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Alles andere als weiße Hochkultur

Die R'n'B-Geigerin Sudan Archives

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Sudan Archives: Alles andere als weiße Hochkultur | Video verfügbar bis 22.03.2021 | Bild: Stones Throw

Sudan Archives, kurz vor ihrem Auftritt in New York. Eine Geigerin, die nicht ins Klischee passt. Die auf keinem Konservatorium war und nie klassische Violinenstücke übte. Als Kind war sie besessen vom Geigenspiel der Iren, die bei Schulfesten in Ohio aufspielten. Sie brachte es sich selbst bei. 

"Ich sah diese irische Folkmusik, wie sie tanzten und so wild spielten und ich dachte: Ich will das auch können!", erzählt Sudan Archives. "Der irische Folk brachte mich später dazu, westafrikanisches Geigenspiel zu erforschen. Ich erkannte: afrikanisches Geigen, irisches Geigen, keltische Musik, schwarze Musik, Rock, Blues – es hat alles etwas gemeinsam."

"Der glatzköpfige, weibliche Jimi Hendrix"

Und in ihrer Musik verbindet sie, was sonst nicht zusammenzupassen scheint. Bis vor kurzem hatte sie nur ein paar einzelne Songs. Ein ganzes Album gleich am Anfang hätten die Leute nicht ertragen, sagt sie, ihre Musik sei zu verrückt. Dabei hat Sudan Archives auch noch ein "verrücktes" Idol. Seit sie sich vor ein paar Wochen die Afromähne abrasierte, sähe sie ihm leider nicht mehr so ähnlich: "Ich bin jetzt eben der glatzköpfige, weibliche Jimi Hendrix! Ja, lass uns über Hendrix reden, ich liebe ihn! Er hat so viele Grenzen überschritten mit seinem Gitarrenspiel, er hat experimentiert und er hat das Wah Pedal erfunden, nicht? Ja, ich denke, es war das Wah Pedal. Er hat damit das Gitarrenspiel revolutioniert und das versuche ich mit der Geige."

Popgesang, tradtionelle afrikanische Musik, Soul und Folklore

Sudan Archives mischt die akkustische mit der elektrischen Geige, schließt sie an einen Klangfilter fürs Schlagzeug an. Hendrix und Geisha, Popgesang, tradtionelle afrikanische Musik, Soul und Folklore. Performed mit Sexiness. 
Sudan Archives sagt: "Ich denke, irgendwie ist meine Karriere wie die einer Geisha: ich muss auch so auftreten und ich muss diese spezielle Art haben, auch im Lebensstil. Und die Leute können das missdeuten, als sei ich sinnlich oder sexy, aber: Ich bin einfach eine wunderschöne Frau, die ein Instrument ziemlich gut spielt und man sollte das einfach mal so hinnehmen."

Selbstbewusst spielt sie auch mit ihren afroamerikanischen Wurzeln. In "Water" klingt die Metapher der Sklavenverschiffung übers Meer an. Das Video entstand, als Sudan in Ghana war, um mit Kindern einen Musikworkshop zu machen. "Es ist fast ironisch, da waren viele Kinder und wir wollten, dass sie im Video mitmachen. Also rannten sie zu diesem großen weißen Haus. Was daran so besonders ist: Das war das Haus eines Sklavenhalters. Im Song geht es eigentlich nicht darum, aber jetzt – ganz unbewusst – hat das Video eine stärkere Bedeutung und das ist irgendwie cool!"

"Ich liebe meine Geige, aber ich will sie auch zertrümmern"

Sie kommt ursprünglich aus Cincinnati. Ihre Familie hatte wenig Geld. Musik gab es nur in der Kirche. In einem Song textet sie, dass sie zwar ein Zuhause habe, aber dort nicht willkommen sei. Die enge Weltsicht der religiösen Familie ließ keinen Raum für Sudans Kreativität. "Tatsächlich bin ich rausgeworfen worden", erzählt sie. "Meine Familie war sehr streng. Es kam so weit, dass sie sagten: 'Du hältst dich nicht an unser Ausgehverbot. So geht das nicht!' Und ich: 'Ihr habt recht, es geht nicht, ich gehe nach L.A.' Ich wollte einfach nur ein neues Leben beginnen. Also habe ich durch meinen Job bei McDonalds viel Geld zusammengespart und mir ein Ticket nach L.A. gekauft."

Seitdem tobt sie sich aus und erschafft außergewöhnlich eigenartige Musik. Sudan sagt: "Ich liebe meine Geige, aber ich will sie auch zertrümmern. Ich weiß auch nicht, aber daran zu denken, sie zu zertrümmern, das ist so… das kann man nicht machen! Aber ich liebe es, Dinge zu tun, die man nicht tun soll!" Hendrix lässt grüßen.

Die "Schwarze Renaissance"

Sudan Archives, widmet sich, wie gerade viele afroamerikanische Künstler, ihrer Herkunft. Ihre Musik ist auch der Sound schwarzer Selbstfindung: "Wir People of Color haben schon immer Kunst gemacht und uns darüber ausgedrückt. Aber jetzt ist der Höhepunkt von Chancengleichheit erreicht, es verändert sich gerade etwas, denn jetzt gibt es so viele gut ausgebildete künstlerische Menschen, die verrückte Kunst machen. Deshalb würde ich das schon eine 'Schwarze Renaissance' nennen und die passiert genau jetzt."


Bericht: Ulrike Bremer

Sudan Archives "Athena"
Audio-CD: 8,99 Euro
Pias/Stones Throw

Stand: 23.03.2020 09:40 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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