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Race & Sex – Identitätspolitik ultra-unterhaltsam

Das Buch "Identitti" von Mithu Sanyal

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Race & Sex – Das Buch "Identitti" von Mithu Sanyal | Video verfügbar bis 21.02.2022 | Bild: HR

"Wo kommst du her?" Diese Frage bestimmt das Leben der Romanheldin Nivedita. Mitte 20, geborene Düsseldorferin. Nicht weiß, nicht schwarz, mit indisch-polnischen Wurzeln. Von der britisch-indischen Verwandtschaft wird sie "Coconut" genannt – außen braun – innen weiß. Auch sie kennt dieses Gefühl, nirgends ganz dazu zu gehören, das Chaos der Identitäten: Autorin Mithu Sanyal.

"Ich war in Düsseldorf in meinem Großwerden immer irgendwie 'falsch'. Wenn ich nach Indien gegangen bin, habe ich zwar die richtige Hautfarbe gehabt, aber die falsche Körpersprache. Es war immer das Gefühl, irgendwas stimmt mit mir nicht. Das ging so weit, dass wenn ich in den Spiegel geguckt habe, ich mich ja nicht als Person of Colour gesehen habe, sondern als Weiße mit irgendwie komischer Haut."

Empowerment im Postcolonial Studies-Seminar

Romanheldin Nivedita sucht wie die Autorin ihren Platz in der Welt. Als Bloggerin mit Pseudonym 'IDENTITTI' schreibt sie als 'Mixed Race-Wonder-Woman' über Sex und Rassismus: 'Weil es Menschen wie mich im geschriebenen Universum schlicht nicht gibt. Zumindest nicht im uns bislang bekannten Universum.'

Nivedita studiert Postcolonial Studies. Und hier kommt die zweite Heldin ins Spiel: Uni-Professorin Saraswati. International gefeiert und Person of Colour. Auch sie mit indischen Wurzeln. Mit Theorie und messerscharfer Intelligenz 'empowert' sie die studierenden People of Colour, gibt ihnen ein geistiges Zuhause. Die charismatische Saraswati wird für Nivedita zum Role-Model, zum Guru. Weiße? Schmeißt sie aus dem Seminar raus – kleine Lektion in Rassismus.

"Saraswati ist ein hoch narzisstischer Mensch", sagt Mithu Sanyal, "aber ihr Narzissmus basiert darauf: 'Ich bin eine tolle Professorin! Ich kann eine Transformation bei meinen Studierenden erschaffen! Guckt mal, Ihr seid zu mir gekommen, ihr wart unscheinbar. Dann habt ihr angefangen zu leuchten.' Davon ist sie wirklich überzeugt. Aber dadurch gibt sie ihnen auch ihre komplette Aufmerksamkeit."

Vorlage: ein Blackfacing-Skandal aus den USA

Doch dann platzt die Bombe. Saraswati ist in Wahrheit: eine Weiße. "Sarah Vera Thielmann" - aus Karlsruhe. Ihre schwarze Identität: kompletter Fake. Blackfacing. Zugrunde liegt dem Roman ein Skandal aus den USA: Die Uni-Dozentin Rachel Dolezal hatte sich als Schwarze ausgegeben. Sie bezeichnete sich als "transracial". Von Lüge wollte sie nichts wissen.

"Mich hatte die Debatte damals tief beeindruckt und auch tief getroffen", so Mithu Sanyal, "denn ganz viele Fragen, die Rachel Dolezal gestellt wurden, sind ja dieselben Fragen, die mir mein ganzes Leben gestellt wurden: Wer bist du? Wer bist du wirklich? Kannst du beweisen, wer du wirklich bist? Bist du 'braun genug', in ihrem Fall: bist du 'schwarz genug'? Und ich hatte keine Antworten darauf. Das Internet hatte ganz klare Antworten. Da wurde gesagt, dass es falsch ist, dass es schlecht ist, ein paar Leute haben es verteidigt. Ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, ich habe das Anrecht darauf, darüber zu urteilen. Das war der Unterschied zu den ganzen Stimmen darin – und deshalb wollte ich unbedingt darüber schreiben."

Weiß-Sein: eine Konstruktion

Aufgewachsen in Düsseldorf-Oberbilk in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Die kleine Mithu: Damals hält sie keiner für eine "echte" Deutsche. Der Alltagsrassismus und die ständigen Fragen nach ihrer Herkunft machen sie – wie viele "nicht-weiße" Menschen - zur Spezialistin in Fragen der Identität. In ihrem Fall: zur promovierten Kulturwissenschaftlerin der Heinrich-Heine-Universität.

In ihrem Romandebüt "Identitti" geht es um Macht – und Ermächtigung. Denn auch das Weiß-Sein ist eine Erfindung. Mithu Sanyal: "Das Weiß-Sein ist konstruiert worden, um den transatlantischen Sklavenhandel zu rechtfertigen. Vorher waren Leute nicht 'weiß', sie haben sich als Zugehörige eines Landes, einer Religion, einer Sprachgruppe gesehen. Die Deutschen waren die 'Teuta': die Leute, die Deutsch gesprochen haben. Das war der Gedanke dahinter – dass Weiß-Sein einfach nur konstruiert wurde, um weiße Überlegenheit, White Supremacy zu rechtfertigen."

Darf Saraswati deshalb einfach Person of Colour werden? Ihr Weiß-Sein ablegen wie das falsche Geschlecht? Ein Shitstorm tobt im Roman: rassistische Tweets von Rechts. Teils erfunden – aber immer nah an der Realität. Teils aber bat die Autorin Publizist*innen um echte Tweets zu dem Roman-Skandal. So postet Sibel Schick: "Almans wünschen sich hart, rassistisch unterdrückt zu werden."

Identität: Geschichten, statt Fakten, Daten und Statistiken

Sind wir an einem Punkt, wo Identitäten austauschbar werden? Erst transgender, jetzt wie Saraswati "transrace"? "Schwarz-Sein, Kolonialisiert-Sein, Rassifiziert-Sein", sagt Mithu Sanyal, "hat ganz viele Nachteile. Es ist aber auch die Farbe von Widerstand und 'Black is beautiful'. Das heißt, es ist eine Farbe, in der auch viel mehr Menschlichkeit enthalten ist. Nicht-Weißsein ist ein kulturelles Kapital geworden, das ist natürlich auch etwas, das wir uns angucken müssen und dürfen sollten."

Sanyals Kunst besteht darin, die ganzen Identitäts-Diskurse so komisch, so leicht zu erzählen. Mit einem Hauch magischem Realismus: die indische Göttin Kali – männermordend, sexbesessen – kommt vor. Sie hat nicht nur ein Geschlecht, sondern viele. "IDENTITTI": Sex und Identität erfindet sie für sich selbst.

"Ich wollte auch deutlich machen, dass wir über Identität nur über Geschichte und Geschichten reden können. Und nicht als Fakten, Daten und Statistiken", sagt Mithu Sanyal. Vermeintlich "echte" Identitäten, die gibt es spätestens nach der Lektüre dieses Romans nicht mehr. Darin liegt eine Chance.

Bericht: Brigitte Kleine

Mithu Sanyal "Identitti"
432 Seiten, 22 Euro
Carl Hanser Verlag, Februar 2021

Stand: 21.02.2021 19:47 Uhr

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