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Makellos, schön und digital

Wie ein Kunstwesen den Supermodels Konkurrenz macht

PlayDas künstliche Supermodel Shudu
Makellos, schön und digital | Video verfügbar bis 14.04.2020 | Bild: NDR

Sie ist makellos und schön. Große Modehäuser werben mit ihrem Gesicht. Dabei erledigt sie mehrere Jobs gleichzeitig, ist nie müde oder krank. Optimale Voraussetzungen für einen Knochenjob also. Doch Shudu ist nicht echt, sondern das erste künstliche Fotomodel der Welt – hochglanz, ganz und gar erschaffen am Computer. Eine Revolution in der Modeindustrie und vielleicht die Zukunft der Modebranche, in der ohnehin schon getrickst, nachbearbeitet und immer mehr geschönt wird. Und doch regt sich Widerstand: zu perfekt, zu wenig ausdrucksfähig, zu glatt wirke das Kunstwesen. "ttt" über die Auswüchse eines Trends, der das Ende der Supermodel-Kultur einläutet.

Vorbild für Shudu: eine Prinzessinnenbarbie aus Südafrika

Cameron-James Wilson.
Hat Shudu am Computer produziert: Ex-Modefotograf Cameron-James Wilson. | Bild: NDR

Shudu erobert die Fashion-Welt. Ihr Karrieresprungbrett war Instagram. Jetzt findet man Shudu in immer mehr Modemagazin oder in den Werbekampagnen von Labels wie Ellesse oder Balmain. Der Mann hinter Shudu ist Cameron-James Wilson, Ex-Modefotograf und seit Kurzem Modelagent im südenglischen Seebad Weymouth. Er hat Shudu im wahrsten Sinne des Wortes "gemacht". Mit ganz genauen Vorstellungen: "Vorbild für Shudu ist eine Prinzessinnenbarbie aus Südafrika. Aber auch Models wie Naomi Campbell, Iman oder Alek Wek haben mich inspiriert. Shudu soll wie eine Frau aus der Zeit der Supermodels wirken: mit Klasse und Eleganz, dabei aber gleichzeitig auch stark und weiblich aussehen."

Vom Kunstprojekt zum Geschäftsmodell

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Shudu und ihren Vorbildern. Shudu ist keine Frau, sondern ein 3D-Model, entstanden im Computer von Cameron-James Wilson. Als erstes künstliches Fotomodel der Welt sollen Shudu und die anderen Avatare aus Wilsons Datenbank die Modeindustrie revolutionieren. Und ihre Kunsthaut zu Markte tragen, um damit Mode und Kosmetik zu verkaufen.

"Als ich Shudu erschaffen habe, hätte ich nie gedacht, dass sich daraus ein Geschäft machen lässt", erzählt Wilson. "Für mich war es eher ein Kunstprojekt. Shudu ist für mich ein Kunstwerk. Aber plötzlich hat sie all diese Aufmerksamkeit bekommen. Und viele große Marken wollen jetzt mit uns zusammenarbeiten."

Shudu: zu perfekt für die Modewelt?

Was heißt das für die echten Models? Werden sie künftig von Kunstfrauen abgelöst? Als Model-Booker hat Mirko Wachholz aus Hamburg jeden Tag mit echten Frauen zu tun. Ihn überzeugt Shudus Makellosigkeit nicht: "Ich denke mal, dass die soziokulturelle Entwicklung bei uns inzwischen dahin geht, dass man mit dem Perfekten nicht mehr verkauft, sondern mit dem Nahbaren. Und da war mir Shudu zu perfekt. Sie ist mir zu perfekt. Sie ist nicht so, dass ich mich als Konsument damit identifizieren kann. Deshalb wäre sie für mich als Modelscout oder für eine Modelagentur auch uninteressant."

Persönlichkeit ist nicht gefragt

Scouts wie er suchen nach dem berühmten Mädchen von nebenan – nicht wegen der Natürlichkeit! Sondern weil sie inszenierbar sind mit Make-Up, Licht und Photoshop. "Sie hat ein sehr neutrales Gesicht", sagt Wachholz über ein anwesendes Model. "Das bedeutet, es hat keine spezielle Eigenart, keine eigene markante Art. Ich kann sie mal verrucht aussehen lassen, ich kann sie zur Lolita machen. Ich kann sie zu einem Kleinkind machen. Da hat sie ein super gutes Ausgangsgesicht für." Persönlichkeit ist zur Zeit offenbar nicht besonders gefragt. Stattdessen Formbarkeit nach den Bedürfnissen des Modegeschäfts.

Ingeborg Harms, Modetheoretikerin an der Universität der Künste in Berlin ist daher überzeugt: Unter echten Models ohne Wiedererkennungswert würden virtuelle Models wie Shudu kaum auffallen. Wenigstens für kurze Zeit. "Es geht schon um etwas, das verbrennbar ist", sagt sie. "Auch im Model-Geschäft, selbst wenn wir keine Supermodels haben. Wir haben den Auftritt des Interessanten. Das Interessante muss immer das Neue sein. Und das Interessante ist endlich, wie auch in der Kunst und in Modetrends. Das heißt, eigentlich niemand entgeht dem Verglühen im medialen."

Sollen lebende Models 3D-Kopien von sich machen?

Ist der digitale Nachschub mit Shudu und anderen Computermodels der Triumph der Technik über den Menschen? Oder halten die Avatare nicht viel mehr der Modeindustrie den Spiegel vor? In dieser Welt ist das Bild das wichtigste. Zelebrierte Künstlichkeit. Und was kommt als nächstes? Wilson empfiehlt den lebenden Models, 3D-Kopien von sich machen zu lassen. Ein Schritt in Richtung Unsterblichkeit. "Ich bin überzeugt, dass auch echte Models sich in Zukunft digitalisieren lassen", sagt Wilson. "Denn es hat eine Menge Vorteile, eine Digitalkopie von sich selbst zu besitzen. Man altert nicht, man sieht immer perfekt aus. Und deine Anhänger können dich noch über deinen Tod hinaus bewundern."

Kommt die Branche eines Tages mit ein paar Supermodels aus der Werkstatt von Leuten wie Cameron James Wilson aus? Das wäre das Ende der Castings- Shows! Aber: Wäre das so schlimm?

(Beitrag: Andreas Wagner)

Stand: 14.04.2019 18:20 Uhr

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