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Das HipHop-Duo "Run the Jewels"

Chronisten der brutalen amerikanischen Gegenwart

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Das HipHop-Duo "Run the Jewels" | Video verfügbar bis 21.06.2021 | Bild: Run the Jewels

Party in New York, noch kurz vor dem Lockdown: Champagner für alle und brennende Dollars. "Run the Jewels" schmeißen diese Sause. Zwei Rapper, die hier das Ende des Kapitalismus feiern. Mit Austern und Steak Tartar.

"Wir tragen unsere Superhelden-Kostüme", sagt der Rapper El-P. "Wir sind Jungs, die durch Wände laufen, von Gebäuden springen, Hasch rauchen, einen Pudel erschießen. Wir erlauben uns diesen Quatsch. Wir sind einfach nur zwei Freunde, die Hip-Hop lieben, und nichts anderes wollen, als großartige Raps aufzunehmen. Wir wollen unkonventionelle, böse, lustige und manchmal auch dunkle Rap-Platten machen."

Ein Song, erschütternd prophetisch

Eine Feier der Freiheit und Gleichheit. Doch: da sind auch diese Hubschrauber. Fast wie eine Ahnung, was noch kommen sollte… Armeehubschrauber über Demonstranten. Nach dem Mord an George Floyd durch einen weißen Polizisten marschieren sie in ganz Amerika.
"Run the Jewels" haben schon vor Floyds Tod einen Song geschrieben, der jetzt erschütternd prophetisch wirkt. Darin heißt es: "Die schlechtesten Noten haben die Ärmsten und die, die so aussehen wie ich. Jeden Abend in den Nachrichten füttern sie eure Angst kostenlos. Und ihr seht teilnahmslos zu, wenn ein Polizist einen Mann wie mich würgt. Bis aus meinem Kreischen ein Wispern wird: ‚I can’t breathe.‘"

"Wir hätten diesen Song auch 1990, 1980, 1970, 1960 oder in jeder anderen Dekade davor machen können.", sagt der Rapper Killer Mike. "Ich kann dir immer schon sagen, wie eine Auseinandersetzung zwischen wilden Polizisten und einem normalen amerikanischen Bürger, der so aussieht wie ich, ausgehen würde." Und El-P ergänzt: "Es ist doch klar, dass wir nicht die Zukunft vorhersagen, sondern über Tatsachen reden, über die Vergangenheit und die Gegenwart."

Ihr Song bezieht sich auf diesen Mord in New York 2014: Eric Garner stirbt durch den Würgegriff von Polizisten. "I can‘t breathe" waren auch seine letzten Worte. Nur drei Wochen nach Georg Floyd wird in Atlanta Rayshard Brooks von Polizisten erschossen.
Jetzt brennt Atlanta. Minneapolis. Washington. New York. Schwarze Menschen werden immer wieder Opfer von weißen Polizisten. Der Schmerz darüber entlädt sich – teilweise in zerstörerischer Wut. "Run The Jewels" erzählen auch von Menschen, die angetrieben sind von "political anger", politischem Zorn. Warum nicht Rache? Im Rap spielen sie durch: Was wäre, wenn sich Schwarze zusammentun, Polizisten töten und Gefängnisse niederbrennen.

Teil einer langen Bürgerrechtstradition

Nach dem Floyd-Mord wird Killer Mike bei einer Pressekonferenz der Bürgermeisterin von Atlanta spontan aufs Podium gebeten. Er sagt:

"Ich bin unfassbar wütend! Ich wachte gestern auf und wollte die Welt niederbrennen. Ich bin es so leid, schwarze Menschen sterben zu sehen. Aber wir wollen keine Häuser brennen sehen, wir wollen diese Gesellschaftsordnung, die auf systemischem Rassismus beruht, niederbrennen. Und zwei sehr effektive Möglichkeiten, das zu tun, sind erstens: Hebt euren Arsch, geht zum Computer und tragt euch bei der Volkszählung ein. Das nächste ist, übt eure politische Macht aus, geht wählen und schmeißt die Politiker raus, die ihr nicht mögt."

 "Ich bin kein Anführer bei diesen "Schwarze Leben zählen!"-Protesten", so Killer Mike. "Ich bin in der Tradition der ‚Schwarze Befreiung zählt‘, für die auch Booker T. Washington gekämpft hat und Fanny Lou Hammer oder Martin Luther King, für die Shirley Chisholm oder Nina Turner kämpften, um die Ungleichheit zu beenden. Also ich bin Teil einer langen Bürgerrechtstradition." El-P sagt: "Mir war klar, als Mike da plötzlich stand, dass es eine neue und schwierige Rolle ist. Und ich will hier mal sagen: Mike, Mann, bin ich stolz auf Dich! Denn das ist verdammt nochmal nicht leicht."

Ein "böses, nationalistisches, dogmatisches System"

Wie die Energie der Straße umwandeln in etwas Gutes? Geht wählen, sagte Killer Mike. Schwarze werden daran aber in den USA systematisch gehindert. Gerade gab es in Georgia Wahlen, mit Schikanen: In Atlanta mussten Wähler in bestimmten Bezirken stundenlang anstehen, um dann zu hören, die Wahlmaschine sei defekt. Wählerregistrierung wird bürokratisch erschwert, alles um vor allem Schwarze von den Urnen fernzuhalten. "Amerika hat ein böses, nationalistisches, dogmatisches System. Vom Polizisten bis zum Richter, der dich verurteilt, wohlwissend, dass du dir keine faire Verteidigung leisten kannst, oder der die Jury komplett weiß besetzt. Rassismus zieht sich durch, von oben bis unten."

Und in diesem System regiert ein Präsident, der Militär einsetzt gegen sein Volk und Hass sät. "Wir brauchen keinen Dummkopf Präsidenten", sagt Killer Mike, "der wiederholt, was Befürworter der Rassentrennung einst sagten: ‚If you start looting, we start shooting – Wenn ihr plündert, schießen wir!‘ Aber es gibt auch schwarze Officers und einige werden zurückschießen, das ist dann auch nicht gut!"
Manche Polizisten solidarisieren sich mit den Demonstranten, doch der Präsident will lieber schießen lassen. Wo soll das enden? Bürgerkrieg? El-P sagt: "Im Fall Donald Trump glaube ich wirklich, dass er das Potential in sich trägt, so gefährlich zu sein wie ein Pinochet, ein Hitler, oder wie jeder der nicht nur rassistisch war, sondern auch bereit, das System auszuhöhlen, um tatsächlich eine faschistische Agenda umzusetzen, die Menschen töten würde."

"Letzte Worte ans Erschießungskommando" – so heißt ein neuer Song von "Run The Jewels". Sie treten darin den Soldaten gegenüber – und erzählen, wer sie sind.


Beitrag: Ulrike Bremer

Run the Jewels "RTJ4"
Bmg Rights Management (Warner), Juni 2020
Verfügbar als kostenloser Download

Stand: 21.06.2020 23:35 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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