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Den Ungehörten eine Stimme geben

Elif Shafaks neuer Roman

PlayDie türkische Schriftstellerin Elif Shafak
Den Ungehörten eine Stimme geben – Elif Shafaks neuer Roman | Video verfügbar bis 02.06.2020 | Bild: NDR

Elif Shafak, türkische Schriftstellerin und Weltbürgerin, ist derzeit in London zu Hause. Aus politischen Gründen wird das wohl auch erst mal so bleiben. Aus der Not scheint eine große Liebe geworden zu sein – sie hat Freunde gefunden, hier kennt man sie, und sie fühlt sich wohl. "Vor über zehn Jahren bin ich hierher gekommen. Hier fühle ich mich immer frei. Egal, ob ich spreche, schreibe oder Interviews gebe. Ich kann hier auch vieles kritisieren, zum Beispiel die Brexit-Politik. Dazu habe ich die Freiheit. Für eine Künstlerin, eine Schriftstellerin ist es sehr wichtig, in einer Demokratie zu leben", erklärt Elif Shafak.

Sie ist inzwischen auch sprachlich in London angekommen und schreibt ihre Bücher auf Englisch.  Sie meint:"Ich verlasse das Türkische ja nicht, wenn ich auf Englisch schreibe – auch wenn die Nationalisten mir das vorwerfen. Sie sehen alles nur schwarz oder weiß. Dabei kann man in mehreren Sprachen träumen: Manchmal fangen wir auf Deutsch an und beenden den Traum auf Türkisch. Der Mensch kann in mehreren Sprachen leben und schreiben. Und das bedeutet eben nicht, dass man die Muttersprache aufgibt."

Der neue Roman: Ein Blick in die Vergangenheit

Buchcover: Unerhörte Stimmen von Elif Shafak.
Elif Shafak gibt in ihrem neuen Buch Menschen eine Stimme, die sonst nicht gehört werden. | Bild: Klein & Aber Verlag

Ihr neuer Roman "Unerhörte Stimmen" spielt im Istanbul der siebziger und achtziger Jahre. Eine lebendige Stadt, Zufluchtsort für Andersdenkende und Minderheiten. Ein historisches Panorama bis hin zum Militärputsch. Das Schicksal der Romanheldin ist damit verwoben. Es ist die Geschichte einer Prostituierten, die sich im Istanbuler Rotlicht-Milieu durchschlägt und schließlich ermordet wird. Die Menschen, die ihr am nächsten sind, leben ebenfalls am Rande der Gesellschaft. Sie alle sind nicht akzeptiert, sondern nur geduldet. Die Autorin erklärt, dass die Leser in dem Roman zwar eine Reise in die Vergangenheit machen, "aber dadurch werden sie vieles, was heute geschieht, besser verstehen. Vieles spiegelt sich wieder: die heutige Polarisierung, Ausgrenzung und Diskriminierung. Die Willkür. Es war mir wichtig, das zu erzählen. "

Staatliche Willkür

Shafak  weiß, wovon sie redet. Bis zu 200.000 politische Häftlinge sitzen derzeit in türkischen Gefängnissen. Auch Freunde von Shafak sind darunter. Es trifft Akademiker, Intellektuelle, Schriftsteller, Journalisten. Und auch wenn ein paar wieder frei gelassen werden – droht doch die nächste Verhaftung. "Wir müssen die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, dass die Türkei immer wieder die Menschenrechte verletzt, Meinungs- und Pressefreiheit einschränkt und Andersdenkende verfolgt", betont Shafak. "Wir stehen in der Verantwortung, das alles anzuprangern. In der Türkei wirft man demjenigen, der die Regierungspolitik kritisiert, vor, die Heimat nicht zu lieben. Im Gegenteil, ich tue es, weil ich meine Heimat, die Türkei, liebe und will, dass meine Landsleute glücklich sind und in einer richtigen Demokratie leben.

Eine annullierte Bürgermeisterwahl

Während der Kommunalwahlen vor einem Monat führte Erdogan mit gewohnter Selbstsicherheit seine Kampagne und ging an die Urne. Dann kam die Überraschung: Die Kandidaten der Opposition gewannen in allen Metropolen. Auch in Istanbul mit seinen 16 Millionen Einwohnern verlor Erdogans Partei nach 25 Jahren. Der Kandidat der Opposition, Ekrem Imamoglu, gewann knapp und wurde zum Bürgermeister erklärt. Dann die zweite Überraschung: Die Wahl in Istanbul wurde annulliert. In drei Wochen sind Neuwahlen.

Für Shafak ist klar: "Es gibt weder einen Rechtsstaat, noch Gewaltenteilung in der Türkei. Im Gegenteil, die Macht ist nur noch in einer einzigen Hand. Weder gibt es eine freie Presse, noch eine freie Akademie, keine Frauen- und Minderheitenrechte. Alle diese Institutionen wurden erst beschädigt, dann gebrochen. Es gab nur noch die Wahlen, und nun haben sie auch die annulliert.  Wie kann man da noch von Demokratie reden?"

Eine Schriftstellerin im Exil

Die Türkei ist weit - und lässt sie trotzdem nicht los. Auch wenn Elif Shafak sich in London zu Hause fühlt, ist sie gedanklich immer wieder in Istanbul. "Für Künstler und Menschen, die mit Sprache und Worten arbeiten, ist die Türkei zu einem unmöglichen Land geworden. Ich sehne mich sehr nach meiner Heimat, aber in naher Zukunft sehe ich keine Möglichkeit, dort zu schreiben." Und so ist Elif Shafak eine Schriftstellerin im Exil geworden. In ihrem neuen Roman beschreibt sie Istanbul als ein Auffangbecken für Menschen fernab ihrer Heimat. Für sie ist es London geworden.

(Beitrag: Halil Gülbeyaz)

Buchtipp
"Unerhörte Stimmen"
Von Elif Shafak
Kein & Aber, 2019
ISBN: 978-3036957906
Preis: 24 Euro

Stand: 21.06.2019 10:09 Uhr

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