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Sehnsucht, Sex und Traurigkeit

Lisa Taddeos Aufreger-Buch über weibliches Begehren

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Sehnsucht, Sex und Traurigkeit – Aufreger-Buch "Three Women" | Video verfügbar bis 26.01.2022 | Bild: hr

New York, Epizentrum der #MeToo-Bewegung: Frauen wehren sich, nur Objekt der Begierde zu sein. Jetzt soll es um mehr gehen: "Worum es mir geht, ist: Wir reden endlich darüber, was wir nicht wollen, und das ist fantastisch! Aber wir reden noch immer nicht darüber, was wir eigentlich wollen." Was wollen Frauen? Journalistin Lisa Taddeo hat Amerikanerinnen zu ihrem Verlangen, ihren heimlichsten Wünschen befragt, ganze acht Jahre lang.

Das Sex-Leben dreier real existierender Frauen

Wir nähern uns, trotz Instagram-Hype und New York-Times Top-Platzierung, mit Vorsicht: Unterwäsche-Cover, schlichter Titel: "Drei Frauen". Drei Frauen, die Taddeo aus über hundert Befragten ausgewählt hat. Warum diese drei? "Diese Frauen hatten sich mir am meisten geöffnet", sagt Taddeo. "Nur wenige fühlen sich wohl dabei, wenn man ihnen sagt: 'Hey, erzähl mir doch mal alles aus deinem Sex-Leben' und das Buch wird dann monatelang in Buchhandlungen und bei Amazon verfügbar sein! Sie zu finden war schwierig."

Lina: Hausfrau aus Indiana, in der High-School vergewaltigt. Von #MeToo hat sie nie gehört. Sie sucht einen Liebhaber, weil sie mit einem Mann verheiratet ist, der sie noch nicht einmal küsst: "Weil er nichts Fremdes im Mund haben will."

Maggie: North Dakota. Als Teenager verliebte sie sich in ihren Lehrer. Der nutzte sie sexuell aus – bis er sie abservierte, um seine Ehe zu retten.

Sloane: Elegante Restaurantbesitzerin, aus Rhode Island. Schläft mit anderen Männern – die ihr Ehemann für sie aussucht. "Ihr gefiel die Vorstellung, anders und unanständig zu sein", schreibt Taddeo.

"Mich interessiert: Was geht im Kopf dieser Frauen vor während sie Sex haben? Und was passiert, wenn er gegangen ist? Wie viel Verlangen gibt es davor?", so Taddeo.

Intensität durch Nähe

Ihre Recherche: ein journalistischer Kraftakt. Taddeo fuhr mehrere Male durch die Vereinigten Staaten, mied große Metropolen, klapperte die Provinz ab. Heute lebt die Ex-New Yorkerin in Connecticut. In Cafés sprach sie Leute an, auf Toiletten postete sie Zettel, um Frauen zu finden, die offen sprechen würden. Überließ es dem Zufall, wer sich meldete. Dann zog sie manchmal in die Stadt ihrer Gesprächspartnerinnen, machte mit ihnen Yoga. Überzeugt davon, nur diese Nähe könne ihrem Schreiben Intensität verleihen.

"Mit Lina erlebte ich vieles in Echtzeit", erzählt Taddeo. "Sie traf sich mit ihrem Liebhaber am Fluss, für sie ein magischer Ort. Ich wartete dann oft in dem kleinen Weinlokal in der Nähe. Wenn sie dann 'fertig' war, sind wir noch einmal zum Fluss gegangen. Sie zeigte mir die Bäume und den Ort, wo das Auto gestanden hatte. So konnte ich die ganze Atmosphäre aufnehmen."

Spannend, aber distanzlos

Und ihr Schreiben entfacht einen starken Sog – und unseren Voyeurismus: Wir sind mit Sloane im Hotel, wenn sie mit all den Kerlen im Bett liegt. Taddeo erzählt die Stories der drei Frauen spannend. Aber: leider distanzlos. Denn Taddeo literarisiert ihre Reportage bis zur Verkitschtung. Wir wissen nicht mehr, wessen Stimme da erzählt – die der Autorin oder die der drei dokumentierten Frauen? 

"In einem Anflug von Lust riss sie den Mund auf. Sie kam, aber es fühlte sich nicht an, als würde sie kommen. Es fühlte sich an, als wäre das eine andere Frau... Eine tierische Version ihrer selbst... Ein sanft gehäutetes brutal ausgeweidetes Kalb."

Ja, solche Bilder muss aushalten, wer Taddeo liest.

Die Verurteilung weiblichen Verlangens

Dass ihre Protagonistinnen für ihr Verlangen von der amerikanischen Provinz abgestraft werden – das ist die soziologische Nebenbotschaft. Alles, was Frauen begehren, kann gegen sie verwendet werden. Taddeo sagt: "Eines wurde mir klar: Obwohl wir doch eigentlich in dieser so offenen Zeit leben, wir nicht werten wollen und Frauen sich auch gegenseitig unterstützen, sind wir doch hinter verschlossenen Türen keineswegs so progressiv, wie wir gerne tun.  Vielleicht kommen wir da noch hin. Aber solange wir uns das nicht eingestehen, werden diese Probleme eher noch größer."

Warum weibliches Verlangen so oft verurteilt wird, auch von Frauen – das hätte die wichtige Frage dieses Sachbuchs sein können. Schade, dass es so tut, als wäre es ein Roman – und seiner dokumentarischen Kraft nicht vertraut.

Bericht: Brigitte Kleine

Lisa Taddeo "Three Women"
416 Seiten, 22 Euro
Piper, Januar 2020

Stand: 26.01.2020 23:05 Uhr

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