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Warum die Slums von Lesbos die "Schande Europas" sind

Der Bestsellerautor Jean Ziegler erhebt schwere Vorwürfe gegen die EU

PlayGeflüchtete auf Lesbos
Jean Ziegler erhebt schwere Vorwürfe gegen die EU | Video verfügbar bis 26.01.2021 | Bild: Giorgos Moutafis

Die Küste von Lesbos. Touristenhochburg und: Fanal. Gerade stranden hier hunderte Menschen jede Woche – der Preis der Überfahrt: nicht selten das Leben.

"Die Öffentlichkeit weiß alles"

"Ich bin nicht hier, um über das Drama zu informieren", sagt der griechische Fotograf Georgios Moutafis. "Die Öffentlichkeit weiß alles. Durch das Internet, das Fernsehen und die Armee an Reportern, die berichten. Ich bin hier um die Menschen zu erinnern – und um ihre Gefühle wieder zu wecken." Giorgos Moutafis hat auch die große Flucht 2015 dokumentiert. Sein Großvater war geflüchtet. Er kennt die Länder, aus denen die Menschen kommen, durch seine Arbeit als Kriegsfotograf. Wann immer der Athener kann, ist er auf Lesbos, im Norden, wo viele Schlauchboote ankommen. Wie auch in dieser stürmischen Nacht letzte Woche, ein Schäfer hatte ihn angerufen.

"Ich hoffte auf exklusive Bilder, bin zur Küste gefahren", erzählt Moutafis. "Als ich gesehen habe, wie heftig die Wellen an die Küste schlugen und wie kalt es war, habe ich die Heizung in meinem Auto aufgedreht. Die Flüchtlinge hatten sich ein Feuer gemacht, um sich aufzuwärmen, die Kinder schrien, die Mütter drückten sie mir in die Arme und ich habe sie in mein Auto gesetzt. Natürlich habe ich kein einziges Foto gemacht.

Moutafis war schon bei hunderten Ankünften Zeuge – in Filmen und Fotos hält er fest, was hier täglich passiert. Oft ist es für die Menschen schon der dritte oder vierte Versuch. Die Überfahrt wird immer gefährlicher, weil die Geflüchteten den Grenzschützern ausweichen müssen, die sie zurück in die Türkei bringen, dokumentiert Moutafis. Seit 2016 kontrolliert die Frontex gemeinsam mit dem griechischen und türkischen Küstenschutz die EU-Außengrenze. Die Abschottungspolitik sei aber auch ein ausgesprochen lohnendes Geschäft.

"Die Schande Europas"

"Für die Rüstungsindustriellen (…) ist der Kampf gegen Flüchtlinge (…) viel profitabler als jeder gegenwärtig wütende Krieg in Syrien, Darfur oder Jemen". Das schreibt Jean Ziegler in "Die Schande Europas". Der frühere UN-Sonderberichterstatter erhebt schwere Vorwürfe gegen die EU. Für ihn steht fest: An dieser Grenze werden permanent Menschenrechte verletzt.

"Und das geschieht mitten in Europa", so Ziegler, "angeordnet von der Europäischen Union, die die Flüchtlinge wie Feinde behandelt, sie daran hindern will auf das Europäische Festland zu kommen und damit verweigern, zerstören die Betonköpfe in Brüssel die Europäische Union das universelle Menschenrecht auf Asyl." Artikel 14 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – unterzeichnet von 193 UNO-Mitgliedsstaaten.

Das Flüchtlingscamp Moria

Giorgos Moutafis nimmt uns mit zu einem ganz speziellen Ort. Hier, im Norden von Lesbos: ein Berg über der Küste, wo die meisten Flüchtlinge ankommen. Ein Meer von Schwimmwesten und Schlauchbooten. Die Hoffnung auf eine sichere Überfahrt – ausgenutzt von oft skrupellosen Schleusern. Die Schwimmwesten – die meisten davon nur Attrappen. "Anstatt dich über Wasser zu halten", erklärt Moutafis, "kommt Wasser in dieses Material hinein und das Gewicht zieht dich nach unten in die Tiefe. Dieser Ort ist sehr emotional für mich, weil ich viele Menschen in diesen Westen fotografiert habe – lebend und auch tot."

Die Überlebenden landen hier: Das Flüchtlingscamp Moria. 20.000 Menschen sind hier. Das offizielle Camp hat Platz für 4.000. Die anderen leben in Zelten drum herum.Giorgos Moutafis kennt viele hier. Die Menschen bekommen nur Sommerzelte, auch jetzt, im Winter. Es ist windig, eiskalt.
40 Prozent der Geflüchteten sind Kinder. Kein Strom, keine Heizung. Nicht nur dass viele krank, medizinisch unterversorgt sind – sie leben in totaler Ungewissheit. "Ich bin seit 2 Monaten hier", erzählt Ahmad Samir Amiri. "Andere in diesem Camp sind nach einem Jahr und 2 Monaten immer noch hier."

Wer trägt die Verantwortung?

Seit Mitte 2016 müssen die Menschen auf Lesbos bleiben, bis über ihr Asylgesuch entschieden ist. Das dauert oft viele Monate – bis hin zu mehreren Jahren. Endloses Warten, Armut und Krankheit lassen viele der durch Krieg und Flucht traumatisierten Menschen hier verzweifeln. Die EU Kommission schreibt ttt in einem Statement, sie unterstütze mit allen Mitteln. Die Gesamtverantwortung für die Steuerung der Migration in Griechenland liege jedoch bei der griechischen Verwaltung.

Jean Ziegler sieht das anders. Denn die EU mache die Regeln. Sie nähme die Überforderung Griechenlands und das Leid der Menschen bewusst in Kauf, als Teil ihrer Abschreckungspolitik. "Die Totalverantwortung – nicht nur finanziell, sondern auch juristisch und politisch, institutionell – der EU ist bewiesen", sagt Ziegler. "Das ist total evident. Und wenn die EU versucht, sich aus der Verantwortung zu stehlen und sagt: 'Ja, das sind ja die Griechen, die korrupt sind.' Dann ist das eine absolut verlogene Aussage der Bürokraten in Brüssel."

Fehlende Solidarität und Menschlichkeit

Das, was hier passiert, zerstöre das moralische Fundament Europas. Jean Ziegler fordert eine Rückkehr zu den Grundwerten unserer Kultur. Vier bis fünf Stunden stehen sie in Moria oft Schlange für ihr Essen, meist holen es die Männer für die ganze Familie.

Die EU arbeitet derzeit an einem neuen Migrationspakt. Im Frühjahr soll er vorgestellt werden. Ziegler sagt: "Ich erhoffe mir wenig. Denn grundsätzlich hat die EU ihre Strategie ja nicht geändert. Sie will den rassistischen Bewegungen innerhalb der EU entgegenkommen, indem sie die Zahl der Flüchtlinge herunterfährt."

Für Giorgos Moutafis ist das, was hier in Moria passiert, das fatale Ergebnis fehlender Solidarität und Menschlichkeit. "Ich sehe hier vor Ort keine Lösung", sagt er. "Die einzig mögliche Lösung ist es, den Geflüchteten zu genehmigen, auf das Festland weiterzureisen, ihnen die Papiere zu geben, die sie brauchen und sie fair über die EU Staaten zu verteilen. So schnell wie möglich." Mit seinen Fotos, sagt Giorgos Moutafis, wolle er unserer Gesellschaft ihre Fehler vor Augen führen. Und sie mache viele Fehler.

Bericht: Katja Deiß

Jean Ziegler "Die Schande Europas"
144 Seiten, 15 Euro
C. Bertelsmann Verlag, 20. Januar 2020

Stand: 27.01.2020 08:05 Uhr

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