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Das Ende der Welt, wie wir sie kennen?

Corona als Herausforderung und Chance einer globalisierten Welt

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 Eine Welt – ein Virus. Corona kostet tausende von Menschenleben – und erschüttert die globale Wirtschaft.

"Das ist das Ende des Kapitalismus - wie wir ihn kennen!" Das glaubt der Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Žižek. Kein Husten im System. Es sind rasante Fieberkurven einer Marktwirtschaft, die nur mit ungebremstem Wachstum, Geschwindigkeit und totalem Ressourcenverbrauch überlebensfähig ist. "Epidemien wie diese machen jetzt klar, wo die Grenzen unseres weltweiten – ich nenne es nicht gerne so, aber es ist so – "neoliberalen Wirtschaftssystems" liegen."

"Der globale Kapitalismus hat einen Schlag abbekommen"

Welche Lehren müssen wir ziehen, fragt Slavoj Žižek. Einer der einflussreichsten Philosophen und Kulturkritiker unserer Zeit – ein Star, eine intellektuelle Naturgewalt. Der Slowene muss jetzt strikt in seiner Wohnung in Ljubljana bleiben. Denn er gehört zur Risikogruppe. Von hier aus analysiert er, was gerade die Menschheit fundamental verunsichert. Das, was er sieht, erinnert ihn an Tarantinos "Kill Bill 2": Die Weltwirtschaft – tödlich getroffen – so wie vom "Five Finger Death Punch" im Kino. Nur für eine kurze Weile scheint es, als ginge es vielleicht doch noch gut aus. Aber es ist zu spät: "Wenn jemand dein Herz mit einer speziellen Technik schlägt, dann passiert erst mal nichts, solange du ruhig sitzen bleibst. Aber wenn du aufstehst und ein paar Schritte machst, fällst du tot um. Das ist meine Metapher: Der globale Kapitalismus hat diesen Schlag abbekommen. Er kann noch ein bisschen überleben. Aber er muss sich ändern – oder er stirbt. Radikale Veränderungen müssen jetzt gemacht werden", sagt Žižek. Lässt sich der Tod des Systems noch abwenden? Und was kommt danach?

Weltweite Koordination, internationale Kooperation

Žižek ist fassungslos darüber, dass in der Coronakrise Regierungen noch immer auf eigene Faust handeln – und fast immer zu spät! Schon seit Wochen fordert er streng koordinierte Maßnahmen – um etwa Beatmungsgeräte in Massen zu bauen. Im Krieg gehe so etwas doch auch immer, sagt er sarkastisch. Medizinische Geräte, gebaut von Autokonzernen. Genau so möchte Donald Trump jetzt seine Versäumnisse aufholen. "Wie kann man denn eine solche Epidemie in den Griff bekommen – ohne irgendeine weltweite Koordination?", fragt Žižek. "Also das könnte vielleicht der einzige gute Nebeneffekt der Krise sein: dass wir endlich internationale Kooperation lernen."

Die Systemfrage liegt in der Luft

Der Erreger kommt als blinder Passagier über moderne Transportwege – und über reisende Menschen. Der globale Kapitalismus ist somit auch Ursache seiner eigenen Krise, sagt Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der ZEIT: "Die Art und Weise, wie wir wirtschaften, war ja vorher schon mehrfach in die Krise gekommen: die Finanzkrise, die Eurokrise und die Klimakrise sowieso. Und jetzt kommt quasi oben drauf die Coronakrise. Und mit den Konsequenzen muss man sich jetzt überlegen: Was sind die realen Kosten der Globalisierung – und sich da nichts mehr vormachen."

Wie aber können diese Kosten und Gefahren reduziert werden? In unserer vernetzten Welt, in der sich alles um Tempo, Warenaustausch und Wachstum dreht? Die Systemfrage liegt in der Luft. "Die Kosten des Transports müssen höher werden", sagt Ulrich. "Wir müssen die Wahrheit sagen – die Wahrheit dessen, was sie verursachen. Und das heißt: eine Besteuerung. Man kann auch mit Verordnungen arbeiten, mit globalen Vereinbarungen, um die Globalisierung zu entschleunigen, sie aus diesem Wahnsinnstempo rauszuholen und gleichzeitig die Nebeneffekte wie das Herumtragen von Viren, das Mischen und das Aussterben von Arten, dadurch zu verringern."

"Ein Europa, das sein Schicksal fest in die Hand nimmt"

"Umdenken!" fordert Bernd Ulrich: Weniger Austausch von Waren, aber ideelle Globalisierung, also Austausch von Wissen und Werten. Weniger Ich, mehr Wir! Weltweit, aber auch in unserer Gesellschaft. Das würde für uns alle bedeuten, einen Teil unserer bisherigen Lebensweise aufzugeben. Aber so ging es ohnehin nicht mehr weiter. Die Coronakrise rüttelt an allen vermeintlichen Gewissheiten. Gerade erst verkündete überraschend Emmanuel Macron, eigentlich ein überzeugter Neoliberaler, dass wir in Zukunft nicht mehr alle Lebensbereiche dem Markt überlassen können. In einer TV-Ansprache sagte er: "Diese Pandemie hat jetzt schon deutlich gemacht, dass manche Güter und Dienstleistungen nicht den Marktgesetzen unterliegen dürfen. Es ist verrückt, unsere Ernährung, unsere Sicherheit, unseren Schutz, die Fähigkeiten, unser Leben zu gestalten, im Grunde an andere zu delegieren. Wir müssen die Kontrolle darüber zurückgewinnen. Wir müssen mehr noch als bisher ein souveränes Frankreich und Europa errichten, ein Frankreich und Europa, das sein Schicksal fest in die Hand nimmt."

Die Krise macht schmerzlich klar, wie sehr in Frankreich – und auch bei uns – durch Privatisierung ganze Bereiche der Infrastruktur dem Profit geopfert wurden. Das Gesundheitssystem wurde nicht für Patienten, sondern nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten optimiert. Bernd Ulrich sagt: "Der Kern dieser Coronakrise besteht ja darin, dass eigentlich fast alle Länder kein Gesundheitssystem haben, das irgendwelche Puffer hätte, wo man für solche Fälle und zumindest für einen Teil dessen gerüstet wäre. Warum man einen so wichtigen Bereich so auf Kante näht, überall, darüber muss man sich jetzt in der Tat Gedanken machen."

Eine andere Form der Globalisierung

Das Vertrauen in die regelnde Kraft der Märkte ist noch immer groß. So groß, dass die Regierungen jetzt, auch aus falsch verstandener Rücksicht gegenüber der Wirtschaft, viel zu spät auf das Virus reagieren. "Wir können das nicht alles dem Markt überlassen", sagt Žižek, "Die große Herausforderung für Europa lautet: Werden wir jetzt den Schritt tun, hin zu einer großen gemeinsamen Zusammenarbeit – und dabei die Marktmechanismen auf unsere eigene Weise überwinden?"

Žižek träumt nicht von linker Revolution. Und er teilt auch nicht den Wunschtraum der autoritären Rechten von völligem Rückzug in heimische Wirtschaft und Landesgrenzen. Das wäre konsequente Deglobalisierung! Und die falsche Antwort auf eine weltweite Krise wie Corona. "Nein! Nein! Sogar mehr Globalisierung!", fordert er. "Jetzt heißt aber die Formel: Eine andere Form der Globalisierung finden. Europa muss vereint sein! Nicht einfach durch offene Grenzen, sondern in wirtschaftlichen Fragen einig, in der Landwirtschaft und so weiter. Wir müssen unsere Aktivitäten mehr denn je koordinieren!"

Wir dürfen das nicht aussitzen, der politische Wandel muss jetzt kommen, glaubt Žižek. Denn die weltweiten Krisen werden sich häufen. Nach der Pandemie der Klimawandel. "Es wird nicht einfach alles wieder normal werden. Nur zum Teil, aber was wir dann normal nennen, wird anders sein, als was wir kannten. Wir alle werden viel mehr die Zerbrechlichkeit unserer Situation wahrnehmen."

Noch wissen wir nicht, ob das gut ausgeht – oder wie bei "Kill Bill" ein bitteres Ende nimmt.


Bericht: Alexander Stenzel/Sven Waskönig

Stand: 23.03.2020 08:33 Uhr

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