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Die Aktion "Soko-Chemnitz" des Zentrums für Politische Schönheit

Vom Online-Pranger zum Honeypot: Die Aktion "Soko-Chemnitz" des Zentrums für Politische Schönheit

Die Aktion "Soko-Chemnitz" des Zentrums für Politische Schönheit | Video verfügbar bis 09.12.2019 | Bild: dpa

Chemnitz im letzten August. Bilder, die wir so schnell nicht vergessen werden. Aufmärsche, Hetzjagden. Hitlergrüsse. Ein Fanal des Rechtsextremismus.

"Es ist so, dass wir als Gesellschaft durchaus so etwas mitgemacht haben in den letzten drei Jahren, was man als Rechtsruck bezeichnen könnte. Dass schon gar keinem mehr auffällt, dass Rechtsextremismus etwas ist, was nicht Teil der demokratischen Debatte ist. Rechtsextremismus ist das Gegenteil von Demokratie. Und es ist auch kein Bestandteil einer Demokratie, Rechtsextremismus in irgendeiner Form aushalten zu müssen", sagt Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit.

"Wir sind der Meinung, dass Rechtsextremismus eine Straftat beschreibt"

Im "Zentrum für politische Schönheit" haben sie sich Gedanken gemacht, wie die Demokratie dem Einhalt gebieten kann. Was Kunstschaffende dazu leisten können: "Wir sind der Meinung, dass Rechtsextremismus geächtet werden muss in diesem Land. Also wir sind nicht der Meinung, dass man mit Rechten reden sollte, sondern wir sind der Meinung, dass Rechtsextremismus eine Straftat beschreibt", so Ruch.

Alles fake

Die im Fall Chemnitz nicht geahndet wurde. Die Reaktion der Künstler: die Website Soko Chemnitz. Sie gingen dahin, wo sich viele Rechte tummeln. Ins Netz. Und riefen vermeintlich dazu auf, Teilnehmer von Chemnitz zu identifizieren. Angeblich hätten sie schon 1500 Profile zusammengestellt. Alles fake, in Wahrheit waren es nur Bilder von 20 Leuten – versehen mit Infos, die diese öffentlich gepostet hatten. Der vermeintliche Online-Pranger: ein Spiel mit den Mitteln der Denunziation, die keine war. Und viele gingen dem auf den Leim. Es wurde gestritten: Darf Kunst das? Die Mittel der Rechten kopieren?

"Wir machen natürlich radikale politische Kunst, und das ist etwas, was für viele unerträglich ist. Ich habe das Kunstverständnis, dass das Kunstwerk weh tun muss, dass es provozieren muss. Dass es auch heilen muss“, so Ruch.

Lockmittel für Rechtsextreme

Dann der Clou: Die Website war ein Lockmittel für Rechtsextreme. Mit einer Suchfunktion, die viele nutzten. Die Künstler sammelten alle Namen, die dort eingegeben wurden und sagen: Wer besonders oft von verschiedenen Usern geklickt wurde, der gehört mit großer Wahrscheinlichkeit zum rechten Netzwerk. Das "Zentrum für politische Schönheit" benutzte Open Source Intelligence, um diese Daten auszuwerten – samt IP-Adressen. "Wir haben bis zu 25.000 Profile anlegen können, natürlich anonymisiert, DSGVO-konform, die uns vielleicht Aufschluss geben könnten über rechtsextreme Netzwerke in der Bundesrepublik", so Ruch.

Ein Verwirrspiel mit doppeltem Boden. Die Künstler machen mit diesem Spektakel aufmerksam auf Netzwerke, die Verfassungsschützer untersuchen müssten: "Ich würde unseren Sicherheitsbehörden jetzt so etwas nicht zutrauen. Was mit Sicherheit ins Aufgabenprofil der politischen Entscheider gehört, ist die Aufklärung von Chemnitz. Und das ist nicht passiert“, sagt Ruch.

Wenn wir solche Künstler nicht hätte, würde der Demokratie etwas fehlen.

Bericht: Hilka Sinning

Stand: 11.09.2019 16:24 Uhr

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