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Pa Salieu

Der Rapstar straight outta Coventry  

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"Die Frontline, das ist das Kriegsgebiet", sagt Pa Salieu. "Alles bei uns ist Kriegsgebiet. Und mittendrin verläuft die Front. Armut – Kriegsgebiet. Gewalt – Kriegsgebiet. Freunde, die sterben – Kriegsgebiet. Freunde, die zu Crack-Zombies werden – Kriegsgebiet. Die Schulen direkt an der Front – Kriegsgebiet. Die Frontline eben."

Pa Salieu rappt über Coventry. Die Hölle Großbritanniens. Die Front der Unterprivilegierten, der Vergessenen. "Als ich Kind war", sagt er, "führte mein Weg zur Schule durch die Front. Meine Schule lag direkt an der Front, einer langen Straße. Ich sah jeden Morgen die Prostituierten, die Verstrahlten, die Kaputten. Und es war völlig normal. Ich sah kriminelle Handlungen, du weißt schon. Auf dem Weg zur Schule sah ich die ganzen Alten, die dich total verrückt anschauen. Das ist völlig normal. So ist mein Viertel."

Gambia: "das wirkliche, schöne Leben"

Geboren aber wird Pa Salieu in der britischen Industriestadt Slough. Als Kleinkind wird er zur Oma nach Gambia gegeben. Dort: strenge Erziehung, aber gleichzeitig: das Gefühl von Freiheit. Heimat! Die Gemeinschaft in Gambia ist herzlich, intensiv. Man lebt eng mit den Nachbarn, teilt das Essen.  

"Gambia trage ich in mir", erzählt Pa Salieu. "In Gambia ist mein Stammbaum. Das ist eine ganz andere Art von Stolz. Ich bin zwar in England geboren. Aber meine erste Sprache ist Wolof. Ich wusste von Anfang an, dass ich anders bin. Gambia hat mir meine Geschichte gelehrt. Alles was ich heute weiß, wüsste ich nicht, wenn ich nicht nach Gambia geschickt worden wäre. Meine Großeltern haben mir Unmengen an Wissen beigebracht. Ich machte Erfahrungen, die noch nicht einmal meine eigenen Eltern gemacht haben. Ich hatte die Chance, das wirkliche, schöne Leben kennenzulernen. Und als ich dann zurück nach Großbritannien kam, musste ich lernen, wie hart das Leben ist."

"Wir sind hier alle traumatisiert"

Coventry. Die gefährlichste Stadt Großbritanniens. "Send Them To Coventry" ist eine britische Redewendung und meint: "Scher‘ dich zum Teufel". Als Ausdruck unwiderruflicher Ausgrenzung. "Die meisten meiner Freunde, die im Knast sitzen, wurden überhaupt nicht erzogen. Noch nicht einmal schlecht erzogen. Die meisten meiner Freunde, die zu Cracksüchtigen wurden, hatten Eltern, die auch schon Cracksüchtige waren. Meinst du, das System hat jemals Mitleid mit ihnen gezeigt? Nein. Wir müssen selbst überleben. Die Ignoranz: das ist das Schlimmste!"

Pa Salieus großes Thema ist: Self-Empowerment. "Wir sind hier alle traumatisiert", sagt er. "Und wir schämen uns nicht zu sagen, dass wir traumatisiert sind. Aber die einzige Möglichkeit, die wir haben, ist Negatives in Positives zu verwandeln. Keiner kommt zu mir und reicht mir ein Taschentuch. Keiner weint für mich. Keiner lässt mich an seine Schulter, um mich auszuheulen. Ich bin im Dschungel. Und ich will da raus. Wenn du dich schlafen legst, bist du tot. Und keiner wird dir nachweinen. So ist das."

Trost geben in trostlosen Zeiten

Seinen großartigen Flow, wie er die Wörter bindet, hat er aus Gambia mitgebracht. Pa Salieu, gerade mal 23, wird als neuer britischer Rapstar gehandelt. Nahe Brighton nimmt er ein neues Album auf.

Vor eineinhalb Jahren wurde ihm in Coventry in den Kopf geschossen. "So etwas passiert jeden Tag", sagt Pa Salieu. "Wenn ich gestorben wäre, dann hätten alle gedacht: nur ein Krimineller. Auch wenn ich nur zufällig in eine Gangschießerei reingeraten wäre. Keiner hätte mich gekannt. Ich bin in keiner Gang. Ich habe eine Familie. Sie haben uns in diesen Dschungel gesteckt. Du lernst dich mit Menschen zu umgeben, die durch das Gleiche gegangen sind wie Du. Trost. Wir trösten uns gegenseitig. Aber die Menschen, die mich trösten, werden alle getötet. Einer nach dem anderen."

Trost geben in trostlosen Zeiten. Das ist die Kunst des Pa Salieu.

Bericht: Andreas Krieger

Pa Salieu "Send Them To Coventry"
MP3-Album 8,99 Euro
Warner Music

Stand: 21.02.2021 19:47 Uhr

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So., 21.02.21 | 23:35 Uhr
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Hessischer Rundfunk
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