SENDETERMIN So., 21.03.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

Streitfall Guarneri-Geige

PlayGuarneri-Geige
Streitfall Guarneri-Geige | Video verfügbar bis 21.03.2022 | Bild: Das Erste

Der jüdische Musikalienhändler Felix Hildesheimer verlor 1937 zuerst sein Geschäft in Speyer, dann seine Wohnung und schließlich sein Hab und Gut, darunter eine kostbare Guarneri-Geige, sie sollte das Startkapital für einen Neuanfang in Übersee sein. Aber die Nazis ließen Hildesheimer nicht mehr ausreisen. Er brachte sich 1939 um. Die Geige verschwand und tauchte irgendwann im Besitz der "Franz Hofmann und Sophie Hagemann Stiftung" in Nürnberg wieder auf, einer Musikstiftung, die eng mit der Nürnberger Musikhochschule verbunden ist. 2016 hatte sich diese Stiftung bereiterklärt, den beiden Enkelsöhnen von Felix Hildesheimer, den rechtmäßigen Erben, 100.000 Euro Entschädigung zu zahlen. Aber bis jetzt ist kein Cent bei den Erben angekommen. Seit kurzem vertritt nun US-Staranwalt Michael Hausfeld die Erben und der Fall ist inzwischen zu einem internationalen Politikum geworden. Wie ernst nimmt man in Deutschland den Umgang mit NS-Raubkunst?

Die Vorgeschichte des Streitfalls

David Sand, Enkelsohn von Felix Hildesheimer
David Sand, Enkelsohn von Felix Hildesheimer | Bild: Das Erste

David Sand lebt in einem Vorort von Los Angeles. Zum Treffen mit uns bringt der 63-jährige ein Fotoalbum mit. Aber die Familiengeschichte darin beginnt erst in den USA, lange nach dem Krieg. David ist da noch ein Baby, seine Großmutter schon fast 70. Davon, was mit ihrer Familie und seinem Großvater Felix zuvor in Deutschland geschah, erfuhren David Sand und sein Cousin Sidney erst sehr spät. "Meine Großmutter hat das wohl alles sehr belastet... Uns hat sie immer gesagt, Großvater hätte einen Herzinfarkt bekommen. Wir fanden später heraus, dass er Selbstmord begangen hat, er hat sich vor einen Zug geworfen. Unsere ganze Familie wurde zerstreut, alles, was er besaß wurde weggenommen. Ich denke, es war ein Selbstmord aus purer Verzweiflung", erzählt David Sand, der Enkelsohn von Felix Hildesheimer.

Musikalienhändler Felix Hildesheimer
Musikalienhändler Felix Hildesheimer | Bild: Familie Hildesheimer

David Sands Großeltern gehörte eine Musikalienhandlung am heutigen Postplatz in Speyer. Der Großvater besaß eine wertvolle Violine des Geigenbaumeisters Guarneri aus dem 18. Jahrhundert. Doch der 61-jährige Hildesheimer konnte den einzigartigen Klang seiner Guarneri-Geige nie genießen – sie sollte nur noch die Flucht und den Neubeginn seines Lebens im Ausland finanzieren. Aber es war zu spät: Die Nazis ließen Hildesheimer nicht mehr ausreisen. Seiner Frau und den beiden Töchtern gelang die Ausreise. Und die Geige verschwand für Jahrzehnte.

Das zweite Leben der Guarneri-Geige

Kunstfahnder Willi Korte
Kunstfahnder Willi Korte | Bild: Das Erste

Inzwischen ist die Franz Hofmann und Sophie Hagemann Stiftung im Besitz dieser Guarneri. Sie wandte sich an die "Beratende Kommission" für Nazi-Raubkunst der Bundesrepublik und schrieb einen Brief an die Nachfahren. Die Stiftung präsentierte eine Geschichte, die wunderbar klang: Man wolle 100.000 Euro Entschädigung an die Erben zahlen und Musikstudenten auf der Geige spielen lassen als "Instrument der Versöhnung"... Nur leider ist daraus nie etwas geworden. Bis heute hat die Stiftung nichts an die Erben gezahlt. "Eine eher kleine, nicht besonders bedeutende Stiftung in Nürnberg blamiert nun im Grunde seit Wochen und Monaten das ganze Land", so der Kunstfahnder Willi Korte.

Willi Korte ist ein international bekannter und auch gefürchteter Kunstfahnder. Wenn Korte anruft, geraten die Dinge meist sehr schnell und heftig in Bewegung. So auch bei der Violine. Auf Bitten der Erben meldete sich Korte bei diesen vier Herren: Sie bilden den Vorstand der Stiftung, der die Geige gehört. Die drei Musikprofessoren Christoph Adt, Peter Thalheimer und Daniel Gaede und der Kulturmanager Fabian Kern. Die vier erklärten Korte, dass sie gern zahlen würden, aber leider nicht können, weil sie trotz aller Bemühungen kein Geld auftreiben konnten. Der Fall erregt inzwischen international Aufsehen – die New York Times berichtete.

Ist die Geige NS-Raubkunst oder nicht?

Hans-Jürgen Papier, Vorsitzender Beratende Kommission für NS-Raubkunst
Hans-Jürgen Papier, Vorsitzender Beratende Kommission für NS-Raubkunst | Bild: Das Erste

Und es schaltete sich Hans-Jürgen Papier ein, der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichtes und Vorsitzende der Beratenden Kommission für Nazi-Raubkunst. Er wollte wissen, was mit den 100.000 Euro Entschädigung ist, die die Stiftung seit vier Jahren nicht zahlt. "Nachdem wir angefragt hatten bei der Stiftung, was man nun eigentlich zu tun gedenke, um der Empfehlung nachzukommen, die man ja akzeptiert hatte, bekamen wir ja dann eine ziemlich schneidige Antwort von der Stiftung", erzählt Papier. Diese Antwort kam am 20. Januar als Pressemitteilung. Dort hieß es plötzlich, dass die Geige gar keine Raubkunst gewesen sei, sondern ganz normale "Handelsware", dass Felix Hildesheimer sie 1938 also als ganz normaler Geschäftsmann verkauft habe. Und deswegen kein Anspruch auf Restitution bestehe.

Star-Anwalt Hausfeld übernimmt den Fall

Rechtsanwalt Michael Hausfeld
Rechtsanwalt Michael Hausfeld | Bild: Das Erste

Mit dieser Behauptung hat die Stiftung nun den größten anzunehmenden Gegner in den USA auf den Plan gerufen: Star-Anwalt Michael Hausfeld. Er hat Milliarden-Entschädigungen für Zwangsarbeiter und Holocaust-Überlebende erstritten. Ab sofort vertritt er die Erben der Geige. "Das hier scheint mir ein besonders ungeheuerlicher Fall zu sein – weil die Stiftung zunächst ja der Vereinbarung zugestimmt hatte... Es wird jetzt Zeit für die Stiftung zu antworten. Wenn Sie das bis 5. April nicht tun, werden wir Maßnahmen ergreifen, um die rechtmäßigen Interessen der Erben zu sichern", so der Rechtsanwalt.

Der Kampf um Entschädigung geht weiter

Guarneri-Geige
Guarneri-Geige | Bild: Das Erste

"Ich würde gern eine Stimme haben, was mit dieser Geige passiert, wie sie genutzt und präsentiert wird. Und das ist doch eigentlich ein sehr einfaches Ansinnen, das muss doch eigentlich nicht kompliziert sein", so David Sand. Die Zeiten, da Stiftungsvorstand Daniel Gaede noch unbeschwert auf der Guarneri-Geige spielen konnte, gehen gerade zu Ende. Anfang Februar teilte die Stiftung plötzlich mit, dass sie nun doch wieder bereit sei, die versprochenen 100.000 Euro zu zahlen. "ttt" hat den Vorstand mehrfach um ein Interview gebeten – vergeblich. Jetzt, zwei Tage vor der Ausstrahlung dieses Beitrags, erklärte der gesamte Stiftungsvorstand seinen Rücktritt.

Der Kampf der Erben um Entschädigung geht weiter.

Autor: Ulf Kalkreuth

Stand: 22.03.2021 08:37 Uhr

3 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 21.03.21 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Rundfunk Berlin-Brandenburg
für
DasErste