SENDETERMIN So, 17.11.19 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Der lange Abschied von der weißen Dominanz"

In der Welt von morgen wird der Westen nicht länger den Ton angeben

Play"Spektral-Weiß"

Das Leben in deutschen Großstädten – längst ein Neben- und Miteinander unterschiedlichster Lebensentwürfe, Kulturen und Herkünfte. Auch das kleine Café in der Oranienburgerstraße mitten in Berlin atmet Welt. Für viele ist es das zweite Wohnzimmer. Diese Atmosphäre gefällt Charlotte Wiedemann. Die preisgekrönte Auslandsreporterin kommt hierher, um zu schreiben. Ihr jüngstes Buch: "Der lange Abschied von der weißen Dominanz".

Lange gewachsener Eurozentrismus

"Weiß ist weitaus mehr als eine Hautfarbe. Weiß ist eine Position der Macht, die sich auf vielen Feldern äußert", so Wiedemann, "sei es bei den Finanzströmen, sei es bei der Art von Geschichtsschreibung, sei es bei der Bewertung von Konflikten. Bis hin dazu, dass wir unsere Maßstäbe für universell gehalten haben." Mit dem Anspruch des Westens, im Zentrum der Welt zu stehen, ist es künftig vorbei. Asien und Afrika fordern selbstbewusst ihren Platz ein, was Europa – nicht nur auf der Weltkarte – auf seine reale Größe schrumpfen lässt.

"Dass sich die alteingesessenen Europäer immer als Gravitationszentrum der Welt verstanden haben – von hier aus wird die Welt betrachtet und gesehen, erklärt und analysiert – und Europa hat lange geglaubt, Begriffe wie Geschichte, Nation, Revolution oder auch Feminismus müssten die gleichen sein, überall, obwohl sie nur aus der europäischen Erfahrung heraus entstanden sind." Das alte Überlegenheitsgefühl stammt noch aus der Kolonialzeit, als Europa über Jahrhunderte die Weltordnung bestimmt hat. Ein Kapitel, das in Deutschland lange verdrängt wurde. Zu lange. Denn immer lauter werden die Stimmen, die die Aufarbeitung der kolonialen Gewaltherrschaft einfordern.

Deutschland und die Kolonien

Bei SAVVY Contemporary, Kunstraum und Denklabor in einem,  wollen Aktivisten koloniale Denkmuster aufbrechen. Sie wollen zeigen, wie wirkmächtig  diese bis heute sind – überall auf der Welt. Gegründet hat die Institution Bonaventure Soh Bejeng Ndikung. Seine Wurzeln liegen in Kamerun. "Kamerun wurde 1884 vom Deutschen Reich kolonialisiert", erzählt Ndikung. "Genauer im November 1884 als in Berlin die Kongo-Konferenz, oder: die "Berlin-Konferenz", stattfand. Das war der Moment, als Afrika aufgeteilt wurde und die Deutschen ihren Anteil bekamen. Der Reichtum, den wir heute in Deutschland sehen, hängt in hohem Maße mit der kolonialen Vergangenheit zusammen und dem was den Kolonien geraubt wurde und bis heute geraubt wird."

Auch das wird in Deutschland gerne ausgeblendet. Ebenso, dass es vor der NS Diktatur eine religiöse und kulturelle Vielfalt gab, die brutal ausgelöscht wurde. Charlotte Wiedemann sagt: "Ich habe in meiner Kindheit in meiner Schulzeit ein sehr homogenes Deutschland erlebt und habe das damals für normal, für selbstverständlich gehalten, so wie es wahrscheinlich viele meiner Generation vielleicht auch bis heute sogar noch tun. Tatsächlich war dies aber eine künstliche Homogenität, denn man kann Nationalsozialismus auch so verstehen, dass es die extreme Ausmerzung von Vielfalt war." Auch Ndikung weist darauf hin: "In Berlin konnte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Alexander-Platz Kamerunern begegnen, auch in Hamburg gab es eine große Gemeinschaft von Afrikanern. Wir wissen, dass unter ihnen auch viele Intellektuelle und Aristokraten waren. Unser Projekt SAVVY Contemporary knüpft daran an."

Die Spuren des Kolonialismus

Ganz bewusst hat SAVVY deshalb seinen Sitz in der Plantagenstraße gewählt. Der Name ist ein Relikt aus der Kolonialzeit. Im afrikanischen Viertel im Wedding gibt es noch mehr solcher Relikte. Sogar gewisser Kolonialherren wird noch gedacht. Obwohl die Sensibilität in Berlin wächst, wurde bislang nur eine einzige Straße umgetauft. Ursprünglich benannt nach Major von Gröben, einem Pionier der Kolonialzeit, der in Ghana den Sklavenhandel aufbaute. Heute ist das Ufer nach May Ayim benannt, einer Afrodeutschen. In den 60er Jahren, noch ein Kind, isst sie Seife, um weiß zu werden. "Warum nur haben wir Schwarzen die Selbstabwertung so verinnerlicht?", fragte May Ayim damals. Sie wird zu einer der ersten Antirassismus-Aktivistinnen in Deutschland.

May Ayim steht dafür, dass sie versucht hat, Sachen an die Öffentlichkeit zu bringen, die viele bis heute nicht zur Kenntnis nehmen. Und in diesem Sinne ist sie eine Pionierin in vielerlei Hinsicht, nicht nur des schwarzen Anliegens, sondern für uns alle, damit wir uns dieser Dinge bewusst werden.

Der erste Schritt zu Aufarbeitung: das Problem verstehen

Wiedemann betont die Wichtigkeit von Empathie im Aufarbeitungsprozess: "Ich denke, wenn wir mehr Empathie hätten, auch dann, wenn uns manches an Wissen fehlt, wenn wir versuchen würden, die Schmerzen derer nachzuvollziehen, die von Rassismus betroffen sind, und vielleicht sogar, wie man das an einem Stolperstein macht, wo der ermordeten Juden gedacht wird, vielleicht auch ein bisschen diese Schmerzen uns zu eigen machen." Ndikung sagt: "Wenn wir über Heilung sprechen, über das Schließen von Wunden, muss man erst die Wunde sehen, um in der Lage zu sein, sie zu heilen. Das heißt, der Akt der Entschuldigung besteht darin, sich der Wunde überhaupt erst bewusst zu werden."

Sich der Wunde bewusst werden: ein schmerzhafter Prozess. Charlotte Wiedemann plädiert in ihrem Buch dafür, sich darauf einzulassen. Und sich nicht, wie es immer mehr Weiße im Westen versuchen, selbst als Opfer zu stilisieren. "Wir müssen für das Weißsein Verantwortung übernehmen", so Wiedemann. "Das können wir aber nur, indem es ein verändertes Weißsein wird, indem wir darüber sprechen und uns ändern."

Der Abschied von der weißen Dominanz – er findet statt, so oder so. Wir sollten ihn als eine Befreiung sehen. Als Chance auf eine friedlichere Zukunft.

Bericht: Julia Benkert

Charlotte Wiedemann "Der lange Abschied von der weißen Dominanz"
228 Seiten, 18 Euro
dtv, September 2019

Stand: 18.11.2019 09:20 Uhr

113 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 17.11.19 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste