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Was heißt es, Mensch zu sein?

Richard David Precht über künstliche Intelligenz und den Sinn des Lebens

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Was heißt es, Mensch zu sein? | Video verfügbar bis 21.06.2021 | Bild: hr

Es geht ihm darum, wie wir weitermachen. Als Menschen. Wir sollten Grenzen ziehen, wenn wir nicht wollen, wohin die Welt grade steuert.

"Wir haben es mit zwei Linien zu tun", sagt Richard David Precht. "Die eine Linie ist, wir machen unser kapitalistisches System so weiter, wie es bisher ist. Ein Super- und Turbo-Kapitalismus, exzessives Wachstum. Dann wird es dazu führen, dass wir innerhalb einer sehr überschaubaren Zeit die Erde restlos zerstört haben. Die andere Variante ist, wir schaffen es, den Menschen so zu verändern, dass er auf die Erde nicht mehr wie im bisherigen Maße angewiesen ist. Das heißt, wir schaffen einen Über-Menschen. Das ist das, was im Silicon Valley viele Leute beseelt. Es gibt viele große IT-Gurus im Silicon Valley, die genau das wollen, das wir keine biologischen Lebewesen mehr sind, sondern dass wir unsere Intelligenz, unser Bewusstsein in Silicium pressen und dass wir auf alternativen Datenträgern überleben können."

Infantile aber nicht ungefährliche Visionen mächtiger Männer sieht er darin. Der Film "iHuman" illustriert, wohin die Entwicklung Künstlicher Intelligenz führen soll:
Silicon Valley. Für einige Tech-Größen und ihre Forschungslabore ist der Mensch nur ein Zwischenschritt der Evolution – der Bootloader, Geburtshelfer für etwas Größeres: eine digitale Superintelligenz – die nächste Spezies – tausendmal intelligenter als die Menschen. Die werden dann überflüssig. Oder Haustiere.

Kein sinnvoller Gebrauch von künstlicher Intelligenz

Das sei keine Evolution, sagt er. Die Künstliche Intelligenz mit ihrem ungeheuren Potential könnte der Menschheit helfen – wenn wir es so einrichten. Aber die GoolgeAppleFacebookAmazons, die High-Tech Oligarchen dieser Welt, wollen vor allem Märkte erschließen.

"Der große Treiber der digitalen Revolution ist es, auch noch in jene Bereiche vorzudringen, in die der Kapitalismus nicht hat vordringen können", so Precht. "Das ist in erster Linie die feine Unterwäsche des Bewusstseins. Mit Sensoren auf der Haut, um Emotionen zu erforschen und dann sofort immer zu wissen, was jemand fühlt, was jemand denkt, um ihn mit allen erdenklichen Produkten vollzuknallen und zu versuchen, das an den Mann und an die Frau zu bringen. Das ist im Moment der Haupttreiber dieser ganzen Entwicklung. Und dieser Treiber geht auf Expansion, auf mehr Konsum, auf mehr Verbrauch und so weiter. Das heißt, wir machen im Augenblick überhaupt keinen sinnvollen Gebrauch zum großen Teil von künstlicher Intelligenz, sondern in weiten Bereichen begehen wir Ressourcenraubbau.

Revision unseres Selbstbildes

Und wir sind mit Begeisterung dabei. Füttern die Spielautomaten unserer Aufmerksamkeit mit allem, was Algorithmen brauchen. Unsere geheimsten Wünsche, unsere Blicke und Bankdaten werden zu Persönlichkeitsprofilen, aus denen künstliche Intelligenz ihre Schlüsse zieht. Precht sagt: "Wenn es aber irgendwann so weit ist, dass die Einstellung in eine Firma abhängig ist von der Expertise künstlicher Intelligenz, wenn ich die Frage, ob ein Strafgefangener begnadigt wird, abhängig mache von dem, was eine Maschine berechnet, wie hoch die statistische Wahrscheinlichkeit ist, dass er wieder straffällig wird, wenn ich in eine Welt gehe, in der tatsächlich Roboterautos herumfahren, die nach Lebenswert die Menschen einschätzen, dann lebe ich tatsächlich in einer Welt, in der die Freiheit sehr viel geringer ist, als sie jetzt ist. Ich denke, wir sollten dafür kämpfen, dass es zu einer solchen Welt nicht kommt."

Deshalb hat er dieses Buch geschrieben. Eine Warnung und ein leidenschaftliches Plädoyer. Vor digitaler Diktatur und für eine Revision unseres Selbstbildes. Was unterscheidet künstliche Intelligenz von der menschlichen?

Biologische und soziale Wesen

"Künstliche Intelligenz ist im weitesten Sinn vielleicht intelligent. Sie verfügt eigentlich überhaupt nicht über Verstand und nicht entfernt über Vernunft. Damit unterscheidet sie sich von menschlicher Intelligenz gravierend. Was ihn unterscheidet, ist das er zu sich 'Ich' sagt. Nur weil der Mensch emotional ist, sagt er zu sich 'Ich'. Das ist keine Intelligenzleistung. Es  ist eine ganz, ganz tief verwobene emotionale Leistung. Wir haben ein Zentrum, quasi ein gefühltes Ich-Zentrum – das ist ein ganz großer Unterschied. Ein weiterer Unterschied ist, Menschen leben nicht so gerne in der Gegenwart. Das unterscheidet uns völlig von Künstlicher Intelligenz. Den größten Teil des Tages hängen wir Erinnerungen nach, machen uns Gedanken, was wir morgen machen, was in der Zukunft sein wird, und so weiter. Und weil wir so sind, sind wir auch fiktionsbedürftig. Menschen haben ein großes Interesse mit ihrem Geist gar nicht im Hier und Jetzt zu sein. Und wenn man diese ganzen Aspekte, das Ich, die Fiktionsbedürftigkeit, die Emotionalität sieht, dann kommt ein unglaublich faszinierendes Lebewesen am Ende dabei heraus. Und damit verglichen ist Künstliche Intelligenz wirklich eine sehr, sehr bescheidene, auf ihre Art und Weise großartige Leistung, aber doch nicht ansatzweise mit der menschlichen Leistung, all diese verschiedenen Impulse miteinander zusammenzubringen und so etwas hervorzubringen wie Glück oder wie Sinn, überhaupt nicht vergleichbar.

Wir können schlechter rechnen, so what? Vor allem sind wir biologische und soziale Wesen, auch wenn unsere Smartphones uns manchmal näher scheinen als Tiere und Pflanzen. Es ist unser Körper, der unsere Identität und Komplexität begründet.

"Das Entscheidende am Menschen ist, dass der menschliche Wille von seiner Leiblichkeit ausgeht", so Precht. "Und da die Roboter in dem Sinn keine physiologische Leiblichkeit haben, haben sie auch keinen Willen. Auch die Notwenigkeit eines solchen Willens besteht überhaupt nicht. Es ist ja tatsächlich so, dass der Mensch von seinem Willen gesteuert wird und nicht von seiner Intelligenz. Also von David Hume haben wir die wichtige Erkenntnis, das die Willensimpulse letztlich darüber entscheiden, was wir tun und dass der Verstand so etwas ist, wie eine Marketing-Abteilung, die im Nachhinein legitimiert, was die Gefühle vorher entschieden haben."

Ein neues "Wohin?" und "Wofür?"

Wir sollten also wissen, was wir wollen und wollen, was wir wissen: Menschen sind keine defizitären Maschinen. Es ist unsere Entscheidung, wohin die Reise geht – sowohl mit dem rasenden technischen Fortschritt als auch der unwiederbringlichen Zerstörung der Natur. "Also auf der einen Seite ist es nachvollziehbar", sagt Precht, "dass der Mensch sich qua Technik aus der brutalen Willkürherrschaft der Natur befreien wollte. Er hat aber den Fehler gemacht, sich der Natur so entgegenzusetzen, als hätte er mit ihr nichts mehr zu tun, als sei er eben das Andere der Natur. Das ist natürlich in der ökologischen Katastrophe, in der wir leben, die auf uns zukommt, natürlich grundfalsch. Wir müssen wieder lernen, dass wir ein Teil der Natur sind. Und wir müssen wieder lernen, dass wir nicht näher mit Maschinen verwandt sind, als mit der Natur. Sondern, dass wir in der Natur auch dann einbehalten sind, wenn wir über vielerlei technische Möglichkeiten verfügen. Ich glaube, dieser neue Blick auf uns selbst, uns wieder als Teil der Natur zu sehen, ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass wir diesen Planeten tatsächlich vielleicht noch retten können."

Eine Perspektive voller Sinn und Bedeutung. Wir brauchen ein neues "Wohin?" Und "Wofür?".


Beitrag: Edith Lange

Richard David Precht "Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens: Ein Essay"
256 Seiten, 20 Euro
Goldmann Verlag, Juni 2020

Stand: 22.06.2020 08:45 Uhr

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