für Musik – doch wo fließt das Geld hin?

In Stockholm 2008 gegründet, trat Spotify ursprünglich mit einem weiteren Versprechen an: Die Krise der Musikindustrie zu beenden. Gründer Daniel Ek ist heute rund 4,5 Milliarden Dollar schwer.
Pelle Snickars: "Das Unternehmen begann zu einer Zeit, als "file-sharing" und Musikpiraterie ein großes Thema waren. Und Spotify sollte die Lösung für dieses Problem sein." Und tatsächlich: Menschen zahlen heute wieder dafür, Musik überall hören zu können. Die drei großen Labels Warner, Sony und Universal, machen 55 Prozent ihres Profits mit Streaming-Diensten.

"Doof ist nur, dass viele Künstler und Künstlerinnen davon nichts haben", sagt Jens Balzer. "Das ist ein bekanntes Problem, dass abgesehen von einer relativ schmalen Schicht an sehr erfolgreichen Künstlern und Künstlerinnen auf Spotify der sogenannte musikalische Mittelbau eigentlich so gut wie gar nichts verdient, weil die Ausschüttungen so niedrig sind."

Klar ist: Es ist genug Geld da. Aber: wo fließt es hin? 70 Prozent gehen an die Labels, nur 20 an die Künstler. Und die werden nach einer völlig undurchsichtigen, kaum überprüfbaren, Methode verteilt – die zudem unfair ist, sagt der Autor Jens Balzer. Wir treffen ihn im Oderberger Hotel Berlin. Dort erklärt er das sogenannte "Pro-Rata"-Modell: "Das heißt, dass Streams innerhalb eines bestimmten kurzen Zeitraums erhoben werden und wer in diesem Zeitraum die meisten Streams hat, bekommt überproportional viel Geld ausgeschüttet. Während Künstler und Künstlerinnen, die vielleicht genauso viele Streams haben, aber über einen längeren Zeitraum überproportional benachteiligt werden."

Blackbox Spotify

Das verändert die Musik. Denn die Algorithmen belohnen Künstler, die schnell hintereinander kurze Songs veröffentlichen, bestrafen aber Musikerinnen wie sie: Joanna Newsom, die oft jahrelang an komplexen Songs feilt. Bei "Larry King" kritisierte sie das System.

Larry King: "Deine Musik ist nicht auf Spotify – warum?"
Joanna Newsom: "Weil es auf der Idee basiert, die Bezahlung von Künstlern zu umgehen. Ja, Spotify zahlt Lizenzgebühren, aber die werden dann je nach Vertrag zwischen Künstler und Label aufgeteilt. Das Problematische daran ist, dass die meisten der großen Labels daran finanziell beteiligt sind."

Wie die Verträge zwischen den Labels und Spotify genau aussehen weiß niemand. Der Streamingdienst ist zu einer weltweiten, kultur-prägenden Supermacht geworden, entzieht sich dabei aber gesellschaftlicher und staatlicher Kontrolle. Blackbox Spotify. In jeder Beziehung. "Welche Künstlerinnen werden denn gehört und welche nicht?", fragt Pelle Snickars. "Was ist der Mechanismus dahinter? Ist da Geld im Spiel? Kann man sich in eine Playlist einkaufen oder nicht? Wir können nicht mal sagen, ob die Songs von Menschen gehört wurden oder nur von Bots. All das wird vor uns als Konsumenten, aber auch als Bürger verborgen. Und in diesem Sinne ähnelt Spotify den anderen großen Medienplattformen wie Facebook, YouTube oder Google."

"Natürlich speichern sie genauso viele Daten wie Facebook"

Und da gibt es noch etwas, das wir einfach zu gerne falsch verstehen, wenn wir "unser" Spotify überall hin mitnehmen: Wir wissen, bei Spotify geht es um Daten – und doch denken wir dabei fast immer nur an Musikdateien. "Was aber vielleicht noch wichtiger ist", sagt Snickars, "ist die Art und Weise, wie wir als Hörer und Konsumenten der Plattform auch Daten produzieren, die Spotify dann auswerten und in seinem System nutzen kann. Einerseits, um uns bessere Musikempfehlungen zu geben, andererseits aber auch, um Werbefirmen zu beliefern. Natürlich speichern sie genauso viele Daten wie Facebook."

Der Stockholmer Pelle Snickars und sein Team gehören zu den wenigen, die zu Spotify forschen. Als sie mehr herausfanden, begann das Unternehmen, Drohmails zu schicken, und versuchte den Wissenschaftlern die Finanzierung – und damit ihre Existenzgrundlage – zu kappen. "Sie schrieben dem schwedischen Wissenschaftsrat einen ziemlich beängstigenden Brief, in dem stand, dass wir mit unserer Forschung aufhören sollten. Dieser Brief wurde dann an den Rektor meiner Universität geschickt. Ich bin Professor, für mich war das nicht schlimm. Aber für meine jüngeren Kollegen war das eine sehr unangenehme Situation. Also ja, wir wurden bedroht."

Ein gerechteres Spotify

Wie könnte das System Spotify transparenter gestaltet werden? Man könnte einen Anfang machen bei der Bezahlung von Musikern. Einen Vorschlag dafür gibt es schon: das User-basierte Streaming. Jens Balzer: "Das würde so funktionieren, dass genau das Geld, was Abonnenten und Abonnentinnen einzahlen, auch an die Künstler ausgezahlt wird, die sie hören. Also wenn ich jetzt eben einmal im Monat nur drei Mal Annett Louisan höre, dann kriegt die aber auch das ganze Geld, das mit meinem Abonnement rausgegangen ist. Und wenn ich mit meinen zehn Euro, die ich da zahle, dann 10.000 Mal Capital Bra höre, dann kriegt er trotzdem nur zehn Euro."

Das wäre gerechter. Und dann würden wir gerne auch noch wissen wollen, was genau mit unseren Daten passiert und wo sie landen.

Bericht: David Gern

Pelle Snickars et. al "Spotify Teardown: Inside the Black Box of Streaming Music"
286 Seiten, 13,79 Euro
MIT Press

Jens Balzer "Das entfesselte Jahrzehnt: Sound und Geist der 70er"
432 Seiten, 26 Euro
Rowohlt Berlin

Stand: 21.02.2021 19:47 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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