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Maja Göpel will die Welt neu denken

Das Buch der Stunde

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Maja Göpel will die Welt neu denken | Video verfügbar bis 26.04.2021 | Bild: hr

Diesen Planeten gibt es nur ein einziges Mal. Fast acht Milliarden Menschen leben auf ihm.

"Die Naturgesetze sind etwas, die werden sich weiter so verhalten." sagt die Politökonomin Maja Göpel. "Denen ist es auch egal, ob der Planet mit oder ohne Mensch ist oder wieder mit nur einer Milliarde Menschen." Die Menschen behandeln den Planeten schlecht. "Es braucht tatsächlich tiefe strukturelle Veränderungen", sagt die Wissenschaftlerin. "Aber das ist etwas, das menschengemachte Institutionen betrifft. Und warum sollten wir das nicht tun?"

Erkennen, was falsch läuft und klügere Konzepte für den Wohlstand finden. Eine Wirtschaft zum Beispiel, die alle versorgt, aber nicht mehr ununterbrochen wächst: "Nullwachstum – da hat man ja immer den Eindruck, man macht das Licht aus und dann ist Stillstand, nix bewegt sich mehr. Nullwachstum, aus der ökonomischen Perspektive, heißt einfach nur, dass wir nicht noch mehr produzieren." Aber vielleicht weniger Überflüssiges, dafür Dinge, die länger halten. Maja Göpel fordert in ihrem Buch einen ökonomischen Fortschritt, der unsere Lebensgrundlagen erhält, nicht zerstört. 

Plutokratische Verhältnisse in westlichen Demokratien

Es ist auch eine Abrechnung mit der neoliberalen Marktideologie, die in den letzen Jahrzehnten auch dafür gesorgt hat, dass die Kluft zwischen den Armen, die arbeiten, und den steinreichen Besitzenden, immer größer wird.

"Wieso ist es in Ordnung, einen Anspruch zu haben, der ja plutokratischen Verhältnissen gleicht?", fragt Göpel. "Wir haben ja zum Teil feudalistische Strukturen geschaffen – und nennen das immer noch einfach privates Eigentum. Aber das Ausmaß an Kontrolle darüber, wer Zugang zu was bekommen hat in privater Hand, das hat Ausmaße angenommen, die hätte Adam Smith oder Ricardo nie als Grundlage einer Marktwirtschaft akzeptiert."

Bei der Verteilung der Ressourcen und des Reichtums läuft etwas falsch. Kein Markt, oft plutokratische Verhältnisse inmitten westlicher Demokratien, Familiendynastien, die Milliarden anhäufen. Eine Welt,  die den Wahnsinn des Massenkonsums globalen Plattformkonzernen wie Amazon oder Apple überlässt. Die machen astronomische Gewinne und  betrachten die ganze Menschheit als ihren Kunden. Unsere Lebenswelt steuert seit Jahren durch Phänomene der Dekadenz. Renditegetrieben: höher, schneller , weiter – bis der Planet nicht mehr kann. Jedenfalls nicht so, dass viele Milliarden Menschen auf ihm leben können.

Ein Zeitalter geht zu Ende

"Irgendwann kommen wir an den Punkt: wenn die Böden nichts mehr hergeben an Nahrungsmitteln und wir wahnsinnige Ernährungskrisen bekommen, wer kriegt dann noch diese Körner? Und warum? Warum sollen nur Menschen die dann bekommen, die wahnsinnig viel Geld auf der Tasche haben? Mit welchem Recht? Und das sind Fragen, die sind tief ethisch. Wenn wir einen Klimapass vorgeschlagen haben, weil ganze Länder untergehen, dann schreien alle auf: 'Seid ihr verrückt? Wir können doch nicht noch mehr Leute aufnehmen.' Aber was ist denn die Alternative? Sollen wir sagen: Bitte sterbt leise an unseren Zäunen?"

Nicht der Norden, der globale Süden wird die Konsequenzen des Klimawandels zuerst ertragen müssen. Ein Zeitalter geht zu Ende, sagt Maja Göpel. Die Epoche, in der die Menschen immer umfassender mit Energie, Nahrung, Medikamenten und Sicherheit versorgt worden sind. Alle Systeme, die so scheinbar verlässlich funktioniert haben, stehen grade enorm unter Druck.

Widerstand der aktuell Privilegierten

Wir brauchen verlässliche politische Institutionen, die das Gemeinwohl im Blick haben, einen neuen Gesellschaftsvertrag durchsetzen – in dem jeder sich als Teil eines großen, zusammenhängenden Ganzen sehen kann. Kreislaufwirtschaft, Green New Deal. Es wird erhebliche Widerstände geben.

"In der Transformationswissenschaft haben wir einen Begriff für die gut Etablierten in einem bestimmten System", sagt Maja Göpel, "und die heißen 'incumbants'. Das sind diejenigen, die einfach davon profitieren, wie aktuell die Regeln gestrickt sind und die natürlich nicht so viel Lust haben, das aufzugeben. Und natürlich geht es dann trotzdem darum, zu verhandeln, von wem, also von wie vielen in der Gesellschaft wird eigentlich die Freiheit beschnitten, dafür, dass die Freiheit für die aktuell Privilegierten aufrecht erhalten wird."

Von der Ausbeutung des globalen Südens profitiert vor allem der reiche Norden. Einige der größten Demokratien werden ausgerechnet von Männern wie Trump oder Bolsonaro regiert, hoffnungslos bildungsfernen, despotischen, reaktionären Milliardären. Denen, die die brennenden Regenwälder, die Verpestung der Luft und die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen bewusst betreiben, statt sie zu verhindern.

Eine Chance – für uns und für den Planeten

Aber gerade hält die Welt still, auch wenn es Billionen kostet. Ein nie dagewesenes Aus. Trotz aller Abstürze und Ängste – auch gewonnene Zeit, zu überlegen, was wir wirklich wollen. "Es gibt einen externen Schock, der all das lahm legt, von dem wir vorher gesagt haben: 'Da dürfen wir nicht ran, da wird die Wirtschaft instabil – grade aus der Umweltperspektive betrachtet. Und jetzt ist sie einfach mal ausgeschaltet in weiten Teilen. Und jetzt ist zu überlegen, wie wir welche Programme schnüren, wo ja auch ganz viel öffentliches Geld reinfliessen muss – und zu sagen, das kann mittelfristig auch eine andere Form des Wirtschaftens mit sich bringen. All das ist jetzt natürlich möglich."

Ein historischer Augenblick, Neuausrichtungen zu entwickeln, die ohnehin vorgenommen werden müssen. Auch eine große Chance! Für uns und für den Planeten.

Mit Zukunftsvisionen Strukturen verändern

"Wie sollten wirklich die Frage stellen: Was wollen wir in Zukunft haben?", sagt Maja Göpel. "Und da gibt es aus der Nachhaltigkeitsforschung ja ganz viel: Die Zukunft der Landwirtschaft, die Zukunft der Mobilität, die Zukunft der Städte – wie könnten die wieder lebenswerter werden, wenn wir nicht überall diese Blechteile rumstehen hätten. Also: Wie können wir die Lebensräume, in denen wir uns aufhalten wieder so organisieren, dass Menschen und ihre Lebensqualitäten, ihre Begegnungen im Vordergrund stehen, anstatt der Autoverkehr. Das sind alles Sachen, wo wir aus einer Zukunftsvision heraus jetzt überlegen können, wie wir die Strukturen verändern wollen, damit sie uns diese Zukunftsvisionen ermöglichen."

Doch sie wird nicht einfach vom Himmel fallen, unsere Zukunft.

Bericht: Daniel Böhm

Maja Göpel "Unsere Welt neu denken: Eine Einladung"
208 Seiten, 17,99 Euro
Ullstein, 2020

Stand: 27.04.2020 09:08 Uhr

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