SENDETERMIN So., 28.03.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Das Zeitalter der Einsamkeit"

Die renommierte Ökonomin Noreena Hertz über eines der größten Probleme unserer Zeit

PlayNoreena Hertz
"Das Zeitalter der Einsamkeit" von Noreena Hertz | Video verfügbar bis 28.03.2022 | Bild: hr

Zeit, die einfach so vorübertreibt, Menschen, die einfach so vorbeiziehen. Kein Echo. Keine Verbindung. Wir leben im Zeitalter der Einsamkeit, sagt Noreena Hertz. Der Mensch ist dem Menschen… Ja, was eigentlich?

Noreena Hertz: "Wir sehen uns mittlerweile eher als Konsumenten statt als Bürger. Als Geschäftemacher statt Helfer. Als Konkurrenten, statt Verbündete. Und natürlich, so ein Denken bringt uns ganz zwangsläufig dazu, dass wir uns als Gesellschaft insgesamt isolierter fühlen, unverbundener und einsamer."

Einsamkeit als politisches Problem

Noreena Hertz ist Professorin für Ökonomie. Frontfrau der Globalisierungskritik. Sie lehrt am renommierten University College London. Und forscht seit Jahren zu Einsamkeit. Für sie eines der drängenden Probleme unserer Zeit. Eine globale Einsamkeitskrise im Verborgenen, nennt sie es in ihrem Buch. Es gehe um so viel mehr als nur um fehlende Nähe und Intimität.

"Für mich ist Einsamkeit genauso politisch wie persönlich", sagt Hertz. "Es ist ein existenzieller Zustand. Das Gefühl, nicht nur von unseren Freunden und unserer Familie isoliert zu sein, sondern auch von unserer Regierung, von unserem Arbeitgeber. Das Gefühl, unsichtbar zu sein."

"Der Neoliberalismus ist uns tief unter die Haut gegangen"

Globalisierung, Verstädterung, zunehmende Ungleichheit, bahnbrechende Technologien, ein beschleunigtes Dauer-"On"-Leben, größere, auch erzwungene Mobilität, staatliche Sparmaßnahmen und jetzt auch noch: Corona. Radikal veränderte Arbeitswelten. Die Finanzwirtschaft heute: viermal so groß wie die Realwirtschaft. Auf der anderen Seite ein Heer von Niedriglöhnern. Und eine Mittelklasse in Auflösung. Ja, es gibt strukturelle Gründe für die Einsamkeit. 

"Der Neoliberalismus ist uns tief unter die Haut gegangen", sagt die Wissenschaftlerin. "Darum wertschätzen wir als Gesellschaft zunehmend Qualitäten wie Konkurrenzdenken, Rücksichtslosigkeit und 'Gewinnen' – zu Lasten von gegenseitiger Fürsorge, Mitgefühl, Freundlichkeit. Und wenn wir nur Qualitäten belohnen, bei denen es um das geht, was ich erreichen und bekommen kann, dann sind das die Qualitäten, die wir als Gesellschaft pflegen und reproduzieren. Und das ist, was wir zu einem Großteil auf der ganzen Welt beobachten können." Margaret Thatcher sagte einst: "Wirtschaft ist die Methode. Das Ziel ist, Herz und Seele zu verändern." Und genau das ist passiert. Eben das verändert mittlerweile auch Herz und Seele unserer Demokratien.

Rechtspopulisten spüren den Mangel

Noreena Hertz sagt: "Was meine Recherchen gezeigt haben ist: Menschen, die sich einsam und isoliert fühlen, wenden sich eher rechtspopulistischen Politikern zu. Wir sind Geschöpfe des Miteinanders, dafür geschaffen, mit anderen verbunden zu sein. Was also passiert, wenn wir einsam sind, ist: unser Körper bringt sich in einen Alarmzustand – Kämpfen oder Fliehen. Unser Blutdruck steigt, unser Cortisolspiegel steigt, unser Puls auch. All das signalisiert unserem Körper: 'Hör auf einsam zu sein! Geh los und suche deinen Stamm, die Menschen, mit denen du sammeln und jagen kannst. Sei nicht allein!'"

"Du gehörst dazu. Du bist wer und nicht niemand.” Rechtspopulisten – das beschreibt Noreena Hertz eindrucksvoll – spüren den Mangel. Und setzen ihm quasi-religiöse Veranstaltungen entgegen, schaffen eine Art Kommunion. Versehen mit dem Versprechen: "Du bist bedeutsam!". Hertz: "Rechtspopulisten verwenden ein ganzes Lexikon der Gemeinschaft: 'wir', 'uns', 'das Volk', 'das vergessene Volk', 'ihr, das Volk'. Sie kreieren und benutzen dieses Vokabular, um sehr sichtbar zu zeigen: 'Wenn du zu uns kommst, bist du ein Teil von uns'."

Hannah Arendt beschrieb als Erste den Zusammenhang von Einsamkeit und einer Politik der Intoleranz – "Verlassenheit" nannte sie das.

"Wir müssen anfangen, Erfolg anders zu messen"

Doch wie kann das "Wir" zurückerobert werden – in einer fragmentierten, zerfaserten Welt? Mit einem Kapitalismus, der auch auf Herz und Seele zielt. Aber indem er das Gemeinwohl über alles stellt, sagt Noreena Hertz. Gemeinschaftsfreundliche Unternehmen bekommen dann Steuererleichterungen und Prämien. Soziale Berufe hohe Gehälter, multinationale Konzerne und das obere Prozent werden hart besteuert, lokale Geschäfte bevorteilt. 

"Wenn Regierungen die herrschende Einsamkeit wirklich ernsthaft verringern wollen und die Menschen wieder in Verbindung miteinander bringen wollen, dann müssen sie anfangen, Erfolg anders zu messen", sagt Hertz. "Traditionellerweise ist das Kriterium, das die Regierungspolitik bestimmt, das Wirtschaftswachstum. Aber stellen wir uns vor, stattdessen würden Regierungen sich daran orientieren, wie einsam sich ihre Bürger fühlen, oder wie sehr sie einander vertrauen. Wir könnten völlig anders definieren, was Erfolg ist."

Kulturelle Transformation und umfassende Reformen

Was wir brauchen sind Kathedralen fürs 21. Jahrhundert, sagt Noreena Hertz. Eine kulturelle Transformation: Öffentliche Räume, Plätze, Quartiere, in denen unterschiedliche Milieus und Menschen zusammenkommen. Unterschiede aushalten, Demokratie üben. Solche Orte sind im effizienzgetriebenen Neoliberalismus zerstört worden. Die Folge: tote Begegnungen, kontaktloses Leben. Doch man kann gegensteuern, dafür gibt es in der Geschichte Beispiele. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise erließ Roosevelt für die USA in den 30er Jahren den "New Deal": umfassende Reformen zum Wohle der Allgemeinheit.

"Wir brauchen einen neuen 'New Deal' für das 21. Jahrhundert", glaubt Hertz. "Eine Reihe von umfassenden Wirtschafts- und Sozialreformen, die dabei helfen, die großen Unterschiede in der Gesellschaft auszugleichen, die in den letzten Jahren so stark gewachsen sind. Wir brauchen Reformen, die die Infrastruktur der Gemeinschaft wiederherstellen. Wir werden nie eine gemeinsame Basis finden, wenn die Menschen keine Orte haben, an denen sie sich austauschen und zusammen sein können."

Als Gesellschaft verlieren wir etwas Grundlegendes, wenn wir uns nicht mehr um einander kümmern. Wenn wir anderen Menschen immer weniger begegnen – warum sollten wir dann ihre Rechte und Wünsche berücksichtigen?

Beitrag: Tanja Küchle

Noreena Hertz "Das Zeitalter der Einsamkeit"
448 Seiten, 22 Euro
HarperCollins, März 2021

Stand: 28.03.2021 23:05 Uhr

12 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 28.03.21 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste