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Klagelieder mit Kampfansage

Die Band "Algiers" veröffentlicht ihr neues Album

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Algiers' neues Album: Klagelieder mit Kampfansage | Video verfügbar bis 26.01.2021 | Bild: hr

Sie besingen ein Amerika, das in Flammen steht und träumen von Aufbegehren: "Algiers" und ihr Sänger Franklin James Fisher. Es ist der Sound des Untergangs – aber auch eine Kampfansage! 

"Oft fragen uns die Leute: wie wollt Ihr denn als Musiker eine Revolution starten?", sagt der Bassist der Algiers, Ryan Mahan. "Wie kannst du als Manager von H&M eine Revolution starten?", ergänzt Fisher. "Es kommt nicht darauf an, was du "machst". Es kommt darauf an, was du machst. Wie du bist. Und es ist doch nur urmenschlich, die eigene Menschlichkeit ergründen zu wollen – und sie dann in anderen Menschen zu erkennen. Das ist nicht so kompliziert. Echt nicht."

Amerikanische Gegenwart in explosiven Lyrics

Vier Jungs, fast alle aus Atlanta, Georgia. Die Coolness des Post-Punk verbinden sie mit der Anklage des Gospel. Jetzt sind sie auf dem Sprung zu einer Europatournee: Wir treffen zwei von ihnen, Franklin und Ryan, in Berlin. Ihr drittes Album haben sie gerade aufgenommen. Kurz vor unserem Interview bekommen sie es frisch gepresst – und zufällig – zum ersten Mal in die Hände.

Schon das letzte Album "The Underside of Power" von 2017 war eine Entdeckung: "Industrial-Soul". Fisher gießt die Störgeräusche amerikanischer Gegenwart in explosive Lyrics. Sehr persönlich. Sehr politisch – er kann nicht anders. "Ich selbst glaube nicht so sehr an die Idee von Realpolitik", sagt Fisher. "Aber wenn man schon daran glaubt, dann ist es absolut absurd, nicht zu sehen, dass dieser Mann, Donald Trump, gerade eine Bedrohung unserer nationalen Sicherheit ist! Es ist absurd! Aber: Sie haben diese Ideologie geraubt und benutzen sie jetzt. Es ist ein politischer und kultureller Selbstmordanschlag, was die Republikaner gerade machen. Sie sagen: 'Wir reißen euch alle mit in den Abgrund!'

"Im Epizentrum des Spätkapitalismus"

Fisher wurde 1981 in den Südstaaten geboren. Sein Vater war Arzt, einer von nur zwei schwarzen im ganzen County. Black Culture, Rassismus, Polizeigewalt, Bürgerrechtsbewegung – Einflüsse, die die Band prägen.

Ein Gefühl von Entfremdung treibt die "Algiers" an. Bassist und Keyboarder Mahan macht dazu den düsteren Sound – der trotzdem nach Befreiung drängt. Er sagt: "Wir leben im Epizentrum des Spätkapitalismus. Die Apotheose, all die Hässlichkeit des Spätkapitalismus und unserer eigenen Geschichte tritt doch gerade überall zu Tage. Die Menschen sind so überschwemmt mit Arbeit, davon, ihr Leben mit Würde zu meistern, sich um die Familie zu kümmern. Da bleibt nicht viel Zeit für anderes. Es ist wie ein Minenfeld, es ist verwirrend, schwierig. Da sind einfach überall so viele Spannungen und Widersprüche, dass sie irgendwann – wie gerade in Chile oder im Libanon – an die Oberfläche kommen."

Ein komplexer Sound, gemacht für eine komplexe Welt

Fisher und Mahan kennen sich seit dem Studium, Hauptfach: Identitätspolitik. Der eine lebt inzwischen in New York, der andere in London. "Unsere Freundschaft ist die Basis dieser Band!", sagt Fisher. Mahan ergänzt: "Ich erinnere mich noch genau an den Studienaustausch in Newcastle. Plötzlich fragte er mich, ob ich ihm die Haare schneiden könne. Ich sagte: 'Ich schneide keine Haare!' Am Ende machte ich es dann doch. Aber ich sorgte dafür, dass auf dem Boden eine amerikanische Flagge lag: um darauf seine Haare zu sammeln!"

Jede Form von Heldenverehrung ist ihnen fremd. Aber auf den Ausflug zu zwei anderen Denkern, die nach Befreiung suchten, haben sie große Lust: "Ich finde, es gibt keine Kulturkritik ohne Karl Marx. Er ist bei uns die Basis von allem", sagt Fisher. Ihre Kritik an den Verhältnissen ist ihre unverwechselbare Musik. Ein komplexer Sound, gemacht für eine komplexe Welt. Mit letztlich einfacher Botschaft: "Sei kein Arschloch. Unterdrücke keine Menschen. Verhalte dich so,  dass wir alle miteinander leben können."

Bericht: Brigitte Kleine

Algiers "There Is No Year"
Audio-CD: 12,99 Euro
Matador/Beggars Group/Indigo, Januar 2020

Stand: 27.01.2020 08:08 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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