SENDETERMIN So., 23.02.20 | 23:20 Uhr | Das Erste

Gleiche Chancen für alle?

Wie die Politik Bildungsungleichheit verschärft

PlayErnst-Reuter-Schule in Frankfurt
Gleiche Chancen für alle? | Video verfügbar bis 23.02.2021 | Bild: hr

Man könnte meinen, es sei die teure Kulisse eines Films, über eine Welt, die die Menschen vor langer Zeit schon Hals über Kopf verlassen mussten... Tatsächlich aber stehen wir in einem Schul-Schwimmbad im Jahr 2020. Seit zehn Jahren ist die Schwimmhalle der Ernst-Reuter-Schule in Frankfurt am Main geschlossen. Vorher hat man sie noch behindertengerecht ausgebaut.

Der Verfall der Ernst-Reuter-Schulen

Allegra Schmidt ist seit 2011 hier Schülerin – sie kennt ihre Schwimmhalle nur in diesem Zustand. So wie ihre ganze Schule dringend sanierungsbedürftig ist. "Es zieht sich schon seit Jahren", sagt die Schülervertreterin. "Und zwar nicht nur seit zwei oder fünf Jahren, sondern ganze Jahrzehnte. Und man fühlt sich komplett hintendran gelassen – von der Politik, von der Stadt besonders."

Seit sieben Jahren wird die Unter- und Mittelstufe von Gerhard Schneider geleitet. Der Schulleiter ist um Würde bemüht bei der Schilderung der Zustände an seiner Schule: "Die Schule ist nicht saniert, schon lange nicht saniert. Die Schule hätte längst in ihrer Gänze erneuert werden müssen. Hier wird nichts für Bildung getan. Und das ist das, was mich nicht nur wütend, sondern mitunter hilflos macht."
Über 55 Jahre ist diese Schule alt. Die Kacheln fallen von den Wänden. Dieses eigentlich wunderbare, campusartige Gelände wirkt, als ob es seinem Ende entgegendämmert. Der Verfall der Ernst-Reuter-Schule in Frankfurt steht modellhaft für die Versäumnisse der deutschen Bildungspolitik in den letzten 30 Jahren.

Gute öffentliche Schulen sind existenziell wichtig

Als 1964 hier die ersten 400 Kinder eingeschult wurden, da kannte man die Worte "Integration" und "Inklusion" noch nicht. Die Ernst-Reuter-Schule war Pilotprojekt für ein neues Denken in der Bildungspolitik. Bis heute arbeitet sie mit diesem Erfolgskonzept: Kinder mit und ohne Migrationsgeschichte gehen hier gemeinsam zur Schule. Schüler mit und ohne Beeinträchtigungen sitzen in einer Klasse. Und sie alle lernen mit- und voneinander.

Dass gute und gut ausgestattete öffentliche Schulen existentiell wichtig sind, erklären Bildungsforscher wie Andreas Schleicher der Politik immer wieder. Er sagt: "Wenn Sie als Schüler aus einem ungünstigen sozialen Umfeld kommen, dann haben sie eine einzige Chance im Leben: Und das ist eine gute Schule, gute Lehrer. Wenn Sie dieses Boot verpassen, kriegen Sie meistens keine zweite Chance. Und deswegen ist es so wichtig, dass die Ressourcen dort eingesetzt werden, wo sie am meisten Wirkung entfalten. Also dass eine Ernst-Reuter-Schule so ausgestattet wird, dass wirklich alle Schüler dort von einem ausgezeichneten Umfeld profitieren können." Aber so wie zahllose öffentliche Schulen seit Jahrzehnten in Deutschland verfallen, so wartet auch die Ernst-Reuter-Schule auf ihre immer wieder versprochene Instandsetzung. Der Sanierungsstau soll sich inzwischen auf einhundert Millionen Euro belaufen. Und nichts passiert.

Stattdessen wurde der Schule vor 18 Jahren die Europäische Schule vor die Nase gesetzt: Eingezäunt und bewacht von Security gehen hier die Kinder der EZB-Banker in ihre eigene Schule. Finanziert von Bund und EU. Die Banker sind auch bei der Bildung ihrer Sprösslinge anspruchsvoll. Und so versprach die Stadt bei der Eröffnung 2002, das hier sei nur ein Provisorium: bald sollte die EZB eine richtige Schule an einem eigenen Standort bekommen. Aber auch das: Nur ein leeres Versprechen. Direktor dieser Schule ist seit fünf Jahren Ferdinand Patscheider. Er erträgt die Aufführungen der Frankfurter Politik in stiller Fassungslosigkeit: "Vor fünf Jahren wurde mir mitgeteilt, dass ich in den neun Jahren meiner Amtsdauer hier in Frankfurt eine neue Schule eröffnen würde", erzählt Patscheider. "Das hat sich aber nicht bewahrheitet. In den letzten Jahren ist es nicht gelungen, einen Standort für die neue Schule, für die neue Europäische Schule Frankfurt zu finden."

Welchen Wert hat Bildung in unserer Gesellschaft?

Und so fristen beide Schulen seit fast 20 Jahren ihre prekäre Existenz Zaun an Zaun. Die eine in bunt angemalten Containern und Modulen. Die andere in augenfälliger Verwahrlosung. In diesem Frankfurter Trauerspiel kann man das Ergebnis eines jahrzehntelangen neoliberalen Feldzugs besichtigen: Das Kaputtsparen der öffentlichen Infrastruktur und – ganz besonders verwerflich – der Schulen.

PISA-Koordinator Andreas Schleicher sagt: "Wenn wir heute in ein modernes Einkaufszentrum gehen, das ist ein modernes Gebäude ausgestattet fürs 21. Jahrhundert und daneben steht eine Schule, die es vielleicht gerade bis ins 20. Jahrhundert gebracht hat. Das passt einfach nicht zusammen. Es geht nicht um Ressourcen, um Baugrund – es geht um den Wert, den Bildung in unserer Gesellschaft hat."

Hilfsweise Bildungspolitik

In beiden Schulen wachsen die Schülerzahlen rasant. Auf die drohende Eskalation reagierte das Baudezernat jetzt mit einem bizarren Plan: Die Europäische Schule soll den versprochenen neuen Standort nicht bekommen. Stattdessen wird ihr ein gigantisches fünfstöckiges Gebäude-Ensemble hingeklotzt. Zu Lasten der Reuter-Schule.

Jan Schneider ist Baustadtrat und Erfinder dieser Idee – außerdem ein großer Freund von Baumassen und Beton. "Wenn ich keine andere Fläche in der Stadt habe, wo man sagt, dort kann die Europäische Schule hin, dann muss ich eben sozusagen hilfsweise weiter überlegen, ob ich der Schule, der Europäischen Schule, an dem jetzigen Standort Entwicklungsperspektiven ermöglichen kann.", sagt Schneider. Und so macht in Frankfurt der Baudezernent Bildungspolitik – hilfsweise. Sein "neues" Konzept kam zu jener Zeit an die Öffentlichkeit, als Christine Lagarde ihr Amt als neue EZB-Präsidentin antrat. Ein Zufall?

Über die neue Chefin sagt Schuldirektor Patscheider: "Ich weiß, dass sie sich für die Schule interessiert, dass sie bekundet hat, dass sie sich für die Schule interessiert. Wir hoffen, sie auch irgendwann an die Schule herzuholen, um ihr die Schule zu zeigen."

Immer neue Zusicherungen

Die Ernst-Reuter-Schule kann auf solch machtvolle Fürsprache nicht hoffen. Für sie sieht der Plan des Baustadtrates vor, dass ihr große Teile des Geländes genommen werden. Als Ersatz soll sie eine derzeit unbebaubare Wiese erhalten. Es wäre das Ende des inklusiven Konzeptes, das eben auch große Freiflächen braucht. Die Proteste der eigentlich zuständigen Bildungsstadträtin blieben bislang von durchschlagender Wirkungslosigkeit. Aber jetzt will Sylvia Weber den Aufstand wagen und beschwört die lang versprochene Sanierung. Sie sagt: "Ich verspreche und ich sorge dafür, dass die Schule jetzt auch saniert wird – so wie sie es sich gewünscht hat und so wie es geplant ist."

Allegra Schmidt kennt solche Zusicherungen seit Jahren. Dieses neue Versprechen kommt für sie zu spät. Sie schreibt gerade ihre Abi-Klausuren. Im Sommer verlässt sie den Campus. Neun Jahre ihrer Schulzeit hat sie in einem Sanierungsfall verbracht. "Es ist schon traurig", sagt Allegra, "dass ausgerechnet Bildung, was das ist, was unser Land später formen wird, was dann auch eigentlich für die Politiker interessant sein sollte, was die Wähler formt, dass ausgerechnet das hängengelassen wird."


Bericht: Ulf Kalkreuth

Stand: 23.02.2020 23:20 Uhr

16 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 23.02.20 | 23:20 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste