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Besserstädter und Bauernlümmel – Vom großen Missverständnis zwischen Stadt und Land

Vom großen Missverständnis zwischen Stadt und Land

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"In Kürze erreichen wir Buxtehude – Ausstieg in Fahrtrichtung rechts." Irgendwo zwischen Hamburg und Cuxhaven. Noch hinter Buxtehude, da ist das Moor, der Sumpf. Und das Land: weit und flach.

"Ich habe eben hier gestanden und auf Sie gewartet und habe gedacht: Dies ist die Schönheit für die Städter – und das ist die Kultur! Für die Bauern. Kultur ist ein Ausdruck aus der Agrargeschichte sozusagen. Kultur ist, wenn etwas kultiviert wird. Ist das gleich ein Gegensatz? Die schöne Natur und die Agrar-Kultur? Es scheint sich dahin entwickelt zu haben."

Das große Missverständnis

Über diesen Clash, dieses ständige Missverständnis zwischen Stadt und Land – darüber hat Uta Ruge ein Buch geschrieben. Sie erzählt darin, wie die Menschen hier das raue Land fruchtbar gemacht haben. Wie sie selbst auf einem kleinen Bauernhof nahe der Elbe aufgewachsen ist. Und wie immer realitätsferner die Vorstellungen werden, wenn es um "das Land" geht. Sie sagt: "Land ist Landschaft, Land sind Pflanzen und Tiere, Land ist auf keinen Fall die Bauern, die Menschen, die sozialen Beziehungen, aus denen Dörfer bestehen. Die Beziehungen hier zwischen den Kühen, die auch nicht mehr auf Wiesen stehen, und den Leuten, die sie melken, das interessiert niemanden mehr und wenn wird das als Störung wahrgenommen, weil da sind Maschinen. Und diese Maschinen gehören nicht zum Erholungsbedürfnis."

Der Existenzkampf der Landwirte

Sie beschreibt die allwissende Unwissenheit, wenn es um die Produktionsweisen moderner Landwirtschaft geht. "Die Bauern empfinden es so", sagt Ruge, "dass ihnen – ich überspitze das jetzt ein bisschen – die bionadetrinkenden Vielflieger etwas darüber erzählen, wie sie ihre Kühe halten sollen."

Nachhaltig sollen sie produzieren, die Bauernhöfe, die längst hochtechnisierte Agrarbetriebe sind. Gleichzeitig drücken knallharte Marktgesetze die Preise. Das gilt auch für den elterlichen Hof, den Ruges Bruder übernommen hat. In "Bauern, Land" erzählt sie vom Existenzkampf der Landwirte. Vom Wandel der Landwirtschaft zum globalen Dumpinggeschäft.

Die Bauern als Umweltsünder

Langjährige Recherche und viele Gespräche mit dem Bruder zeichnen ein differenziertes Bild, wie Aldi und mächtige Einzelhändler die Bauern auspressen, während die Politik ständig neue Auflagen stellt – und die Öffentlichkeit sie als Umweltzerstörer sieht. Arndt Ruge sagt: "Es ist ziemlich egal, ob das jetzt die Nitratbelastung des Grundwassers ist oder die Luftverschmutzung oder Feinstaub: erst mal die Bauern. Die Bauern, das ist das Einfachste: Die haben die Schuld. Das ist natürlich eine ganz schwierige Nummer, auch moralisch, sodass man irgendwann denkt: Menschenskinder, seid ihr alle denn blöd oder was?"

Die Zerstörung des eigenen Lebensraums

Das Land ist die Grundlage unseres Lebens. Denn hier werden unsere Lebensmittel produziert. Und gleichzeitig erfährt es seit vielen Jahren eine Entwertung, genauso wie die Bauern. Denen oft nichts anderes bleibt als aufgeben oder immer billiger immer mehr zu produzieren. Zu dieser Entwicklung und warum der Mensch sich kaum mehr als Teil der Natur wahrnimmt, forscht der Kulturgeograf Werner Bätzing seit vielen Jahren. Er sagt: "Das heutige hochmoderne, extrem komplexe und globalisierte Wirtschaften zerstört eigentlich die Lebensräume der Menschen. Die Städter bekommen davon nichts mit, weil sie getrennt von allen Produktionsbedingungen in ihrer Stadt leben, weit weg von den Auswirkungen, die ihre Lebensmittel, die sie kaufen, haben. Und deswegen kriegen sie das nicht mit. Auf dem Land kann man ganz klar sehen: Wenn man so produziert, zerstört man eigentlich den eigenen Lebensraum."

In seinem Buch "Das Landleben" beschreibt Bätzing, wie unser ressourcenverschlingendes Wirtschaftssystem Strukturen geschaffen hat, die faire Landwirtschaft immer schwerer machen und das Land immer weiter entwerten. "Ein Aspekt ist, dass wir heute mit Natur in der Regel technisch umgehen", so Bätzing. "Wie das Heidegger sehr schön gesagt hat: Natur ist bloß noch ein technisches Problem. Und das ist die Grundlage, würde ich sagen, der gesamten Umweltzerstörung. Mit einem solchen Naturbild kann man Natur nur kaputt machen. Die Bauern oder die ländliche Bevölkerung hat Natur in einem weiteren Rahmen gesehen, als Lebensgrundlage, die man nutzen muss, verändern muss, aber auch pflegen muss."

Umverteilung zulasten der Einzelhandelsmonopolisten

Die Ambivalenzen moderner Landwirtschaft beschreibt Uta Ruges Buch am Beispiel des Mais. Durch zu exzessiven Anbau würden die Bauern die Böden auslaugen, das Land zerstören. Dabei produziert der Mais, von der Politik gefördert, auch die so gewünschte Bioenergie, ist Futtermittel – und für die Bauern wichtige Einkommensquelle, weil sie von den Tieren kaum mehr leben können.

Bätzing und Ruge sagen: Wenn wir nachhaltiges Wirtschaften und schöne Umwelt haben wollen, muss jetzt eine Umverteilung stattfinden – die nicht zulasten der Bauern, der Natur oder der Verbraucher geht, sondern der Einzelhandelsmonopolisten.

Ein neuer Blick auf Land – und das Leben dort

Uta Ruge sagt: "Solange Produzenten keinen ehrlichen Preis für ihre Produkte bekommen, können wir uns wer weiß was für tolle Blühstreifen und Programme überlegen, sie müssen von ihrer Arbeit leben. Und wenn wir das nicht tun, dann werden wir naturpflegende Landwirtschafts-Schauspieler haben am Ende und unsere Produkte kommen aus Osteuropa und Afrika."

"Ich würde wirklich ganz deutlich sagen: So wie es zurzeit läuft geht es nicht mehr weiter", so Werner Bätzing. "Das Land zeigt sehr deutlich, wenn der Lebensraum kaputt geht, wenn die Heimat kaputt geht, geht auch der Mensch kaputt und dann gibt’s keine Alternativen mehr.

Wir brauchen eine neue Sinndebatte, sagen sie. Und dazu gehört auch der Blick aufs Land und wie man das Wirtschaften und das Leben hier wieder aufwerten kann. "Es ist nicht einfach ein Job", sagt Arndt Ruge. "So ein Hof ist ein Lebenswerk, den hat man entwickelt sein Leben lang. Und man hofft ja eigentlich, dass es nochmal besser wird, dass die Politik und das Umfeld auch nochmal vernünftig werden."

Bericht: Nora Binder

Uta Ruge "Bauern, Land: Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang"
350 Seiten, 28 Euro
Verlag Antje Kunstmann, 2020

Werner Bätzing "Das Landleben: Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform"
302 Seiten, 26 Euro
C.H.Beck, 2020

Stand: 31.01.2021 19:27 Uhr

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