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Kimchi, K-Pop, Kino – Wie Südkorea die Popkultur erobert

PlayDie Boygroup BTS im Musikvideo zu ihrem Song "Dynamite"
Kimchi, K-Pop, Kino – Südkorea erobert die Popkultur | Video verfügbar bis 16.01.2023 | Bild: HYBE Labels

"Squid Game", die erfolgreichste Netflix-Serie aller Zeiten. Die Boyband BTS – in Asien und im Westen absolute Megastars. Und "Parasite" hat Filmgeschichte geschrieben. Südkorea ist zu einer kulturellen Supermacht geworden. Wie konnte das passieren?

Kulturgut Kimchi

Die Antwort hat auch mit Kimchi zu tun – dem eingelegten Chinakohl. Hallyu, die koreanische Welle, wird das Phänomen genannt. Der weltweite Erfolg des Kimchi war ihr Vorbote.

"Ich kenne das noch aus Korea, das ich Mitte der 80er verließ", erzählt der Gastronom Ho-Seong Kim. "Meine Großmutter hat Kimchi nicht mit dem Messer geschnitten, sondern mit der Hand. Wir hatten auf dem Land ein Haus, da war immer so ein Tonkrug verbuddelt und da war Kimchi drin. Und meine Großmutter sagte immer: 'Mit Kimchi allein kommst du durch.' Insofern ist Kimchi schon identitätsstiftend. Und vor allem sind die Koreaner unglaublich stolz auf das Thema Kimchi." Weil Kimchi überall hip geworden ist. Das ist kein Zufall, sondern Teil einer geförderten Kulturoffensive.

Von der Militärdiktatur zur hochtechnisierten Demokratie

Vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar. Erst die Besetzung durch die Japaner, dann der Zweite Weltkrieg und schließlich der Koreakrieg hinterließen ein geteiltes Land – im Norden wie im Süden bitterarm. Die ehemalige Militärdiktatur Südkorea ist heute eine hochtechnisierte Demokratie.

Kyung Hyung Kim, Experte für K-Culture, sagt: "Korea zählte in den 60ern und 70ern zu den ärmsten Ländern der Welt und wurde dann zu einem der reichsten – in sehr kurzer Zeit. Das und die Demokratisierung waren wichtige Faktoren. Aus diesem düsteren, trostlosen Ort, einer Diktatur, wurde eine der offensten Demokratien der Welt." In der ein Phänomen entstanden ist, das es so vorher nicht gab: K-Pop. Pop aus Südkorea – ein Mix aus verschiedenen Musikstilen mit einer ganz eigenen Ästhetik.

Die koreanische Kultur in die Welt tragen, das war die Idee von Kim Dae-Jung, Präsident Südkoreas von 1998 bis 2003. "Unter Präsident Kim Dae-jung wurde Kultur unterstützt", sagt die Koreanistin CedarBough T. Saejii. "Es wurden neue Gesetze erlassen, neue Behörden eingerichtet, die die Pop-Kultur fördern sollten. Aber was sie im Kern taten: Sie sagten Großunternehmen, dass sie in Pop-Kultur investieren sollen."

Hallyu: Staatlich geplanter Erfolg?

Kultur, um das Land in der Welt attraktiv zu machen: Künstler werden gefördert wie nirgendwo sonst, sind aber auch Investment in die Marke Korea. "Das Geld, das für eine durchschnittliche K-Pop-Veröffentlichung ausgegeben wird, lässt eine durchschnittliche westliche Veröffentlichung wie ein Billig-Angebot aus dem Discounter aussehen", so Saeji.

Hallyu – die Koreanische Welle – also alles staatlich geplant? Nein, sagt CedarBough T. Saejii: "Hallyu ist nicht nur eine Erfindung der koreanischen Regierung. Keines dieser Produkte hat die Regierung geschaffen. Sie profitiert aber von der Vermarktung des Landes und der Soft Power."

Die Koreaner sind aber auch deshalb so erfolgreich, weil ihre Themen weltweit einen Nerv treffen. Der Oscar-Erfolg "Parasite" handelt von Klassenkampf und sozialer Ungleichheit. Und auch "Squid Game" erzählt von den vielen Verlierern der Leistungsgesellschaften. Kyung Hyun Kim: "Es ist die Kritik am neoliberalen Kapitalismus, der die Kluft zwischen den Klassen größer gemacht hat. Das ist nicht nur ein Problem Koreas. Es ist ein weltweites Problem des Kapitalismus, das dargestellt und kritisiert wird. Es hängt mit dieser universellen Ebene zusammen, die Menschen weltweit verstehen."

Südkorea ist traditionell ein Land, das lange ziemlich homogen war. Deswegen werden die wachsenden sozialen Unterschiede als besonders schmerzhaft wahrgenommen. Das Land hat die höchste Suizidrate der Welt.

Das Ende der westlichen kulturellen Hegemonie?

Während sich die pseudo-sozialistische Diktatur Nordkoreas an China orientiert, ist Südkorea eng mit den USA verbunden. K-Pop füllt im Westen die Stadien, auch weil er die westlichen Codes beherrscht, aber daraus etwas Eigenes macht.

"Das pro-amerikanische Bündnis war für Südkorea wichtig, um als Supermacht in der Kulturindustrie aufzutreten", so Kim. "Aber man darf nicht vergessen, dass die Koreaner seit Hunderten von Jahren, wenn nicht mehr, stolz sind auf ihre eigene kulturelle Identität. Sie unterscheidet sich sehr vom Rest der Welt. Und natürlich zeigen K-Pop, K-Cinema und K-Dramas genau das."

Zum ersten Mal wird die Dominanz der angloamerikanisch geprägten Popkultur ernsthaft herausgefordert. CedarBough T. Saeji sagt: "Es gibt so viele Möglichkeiten in der Welt. Und der Westen ist wirklich nicht der einzige Ort, der Trends setzt und hervorragende kulturelle Inhalte schaffen kann."

Bericht: Agata Pietrzik

Stand: 16.01.2022 19:01 Uhr

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