SENDETERMIN So., 26.04.20 | 23:05 Uhr | Das Erste

Ausgebremst. Die Welt im Stillstand. Zeit für eine Zeitenwende.

Kommt der Sprung in eine bessere Welt oder bodenloser Absturz?

PlayNew York
Ausgebremst. Die Welt im Stillstand. Zeit für eine Zeitenwende.  | Video verfügbar bis 26.04.2021 | Bild: hr

Die Welt steht still. Es ist, als würde sie den Atem anhalten. Überall. Eine Pause, um alles besser zu machen.
Danach. Was passiert, wenn sie wieder Luft holt?

"Das ist eine Revolution, die wir gerade erleben", sagt der Philosoph Markus Gabriel. "Und zu glauben, dass das so eine Art welthistorischer Schnupfen ist, der in drei Monaten vorbei ist, ist ein welthistorischer Irrtum." Eine Revolution? Aber wo führt sie hin?

"Es passieren gerade Dinge, die völlig undenkbar wären in normalen Zeiten!" – sagt der Historiker Rutger Bregman. Kommt jetzt der Sprung in eine bessere Welt?

"Es ist naiv zu glauben, dass sich Strukturen einfach so verändern", so der Soziologe Wilhelm Heitmeyer. "Gesellschaftsromantik" nennt Heitmeyer all die Versuche, in der Krise eine Chance für radikales Umdenken zu sehen. Corona sei ein Beschleuniger sozialer Ungleichheit.

"Die Zukunft ist völlig offen gerade", sagt Rutger Bregman. "Aber wir können schon sagen, dass es Zeichen gibt, die hoffen lassen: Zum Beispiel glauben ja viele Leute, dass in Krisenzeiten alle egoistisch werden – jeder nur für sich handelt. Aber was wir jetzt gerade erleben, ist doch eine Explosion der Solidarität und der Kooperation."

Der neoliberale Kapitalismus fährt die Welt vor die Wand

Wie wichtig die Gemeinschaft für unser Über-Leben ist, das merken wir jetzt. Und: Der Corona-Schock lässt klarer blicken. Darauf, dass Covid-19 nur ein Symptom ist. Für eine Wirtschaftsweise, die unsere Ressourcen verbraucht und unsere Lebensgrundlagen zerstört. Renditegetriebener neoliberaler Kapitalismus fährt die Welt vor die Wand, denkt Gabriel: "Das Ganze ist also nicht nur nicht nachhaltig und unmoralisch, sondern wird auf Dauer zur Selbstausrottung der Menschheit durch die ökologische Krise führen. Das Modell ist jetzt aber insbesondere auch ökonomisch widerlegt, weil die Kosten der Finanzkrise 2008 und der Coronakrise 2020 ein Vielfaches dessen sind, was die neoliberale Wirtschaftsordnung eingespielt hat."

"Wer macht die eigentliche Arbeit in unseren Gesellschaften?"

Eine Welt, die ihre Ressourcen verbraucht, als gäbe es sieben Welten, global agierende Gigakonzerne, die Billonen umsetzen, aber keine Steuern bezahlen, Lohndumping und eine immer größer werdende Gruppe von Milliardären. Bregman sagt: "Ganz oben sind die Superreichen, die jetzt in die Luxusresorts gehen, um sich zu entspannen. Dann gibt es die Mittelklasse, die sitzt zuhause mit ihren Kindern, und wird gerade immer frustrierter. Und dann haben wir die Arbeiterklasse, die ganz vorn an der Front gegen das Virus kämpft – die Krankenschwestern, die Reinigungskräfte und so weiter, die am schlechtesten bezahlt werden und am härtesten arbeiten. Diese Zustände waren ja schon vor der Krise wahr. Aber jetzt ist es wirklich deutlich sichtbar für alle."

Mitgefühl, Dankbarkeit, Applaus von den Balkonen. Schöne Gesten. Immerhin. Aber wird sich irgendetwas ändern? Wird Systemrelevanz demnächst besser bezahlt, der Reichtum anders und gerechter verteilt? "Es ist ja auffällig", so Gabriel, "dass insbesondere Spanien jetzt mit der Idee des Grundeinkommens, unbedingten Grundeinkommens, jedenfalls flirtet und wir müssen auf jeden Fall für die Zukunft auch das Problem der sozialen Ungerechtigkeit sehr viel durchdringender angehen." Und Bregman sagt: "Ich glaube, diese Krise bringt uns dazu, zu überdenken, was die wirklich wertvollen Berufe sind. Wer macht die eigentliche Arbeit in unseren Gesellschaften? Also das könnte uns helfen, einen echten Kulturwandel zu bekommen."

Der Staat muss eine gerechtere Steuerpolitik anstreben

Doch Zeit für eine Zeitenwende also? Nicht nur in Spanien, in ganz Europa wird während der großen Leere über eine neue Ausrichtung von Politik und Wirtschaft diskutiert. Corona-Soli, Vermögensabgabe, mehr soziale Gerechtigkeit. Nur schöne Ideen? "Der anonyme Finanzkapitalismus, der globale, hat kein Interesse an solchen Fragen der gesellschaftlichen Integration", sagt Wilhelm Heitmeyer. "Dazu gehört ja, dass viele Menschen darüber diskutieren und sich dann eine soziale Bewegung entwickelt." Noch lässt die große Leere nur ahnen, dass alles auch ganz anders ginge. Das ist ein Gefühl. Tatsache ist, dass Jeff Bezos, der Amazon Chef, seit Jahresbeginn um 23,6 Milliarden Dollar reicher geworden ist.

"Es besteht die Möglichkeit, dass man in der Tat die großen Profiteure dieser Krise, das sind insbesondere die US amerikanischen Digitalunternehmen, die bei uns in Deutschland natürlich Monopole haben, gegen die niemand sich verteidigen kann. Man könnte die besteuern", schlägt Gabriel vor. Die Digitalkonzerne, genauso wie den Onlinehandel großer Unternehmen. Der Staat verteilt Billionen und wird eine gerechtere Steuerpolitik anstreben müssen. Eine Vermögensabgabe von 0,5 Prozent ist in der Diskussion – für das oberste eine Prozent der Deutschen.

"Wir sollen ja alle Unternehmen unterstützen, die gerettet werden wollen. Aber dabei stellt sich doch die Frage: Sollten wir daran nicht Bedingungen knüpfen? Wir hören, dass sie in Dänemark schon sagen: Ihr bekommt nur Hilfe, wenn ihr nicht in einer Steueroase sitzt, wenn ihr Aktienrückkäufe unterlasst. Wenn ihr Dividenden nicht mehr ausschüttet. Also – ob man das jetzt mag oder nicht: Aber das ist eine Chance, den Kapitalismus zu reformieren."

Vielleicht. Auch wer in Deutschland Dividenden ausschüttet oder Boni bezahlt, bekommt keine staatliche Unterstützung mehr. Wird am Ende die Kraft bleiben, etwas Neues anzustoßen? "Ich bin da sehr pessimistisch", sagt Heitmeyer. "Denn: wer soll der Treiber sein einer solchen grundsätzlichen gesellschaftlichen Debatte. Die Manager? Nicht zu erwarten. Die Aktionäre? Nicht zu erwarten. Und wie weit die Politik, die selbst damit beschäftigt ist, um die finanziellen Dinge hinzubekommen, da bin ich sehr skeptisch."

Das Momentum zur Veränderung ist da

Kein Epochenbruch? Einfach weiter so? Schwer vorstellbar. Dass es möglich ist, die große Weltuntergangsmaschine anzuhalten, um Menschenleben zu retten, diese Erfahrung ist nun in der Welt. Ein historischer Fortschritt. Aber dennoch, so Gabriel: "In einer pessimistischen Abschätzung wird das, was auf die Coronakrise folgt, ein gigantisches Auftrumpfen nationalistischer Selbstüberschätzung sein, das bis zu intra-europäischen Kriegen führen kann."

Absturz in Abschottung und Nationalismus? Die Welt hält still, obwohl es Billonen kostet. Auch das ist ein Fortschritt. Ein Beweis für die global gestiegene Achtung vor dem Wert des Lebens. Markus Gabriel sagt: "Wir sollen Menschenleben schützen, und zwar egal, um welchen Preis. Das ist eine hohe moralische Tatsache. Und an dieser moralischen Tatsache orientieren wir uns gerade alle, weil es für uns spürbar ist. Die ökologische Krise war bisher nicht spürbar. Und im nächsten Schritt müssen wir allen Menschen vor Augen führen, dass das, was da auf uns zukommt, in kleinen Schritten ein Vielfaches dessen ist, was wir jetzt als Bedrohung wahrnehmen."

"Wir müssen jetzt Solidarität mit den Alten zeigen", so Bregman, "und mit allen, die besonders in Gefahr sind, wenn es um das Virus geht. Und das passiert gerade. Wir akzeptieren es und es funktioniert. Also sollten wir doch nach der Krise auch sagen: Jetzt machen wir das andersherum! Jetzt geht es um die Jungen, die Kinder, die nächste Generation. Jetzt sind wir mit ihnen solidarisch, wenn es um den Klimawandel geht!"

Das Momentum zur Veränderung ist da. Wann, wenn nicht jetzt?

Bericht: Alexander Stenzel

Stand: 27.04.2020 09:02 Uhr

33 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 26.04.20 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste