SENDETERMIN So., 26.01.20 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Unsere asiatische Zukunft"

Parag Khannas eindrucksvolles Buch über die neuen Machtverhältnisse in der Welt

PlayParag Khanna in Singapur
"Unsere asiatische Zukunft" – Die neuen Machtverhältnisse | Video verfügbar bis 26.01.2021 | Bild: hr

Eine Stadt mitten im Dschungel und das Metropolen-Modell von Morgen: "Singapur ist die Hauptstadt Asiens. Und Asien macht mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Will man die demographische Gegenwart und Zukunft der Welt erfahren, dann muss man in Singapur sein und eigentlich nirgendwo anders", sagt Parag Khanna, Politikwissenschaftler und renommierter Geostratege.

Der Westen ist von gestern

Nirgendwo anders kann man deutlicher sehen, wie sich die globalen Kräfteverhältnisse verschieben und Parag Khannas Analysen finden weltweit Beachtung. "Um es klar zu sagen: Es gibt keine schlechte Globalisierung. Es gibt nur schlecht gemachte Globalisierung", sagt Khanna bei einem Auftritt bei "Doha TV". Und: "Schon heute treiben Asiaten mehr Handel untereinander als mit irgendeiner anderen Region der Welt. Also: Warum begreifen wir uns selber nicht als Asiaten, so wie die Europäer sich als Europäer?"

Asien ist das Modell von Morgen, der Westen ist von gestern, sagt Khanna: "Die Welt asiatisiert sich schon. China hat mehr junge Leute, beziehungsweise Menschen unter dem Durchschnittsalter, als Europa Menschen hat. 700 Millionen Chinesen sind noch jung. Indien hat genau so viele und hat ein noch niedrigeres Durchschnittsalter als China."

Ein gemeinsamer Denk- und Handelsraum

Asien, das sind fünf Milliarden Menschen, sagt Khanna, die sich überhaupt nicht darum scheren, was der Westen denkt. Er beschreibt Asien als ein System. Einen riesigen gemeinsamen Denk- und Handelsraum. In seinem Buch "Unsere Asiatische Zukunft" prognostiziert Khanna eine neue multipolare Weltordnung – in der Asien die zentrale Rolle spielen wird.

"Das spürt man auch in den Kapitalmärkten", sagt Khanna. "Was Kapitalvermögen angeht, beziehungsweise die Sovereign Wealth Funds, also die Staatsfonds: Sie sind so bereichert hier, vor allem durch die Handelsüberschüsse, dass die zehn großen Staatsfonds auf der Welt hier in Asien sind. Und sie investieren zum großen Teil ineinander. Obwohl sie geopolitische Spannungen miteinander haben, obwohl China und Japan sich gar nicht gut verstehen, Südkorea hat auch Spannungen mit seinen Nachbarn. Indien kann keiner entziffern, weil es demokratisch und so chaotisch ist. Trotz alledem: Sie glauben aneinander, weil sie das Potential sehen. Sie wissen, irgendwo im tiefsten Unterbewusstsein, dass sie doch vor 500 Jahren diese enge Beziehung hatten. Sonst wäre es unmöglich gewesen, dass sie so schnell nach dem Ende des Kalten Krieges diese tiefe Beziehung wieder zur Auferstehung gebracht haben."

Rückkehr an das Ruder der Geschichte

4.000 Jahre Geschichte – Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus, Islam, Christentum – alle Religionen sind in Singapur zu Hause. Singapurer haben chinesische, indische, malayische oder euroasische Wurzeln – Multikulti ist hier oberste Staatsräson. Politisch verordnete Integration, die bestens funktioniert. Gemeinsam haben sie ihre Geschichte: die ältesten Sprachen, Schriften und philosophischen Gedankengebäude stammen aus Asien. Aber kann Geschichte aktuelles Selbstbewusstsein prägen?
Parag Khanna sagt: "Die Aufbruchstimmung in Asien unter der Jugend ist wahnsinnig! Es ist eine Mischung aus einerseits dem Materialismus des Westens. Sie haben hier alles, wie Sie hier sehen. Der Reichtum, das Vermögen, das Geld, das hineinfließt. Die Modernität ist hier. Das jüngste und das beste der Technik der Welt ist hier. Aber es gibt auch ein kulturelles Selbstbewusstsein, da die alte Geschichte der Überlegenheit sozusagen gerade neu entdeckt worden ist."

Sie betrachten die Rückkehr an das Ruder der Geschichte als ihr natürliches Schicksal, sagt Khanna, sind mit wachsendem Wohlstand aufgewachsen, mit Zuversicht, dem Fortschritt für alle. Mit kultureller Vielfalt, mehreren Sprachen, gegenseitigem Respekt.

Meritokratie statt Demokratie?

Viele asiatische Regierungen garantieren ihren Bevölkerungen Stabilität – so sieht es Khanna – während im Westen Populisten regieren und das Vertrauen in die Demokratie bröckelt. Dennoch: Singapur ist ein teilautoritärer Staat: keine Pressefreiheit, Homosexualität verboten. Alles nicht so wichtig?
"Ich kenne Regierungsbeamte, die schwul sind", sagt Khanna. "Es gibt die Pink Pride Parade, das ist eine weltweite Bewegung. Die ziehen in Paraden durch die Stadt, am selben Tag, wie im Rest der Welt. Keiner tut was, keiner wird festgenommen, keiner wird verhaftet. Niemals. Nicht für sowas. Es geht um den generationellen Wechsel und Wandel. Und der kommt in jeder Hinsicht, bei jedem Thema mit der Zeit. Auch bei der Zensur. Es gibt Sachen, die man einfach nicht sagen darf, weil man, gut gerechtfertigt, noch Angst davor hat, dass es Stimmen oder Kreise gibt, wo Schimpfwörter gegen eine ethnische Minderheit zu einem Krawall führen würde. Das wollen sie einfach vermeiden. Das ist nicht Autoritarismus. Das ist Pragmatismus."

Pragmatismus, ein Staat, der rational Interessen ausgleicht, effektiv am Fortschritt für alle arbeitet, hochgebildete Politiker*innen, permanentes Feedback aus der Bevölkerung, kurz eine Meritokratie, hält Khanna für besser als einige real existierende Demokratien.

Langfristige Vision auf kollektiven Nutzen

Welche Bedeutung hat das autoritäre China? "China vertritt 1,4 Milliarden Menschen. In Asien gibt es fünf Milliarden Menschen. China vertritt 40 Prozent der asiatischen Wirtschaft. In Asien gibt es 35 Länder. Es ist insgesamt viel größer als China. Es leben viel mehr Menschen in Asien in demokratischen Staaten als in autoritären Staaten. Nur China und Nordkorea und ein paar Kleinstaaten sind autoritäre Staaten. Asien ist die Heimat der globalen Demokratie – nach der Einwohnerzahl. Nicht nach der Qualität.

Demokratie alleine sei ohnehin für die riesigen asiatischen Gesellschaften keine Lösung, sagt er. Sie garantiere kein effektives Staatsmodell und sorge auch nicht überall für das Allgemeinwohl. Anders als in Singapur: 90 Prozent der Einwohner erhalten ihre Wohnung vom Staat. Und in den Häusern? Ist ein Bewohner-Mix der verschiedenen ethnischen Gruppen Singapurs vorgeschrieben. In der teuersten Stadt der Welt regelt also der Staat den Immobilienmarkt. Die führenden Systeme Asiens, sagt Khanna konzentrieren sich auf eine langfristige Vision und auf kollektiven Nutzen, anders als das demokratische Amerika. 

"In der Politikwissenschaft ist gut belegt, dass in den letzten 20 bis 30 Jahren in den USA das Öffentliche Interesse eher von Privatkonzernen als vom Volk bestimmt wird", sagt Khanna. "Und man kann das vergleichen: In 20 oder 30 Policy-Bereichen – sei es Bildung oder Umweltschutz, Gesundheitswesen oder andere Gebiete – werden die Entscheidungen vom Kongress eigentlich in hundert Prozent der Fälle eher von Privatkonzernen bestimmt, als von den Stimmen der Völker."

Die Qualität des Diskurses zählt

Sollen wir weniger Demokratie wagen? Auf gebildete Eliten und technokratische Regierungen vertrauen? Demokratie lebt von Auseinandersetzung und Diskurs! Parag Khanna sagt: "Die Frage ist, wie die Qualität des Diskurses ist. Und die Urphilosophen von Demokratie – sei es Platon oder Tocqueville vor 250 Jahren – haben das betont: Es bedarf eines gebildeten Volkes, um eine anständige Demokratie zu haben.

Fürchtet Euch nicht, lautet Khannas Botschaft an uns Bewohner der Welt von gestern. Gewöhnt Euch an ein Leben, in dem Menschen und Ideen wandern.

Bericht: Edith Lange

Parag Khanna "Unsere asiatische Zukunft"
496 Seiten, 24 Euro
Rowohlt Berlin, Oktober 2019

Stand: 27.01.2020 08:04 Uhr

30 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 26.01.20 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste