SENDETERMIN So., 28.03.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

Die intellektuelle Handfeuerwaffe Sophie Passmann

Über ihr Buch "Komplett Gänsehaut", Privilegien, Pop und Aktivismus 

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Sophie Passmann und ihr Buch "Komplett Gänsehaut" | Video verfügbar bis 28.03.2022 | Bild: hr

Jugend: Trunkenheit ohne Wein. Die Blüte des Lebens. Die ganze Welt: ein einziges offenes Tor.

Sophie Passmann: "Ich verstehe überhaupt nicht, woher dieser Jugendwahn kommt, dass Leute immer jung sein wollen. Meine letzten sieben Jahre in den Zwanzigern waren ein absoluter Krampf. Ich habe Lebenskrisen gehabt wegen Sachen, die ich jetzt schon banal finde. Älterwerden: ich mache große Werbung dafür, das ist der Knaller!"

Den Weltschmerz hinter sich lassen, endlich eintauchen in "Nostalgie und Anekdote", Erwachsenwerden. Davon erzählt "Komplett Gänsehaut", Sophie Passmanns neuer Bestseller. Doch es ist auch: eine radikale Abrechnung – mit der weißen woken Großstadt-Blase und der Wohlstandsverwahrlosung. Manchmal erinnert es an 1995, an Christian Kracht und "Faserland". "Komplett Gänsehaut" ist Popliteratur – in der 2021-Version.

Eine Systemgewinnerin unter Systemgewinnern

Die Protagonistin des Buchs: ist nicht Sophie Passmann. Aber auch: Ende 20, weiß, Altbauwohnung im Szeneviertel. Systemgewinnerin. Ihr Feindbild: all die Systemgewinner um sie herum.

Textauszug "Komplett Gänsehaut"

»Ihre jeweilige Haltung kann man im Internet nachlesen, meine ja auch, die der Frauen in der Vogue und die der Männer auf reddit, wir sind alle ein und dieselbe Person, und zwar völlig absichtlich. (…) Wir mögen dieses eine Album von diesem einen Rapper, haben einen Sommer lang mal RUN DMC gehört, damit wir ohne Gesichtsverlust das T-Shirt dazu tragen können. (…) Das meiste finden wir mindestens problematisch, die bestehenden Umstände, zum Beispiel.«

"Auch, wenn das Buch natürlich ganz allgemeingültig Dinge darüber sagt, wie es ist. 27 zu sein, geht es auch ein bisschen um Leute, die heute 27 sind", sagt Sophie Passmann. "Um dieses eingeklemmt sein zwischen dem absoluten Hedonismus, den unsere Eltern in ihren Studienleben noch hatten, und dem Anspruch, absolut perfekt zu leben, so wie Greta Thunberg es richtigerweise möchte. Wir sind eingeklemmt zwischen Aktivismus und Pop."

Das kleine Einmaleins des Feminismus

Sophie Passmann ist Autorin, Moderatorin, Satirikerin – und selbst Teil des bürgerlichen Milieus, über das sie schreibt. Mit ihrem Buch "Alte Weiße Männer" löste sie 2019 eine landesweite Debatte aus. Ihr Anspruch damals und heute: Patriarchatskritik – aber in lustig. Sie ist eine der präsentesten Stimmen im deutschen Feminismus – vor allem im Internet, aber auch außerhalb. Im Neo Magazin Royale erklärte sie immer wieder das kleine Einmaleins des Feminismus.

"Neo Magazin Royale", März 2019

»Sophie Passmann: "Feminismus geht nicht, ohne dass Frauen zu Wort kommen. Auch wenn ihr Männer es gut meint."
Jan Böhmermann: "Ja, aber ich bin doch auch Feminist. Darüber müssen wir doch auch mal reden."«

"Männerwelten": Alltagssexismus und sexualisierte Gewalt

Ihr nächster viraler Coup: "Männerwelten", 2020. Eine fiktive Ausstellung in der Prime-Time. Die Ausstellungsobjekte: Alltagssexismus und sexualisierte Gewalt. Millionen sahen zu. Gerade wurde "Männerwelten" für den Grimme-Preis nominiert. Szenen wie diese kennen leider viele.

"Männerwelten", Mai 2020

»Sophie Passmann: "Allein eine kleine Umfrage in unserem engsten Freundinnen- und Kolleginnen-Kreis zeigt, was ganz normaler Alltag für viele Frauen in Deutschland ist."
Frau: "Letzten Samstag, helllichter Tag mitten in Kreuzberg, ich stehe an einer Ampel. Von links kommt ein Typ, mustert mich von oben bis unten, sagt: 'Boah, du gefällst mir aber. Hast du ´nen Freund?' Ich: 'Ja.' – gelogen. Er: 'Schade, weil ich würde dir so die Fotze lecken.'"«

"Nach 'Männerwelten' ist das passiert, was, glaube ich, jede Feministin sich manchmal wünscht", sagt Passmann. "Dass man nämlich die Meinung von den Leuten verändert, die gar nichts mit Feminismus am Hut haben. Es hat dazu geführt, dass Männer mir geschrieben haben: 'Ich habe mit dem Thema nichts am Hut. Ich fand Feminismus immer…' – dann fügt man diese ganzen antifeministischen Klischees ein – '…und ich dachte, das ist alles irgendwie für unrasierte, schlechtgelaunte männerhassende Frauen. Und ich habe meine Meinung zu hundert Prozent geändert danach. Tut mir leid, was Männer machen und tut mir auch leid, was ich gemacht habe.'"

Insgeheim herrscht Klassenhass

In "Komplett Gänsehaut" werden konstant Privilegien, Haltungen und sogar die Möbel reflektiert. Aber: die Reflexionsfähigkeit endet da, wo die eigene Komfort-Zone beginnt. Wo Emotionen zu echten Argumenten oder gar Taten werden könnten. Die kritische Haltung: entlarvt als heuchlerische Feelgood-Selbstreflexion.

Denn ein Teil des Problems, das will im Umfeld der Protagonistin letztlich niemand sein. Insgeheim glauben alle, dass sie die schicke Altbauwohnung und ein Leben ohne Armut verdient haben. Insgeheim herrscht Klassenhass.

Textauszug "Komplett Gänsehaut"

»Wenn man wissen will, wie man niemals wohnen wird, steigt man in ein Auto und fährt so lange über Ausfallstraßen vorbei an Schuh-Outlets und dubiosen Döner-Imbissen in Richtung Speckgürtel der Stadt, bis man da ankommt, wo die Busse alle dreiundzwanzig Minuten fahren und systemrelevant sind, wo die Menschen, die auf sie warten, grau geraucht sind und man sofort emotional strukturschwach wird. (…) Da kurz Betroffenheit, dann schnell weiter raus, denn so eine Stadt ist im Grunde aufgebaut wie Wachstumsschmerz, man muss an den Plattenbauten vorbei, ehe man die rührenden Landstraßen sehen kann.«

"Ich glaube, bei Klassismus und der Debatte um Arm und Reich existiert ein Nullsummenspiel, was bei Feminismus und Antirassismus nur in einer Illusion existiert", so Passmann. "Bei Feminismus wird ja ganz oft gesagt – oder es ist die Angst von Männern – dass Männern etwas weggenommen wird. Das ist Quatsch, weil all diese Ideen und Ideologien wollen einfach eine bessere, gerechtere Welt und eine gerechtere Welt ist auch für Männer eine gerechtere Welt. Bei Klassismus wiederum existiert dieses Nullsummenspiel wirklich, weil wenn manche Leute wenig Geld haben, haben andere Leute mehr Geld. Und dann sich wirklich dafür einzusetzen, dass man selbst weniger hat, damit andere Leute vielleicht ein bisschen mehr als nichts haben – das ist, glaube ich, gerade für dieses Milieu eine harte Denkaufgabe."

Am Ende des Buchs: Kapitulation. Die Flucht der Protagonistin vor sich selbst und ihresgleichen: gescheitert. Sie wird zu dem, was sie so verachtet hat – und gleichzeitig die ganze Zeit schon war. Also alles umsonst? Die ganze Suada nur eitle Show?

Nein, denn am Ende zeigt sich: Mit Verachtung und konsequenzloser Anti-Haltung kann man die Welt nicht besser machen. "Nicht rumheulen, lieber härter arbeiten"- zitiert Passmann Joan Didion.

Beitrag: Jella Mehringer

Sophie Passmann "Komplett Gänsehaut"
192 Seiten, 19 Euro
Kiepenheuer&Witsch, März 2021

Stand: 28.03.2021 23:05 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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