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Die männliche Dominanz

Nur ein Wimpernschlag in der Menschheitsgeschichte?

PlayWie werden wir das Patriarchat wieder los?
Die männliche Dominanz - Nur ein Wimpernschlag in der Menschheitsgeschichte? | Video verfügbar bis 21.02.2022 | Bild: HR

Der Mann und die Frau. Noch immer eine Geschichte der Ungleichheit. "Der Mann ist die Norm und die Frau ist die Frau." Der männliche Blick auf die Welt: Er dominiert noch immer. Auch wenn sich schon einiges getan hat, ist er doch wirkmächtig. "Der Mann oder der männliche Blick, das männliche Sein, männliche Eigenschaften behandeln etwas Objektives, etwas Neutrales. Und die Frau beschreibt etwas Weibliches", sagt die Biologin Meike Stoverock.

Das Weibliche: oft reduziert. Klischiert. Eine lange Geschichte. Seit Jahrhunderten schon erhebt die männliche Sicht den Absolutheitsanspruch. Meike Stoverock: "Wir reproduzieren alle eine männliche Perspektive. Wir nehmen sie aber nicht als männlich wahr, sondern glauben, das ist etwas Neutrales, das ist etwas Objektives, weil wir es auch nicht anders kennen."

Die Ungleichheit von Mann und Frau: eine kulturelle Erfindung

Und das hat auch damit zu tun, dass Wissenschaft und Geschichte lange männlich geprägt wurden. Von Männern geschrieben wurden. So entstand unweigerlich ein männliches Bild von Welt, von Macht. Was zum Absoluten wurde. Wie konnte das passieren? Die Kultur, die Religionen, vor allem der Monotheismus spielen dabei die entscheidende Rolle, sagt der Anthropologe Carel van Schaik: "Das sehen wir schon in der Schöpfungsgeschichte und es ist ein bisschen zu einfach zu sagen: die Religion. Es ist eher das Christentum, das sich entwickelt hat aus der Jesus-Bewegung und das frühe Christentum, als es zur Staatsreligion wurde."

Carel van Schaik räumt endgültig auf, mit dem Mythos der männlichen Überlegenheit. In seinem bahnbrechenden Buch rekonstruiert er mit Kai Michel en détail, warum die Ungleichheit von Mann und Frau eine kulturelle Erfindung ist: "Die Wahrheit über Eva". Erst vor 10.000 Jahren, als der Mensch sesshaft wurde, entstand eine Geschlechterhierarchie. Und die Bibel schrieb sie fest: Mit dem Sündenfall Evas. Sie entwarf ein völlig falsches Bild. Dabei lebte Jesus Quellen zufolge gleichberechtigt. "Jesus hat eigentlich eine Lebensweise wiederentdeckt, die sehr gut zu uns passt, wie wir immer früher gelebt haben: sozial reich, aber materialarm. Und wir haben ja alles geteilt. Wir haben sehr viel gemeinsam gegessen, getrunken, gesungen. Also das war eine unglaublich egalitäre Bewegung, woraus aber dann etwas ganz anderes entstanden ist", sagt Carel van Schaik.

Die längste Zeit hat Gleichheit geherrscht

Als der Mensch sesshaft wird, ändert sich das Geschlechterverhältnis fundamental. Privateigentum entsteht, es gehört dem Mann – die Frau wird zur ungleichen Partnerin. Historisch - eine Anomalie. Denn eigentlich war es die längste Zeit so: "Wir wissen, dass über die Jahrhundertausende, soweit wir zurückschauen können, Gleichheit geherrscht hat und auch Gleichheit zwischen den Geschlechtern", so van Schaik, "und das wissen wir sowohl aus der Archäologie, aber auch immer mehr und sehr klar aus der Ethnographie, wo wir sehen, dass bei den Jägern und Sammlern, solange sie nomadisch sind – und das waren wir die längste Zeit – dass da Geschlechtergleichheit herrscht. Dass Männer und Frauen sich ergänzen, sie machen Teamwork. Sie brauchen einander. Da kann niemand sagen: Ich bin wichtiger, denn dann bricht das ganze System zusammen."

"Female Choice" als weibliches Urprinzip

Die männliche Dominanz – eine kulturell gezimmerte Legende. Evolutionsbiologisch gesehen ist es sowieso ganz anders, sagt die Biologin Meike Stoverock. In ihrem Buch "Female Choice" zeigt sie, wie der zentrale weibliche Urinstinkt sukzessive verdrängt und überschrieben wurde. Aber was ist "Female Choice"? Ein nicht zu unterschätzendes Prinzip der Biologie. Meike Stoverock: "Female Choice ist vor allen Dingen ein Grundmuster. Die allermeisten sich sexuell fortpflanzenden Tiere und eingeschränkt sogar auch Pflanzen folgen diesem Prinzip der Female Choice. Die Weibchen kontrollieren die Ressource Sex und Fortpflanzung."

Er bewirbt sich. Sie wählt aus. Und tendiert zum Alphamann. Die Männer stehen im aggressiven Wettbewerb. Viele kommen nicht zum Zug. Mit der Sesshaftigkeit und dem Christentum aber wird jede Frau an einen Mann gebunden, wirtschaftlich abhängig. Die Frau bleibt im Haus bei den Kindern, wird ausgeschlossen von Macht und Bildung. Die Idee, die Frau sei in Wahrheit das "schwache Geschlecht", wird festgeschrieben. Und dann auch biologisch begründet.

Die Balance zwischen Mann und Frau neu austarieren

"Der entscheidende Punkt ist aus meiner Sicht, dass sich bislang eben nur Unterdrücker die Biologie zu eigen gemacht haben", sagt Meike Stoverock. "Und mir fehlt ein bisschen der neutrale, wertfreie Blick auf biologische Sachverhalte." Und Carel van Schaik sagt: "Für mich eine erstaunliche Entdeckung – denn ich hatte nie so darüber nachgedacht – war, wie patriarchal, ich würde sogar sagen: kontaminiert, die ganze Wissenschaft sehr lange Zeit war."

Die männlich geprägte Norm hinterfragen, die Ungleichheit als kulturelle Erfindung entlarven, und "Female Choice" als natürliches Urprinzip anerkennen – das wären für Meike Stoverock die Grundlagen, um die Balance zwischen Mann und Frau neu auszutarieren: "Ich glaube, gleich starke Geschlechter können einander besser unterstützen. Und viele Männer haben sich ja mit dieser patriarchalen Zivilisation selbst in eine Situation gebracht, wo sie unfassbar viel Verantwortung tragen müssen: der Ernährer zu sein, der Versorger zu sein. Da können die Männer natürlich profitieren, weil sie einfach nicht mehr die ganze Verantwortung zur Versorgung von Kindern tragen müssen. Aber sexuell haben sie den Kürzeren gezogen."

Die Rückkehr zu "Female Choice": Würde das die Machtverhältnisse nicht einfach nur umkehren? Oder könnte es tatsächlich zu mehr Gleichheit führen?
Der Mann und die Frau: eine unendliche Geschichte.

Bericht: Natascha Pflaumbaum

Carel van Schaik und Kai Michel "Die Wahrheit über Eva: Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern"
704 Seiten, 26 Euro
Rowohlt Buchverlag, November 2020

Meike Stoverock "Female Choice: Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation"
352 Seiten, 22 Euro
Tropen Verlag, Februar 2021

Stand: 21.02.2021 19:47 Uhr

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