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Das langsame Sterben der Clubs

Was uns gerade im Verborgenen verloren geht

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Das langsame Sterben der Clubs | Video verfügbar bis 21.06.2021 | Bild: hr

Es sind solche Momente, die gerade fehlen. Corona macht sie unmöglich. Ausgehen ohne Kontakt, ohne Berührung, ohne das Spiel von Dichte und Freiraum: undenkbar. Die Clubs: vor dem Ruin. "Eigentlich wären wir alle schon pleite", sagt Pamela Schobeß. "Wenn man das jetzt finanziell betrachtet, wenn man sieht, wie viele Schulden wir aufgebaut haben, mit dem Wissen oder vielmehr mit dem Nicht-Wissen, wann es weiter geht, hätten wir zumachen müssen."

Clubcommission fordert Finanzhilfen

Pamela Schobeß betreibt das "Gretchen" in Berlin. 15.000 Euro Fixkosten pro Monat türmen sich gestundet auf. Als Clubcommission-Vorsitzende sagt sie: Jetzt muss der Staat helfen! "Wir sind geschlossen und können einfach überhaupt nichts einnehmen, können gar nichts verdienen, haben keine Rücklagen und können keine Kredite abzahlen. Infolgedessen brauchen wir tatsächlich Zuschüsse. Also wir brauchen Finanzhilfen, so blöd das klingt, wir brauchen tatsächlich einfach Geld, damit wir unsere Orte erhalten können und das fordern wir", so Schobeß.

"Der Staat, der zu fürsorglich ist", sagt DJ WestBam, "und der immer die Mutter ist, zu der man mit allen Sorgen gehen kann… Ob dieser Staat – das ist sehr nett natürlich und auch toll für Leute, die auch davon profitieren – aber ob das die bessere Kultur hervorbringt, das wage ich noch zu bezweifeln. Also Punkrock und Rave und alle diese Sachen, das ist immer die Flucht vor dem Staat und nicht der Ruf nach dem Staat." Und auch der Künstler Tobias Rehberger findet: "Gegenwelt kann natürlich eigentlich nicht fordern gleichbehandelt zu werden wie Mitwelt. Das ist ein gewisser Widerspruch."

Laboratorien künstlerischer Ausdrucksformen

Tobias Rehberger mag es, wenn sich Leute treffen. Für seine Cafeteria hat er den Goldenen Löwen der Kunstbiennale Venedig bekommen. Clubs verlässt er erst bei Sonnenschein. Sie können dein Leben retten. Du gehst leer rein und kommst mit Kunst wieder raus: "Sich auffüllen mit Andersartigkeit", so Rehberger, "dafür sind diese Clubs zuständig. Durch ihre Atmosphäre, einfach nur durch ihr Dasein, dass sie diese Möglichkeit ausstrahlen, dass es überhaupt etwas anderes geben kann. Und das tragen natürlich viele Leute weiter in andere Bereiche."

"Hier werden Dinge einfach neu interpretiert, neu aufgefasst, neu gesehen, neu verarbeitet", sagt der Techno-DJ Ata. "Und das entspricht in einem geschlossenen Raum wie hier, wo man sich ausleben kann, wo man seinen Fetisch leben kann, wo man Dinge machen kann, die man zuhause nicht machen darf oder nicht auf der Straße, das passiert hier und dadurch entstehen diese Arbeiten, dadurch entstehen neue Menschen, dadurch entstehen neue kreative, kreative Outputs."

Das "Robert Johnson" in Offenbach

Seit über 20 Jahren betreibt Ata Macias das "Robert Johnson" in Offenbach. Untergebracht im zweiten Stock eines Rudervereins ist sein Club einer der wichtigsten Orte für elektronische Musik – weltweit. Normalerweise keine Fotos, keine Aufnahmen. "Das hier ist ein White Cube. Wir haben hier eine sehr gute Tanzfläche aus Holz. Eine sehr, sehr gute Anlage und eine ganz spartanische Lichtanlage. Das ist alles, was man braucht", sagt Ata.

Der Blick über den Main, der Geruch des Hafens. Offenbach raw. "Das ist unser kleines i-Tüpfelchen: unser Balkon. Das Robert Johnson besitzt einen Balkon, wo wir morgens die Sonne aufgehen sehen. Und da sitzen wir alle in diese Richtung und erfreuen uns der Sonne. Und hinter mir seht ihr den magischen Baum, der morgens mit dir singt." Die Erhabenheit des Moments. Und die Schönheit des Zusammenseins. Clubs sind begehbare, soziale Skulpturen. Orte mit Patina. Wenn solche Clubs aufgeben müssen, kommen sie nicht mehr wieder. Verloren – an kommerzielle Immobilien-Interessen. 

Platz für etwas Neues?

"Und wenn jetzt die Räume, die man so mühevoll hat erhalten können auch jetzt auch noch alle wegbrechen", sagt Pamela Schobeß, "wenn wir zum Beispiel hier rausmüssten, würde ja jetzt im Augenblick auch kein neuer Club reingehen. Das heißt, es würde irgendwas anderes reingehen. Irgendein anderes Gewerbe. Und an vielen anderen Orten wäre das auch so." DJ WestBam hält dagegen: "Wenn Leute tanzen wollen, wird es Leute geben, die irgendwo zwei Boxen hinstellen und die ein Brett hinlegen und dann geht es los. Und es ist nicht verkehrt, wenn das mal wieder zu diesem Punkt kommt. Also da ist mir nicht bang um die Kultur."
Der international gebuchte DJ hat leicht reden. Er trägt keine Verantwortung für Personal und Ort. Clubs sind Kulturinstitutionen mit kuratiertem Programm. Die Betreiber*innen machen meist nur ein Prozent des Umsatzes an Gewinn. Und doch: "Das arrivierte Nachtleben stellt natürlich immer auch einen Machtfaktor dar", so WestBam, "der auch wieder andere unterdrückt. Weil die sagen dann: ‚Wenn du im Berghain spielen willst, dann spielst du nicht bei dem und dem.‘ Wenn es das Berghain dann nicht mehr gibt, dann dürfen die wieder überall spielen. Das hat nicht immer nur Nachteile."

"Also ich würde nicht noch einmal von vorne anfangen", sagt Ata Macias. "Ich bin schon weit drüber hinweg. Ich habe 25 Jahre, 30 Jahre lang die Clubkultur mitgeprägt. Und ich glaube, danach würde ich es nicht mehr schaffen. Ich würde einfach die Kraft, die ich in dem jugendlichen Leichtsinn hatte, nicht noch einmal in die Schale werfen."

Was riskieren wir, wenn solche Orte verloren gehen? Und diese Momente? Können wir uns das leisten?

Beitrag: Andreas Krieger

Stand: 22.06.2020 09:02 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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