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Der Teufel, die Hölle und das Paradies

Der wunderbare "Atlas des Teufels" über die Vorstellungen vom Jenseits

PlayBeelzebub, Luzifer, Samael, Iblis, Diabolo, der Antichrist: Der Teufel lebt!
Teufel, Hölle, Paradies – Der „Atlas des Teufels“  | Video verfügbar bis 16.01.2023 | Bild: hr

Zur Hölle! In die Eingeweide der Angst. Wo er Hof hält. "Der Teufel ist die älteste Verschwörungstheorie der Welt", sagt Edward Brooke-Hitching. "An allem Schlimmen, das passierte, war der Teufel schuld. Als Figur, die diese Unmenge an Ungerechtigkeit und Bosheit verkörpert, muss er so einschüchternd wie möglich aussehen."

Der Teufel: das ist die Verzweiflung des Menschen selbst. Der Versuch, sich das Böse, das einem widerfährt, zu erklären.

Das Beste aus Himmel und Hölle

"Der Höllensturz der Verdammten" von Rubens: Erzengel Michael stößt die Sünder hinab. Schon der Straf-Ort der Griechen, Tartaros, befand sich in einem so tiefen Abgrund, dass ein Amboss neun Tage brauchte, bis er unten ankam. "Noch schrecklicher als der Tod ist diese Vorstellung vom tiefen Sturz. Es ist nicht nur der Sturz aus dem Himmel. Es ist unser Sturz in diese Dunkelheit. Es gibt kein anderes Gemälde, auf dem man die Schreie so deutlich hören kann. Das ist ganz klar Rubens Genialität", sagt Brooke-Hitching.

In seinem "Atlas des Teufels" versammelt der britische Autor das Beste aus Himmel und Hölle. Mit starker Tendenz nach unten. Alles begann damit, dass er 2011 im Keller eines Londoner Antiquariats ein kleines Papier entdeckte, das er wieder und immer wieder auffaltete, bis es ein monströses Diagramm offenbarte: "Diese gigantische Karte wurde überall in Paris aufgeklebt. Sie zeigt das ganze Diagramm von Himmel und Hölle. Beherrscht von einem sehr mürrisch blickenden Luzifer."

Mit seinem Inferno, das sich kegelförmig in die Tiefe der Erde bohrt, kartographiert Dante als erster die Hölle. In der "Göttlichen Komödie" führt der Dichter durch neun übereinanderliegende Kreise hinab in die Verdammnis. Kreise der Lust, der Gier, der Gewalt. Aus der Idee "Hölle" macht er einen konkreten Ort. Brooke-Hitching: "Man könnte Dante als Schöpfer des ersten Reiseführers für die Hölle bezeichnen. Es ist das erste Mal, dass so viele Details ausgearbeitet wurden. Er nahm eine nebulöse, vage Vorstellung und beschrieb dann ganz klar: Das hier ist genau das, was dich dort erwarten wird."

Das Paradies: die Hölle auf Erden

Dass die Hölle möglicherweise schon in dieser, unserer Welt existiert, daran denkt bis zum Zeitalter der Aufklärung niemand. Zuvor war die Hölle eine weit entfernte, furchteinflößende Vorstellungswelt, die zur Unterwerfung eingesetzt wurde. In Zeiten voller Krankheit und Krieg brachten die Priester mit drastischen Jenseits-Beschreibungen die Gläubigen auf Spur. "Man brauchte gewaltige, deutliche Bilder, um diese komplizierten religiösen Ideen einzuhämmern", erzählt Brooke-Hitching.

Die größte Gefahr für die Mächtigen: Menschen, die ihre Freiheit genießen. "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch: So weit kommt’s noch!

Nicht in der Stadt Zion! 70 Kilometer nördlich von Chicago. 1901 mit dem Grundriss des Union Jack als "Paradies auf Erden" gegründet – von Wunderheiler John Alexander Dowie: "Er verbot so ziemlich Alles, was Freude machte. Er verbot sogar hellbraune Schuhe. Rauchen. Anwälte – was gar nicht so übel klingt. Und er kontrollierte alles mit eisernem Griff. Er fuhr in einer goldenen Pferdekutsche herum. Und keiner wunderte sich, wo er all sein Geld herhatte. Bis sich rausstellte, dass er es aus der Bank nahm, auf die seine Fans alle ihr Geld gebracht hatten." Außerdem verboten: Glücksspiel, Zirkus, Tanz, Theater, Austern, Baseball und Fluchen. Das Paradies kann die Hölle sein. 

Ein Alptraum aus Papierarbeit

Schlechte Aussichten auch bei den Zoroastriern. Die Anhänger Zarathustras erwarten unerträgliche Höllenqualen, wenn sie gegen das Gesetz verstoßen. Buddhistische Mönche, die nicht fleißig studieren, werden von riesigen Büchern zerquetscht. Und in China wird die Hölle auch als Warte-Gang beschrieben. Verstorbene müssen lange Korridore auf der Suche nach Beamten durchwandern, die ihnen den Weg weisen sollen. Und immer neue Anträge einreichen. "Wenn du dich im Leben nicht anständig verhalten hast, dann wirst du nach deinem Tod in einem Alptraum von Papierarbeit aufwachen. Ich finde, das ist eine ziemlich wirksame Warnung", sagt der Autor.

Ein endloser Tunnel der Bürokratie als schlimmste Hölle. Aber: In China hat man auch Möglichkeiten gefunden, sich das Leben nach dem Tod etwas angenehmer zu gestalten – mit Höllen-Dollars. Die Angehörigen verbrennen an den Gräbern dicke Stapel davon, damit die Verstorbenen im Jenseits immer gut bei Kasse sind.

"Man kann viel Spaß damit haben", sagt Brooke-Hitching. "Oft werden auf die Scheine Bilder von Prominenten gedruckt, damit man seiner geliebten verstorbenen Person etwas mehr Glamour und Klasse verleihen kann." Besonders beliebt als Motiv sind amerikanische Präsidenten.

Wer glaubt noch an die Hölle? Viele

Edward Brooke-Hitching ist ein launiger Erzähler – und: ein Archivar der alten Schule. Ein besessener Sammler von Geschichten und Gegenständen. 

"Auf das hier bin ich im Keller eines polnischen Händlers gestoßen", erzählt er und hält ein kleines gerahmtes Bild des Satans hoch. "Es ist vermutlich aus dem 18. Jahrhundert. Ein Porträt des Antichristen. Ein sehr frecher Antichrist. Mit schlangenartiger Zunge und seiner Bösartigkeit, die mit seinen Bestienhörnern symbolisiert wird und dem kleinen rebellischen Ohrring. Schwierig, wo man so etwas zuhause aufhängt. Manche Gäste fühlen sich gleich unwohl. Aber es ist auch ein guter Gegenstand, um ins Gespräch zu kommen", sagt Brooke-Hitching und lacht.

Wer braucht noch die Hölle? Viele, offenbar. Eine Umfrage hat ergeben, dass ein Viertel der Deutschen an die Existenz des Teufels glaubt. So weit ist ES gekommen.

Bericht: Andreas Krieger

Stand: 16.01.2022 19:02 Uhr

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