SENDETERMIN So., 22.08.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

Skrupelloser Raubmord

Die "Heimeinkaufsverträge" der Nationalsozialisten

PlayEin altes Dokument mit dem Titel "Heimeineinkaufsvertrag H".
Skrupelloser Raubmord  | Video verfügbar bis 22.08.2022 | Bild: Screenshot/NDR

Die Nationalsozialisten versprachen eine Heimunterbringung auf Lebenszeit, frische Wäsche und Krankenverpflegung. Gegen Zahlung des gesamten Vermögens, egal ob groß oder klein. Tatsächlich ging es für fast 45.000 deutsche Juden ins KZ Theresienstadt. Nach diesen Dokumenten dazu hat jahrzehntelang kaum jemand gefragt. Sie sind in ganz Deutschland verstreut. Sie belegen, mit welcher Mischung aus Skrupellosigkeit und Bürokratie die Nazis die Juden beraubten.

"Die haben von jedem Alles genommen. Von denen, die weniger hatten, nur das Wenige, und von denen, die mehr hatten, trotzdem alles," so Historikerin Beate Meyer. Mit solchen sogenannten "Heimeinkaufsverträgen" für einen Platz im angeblichen Altenheim Theresienstadt. Ein widerlicher Betrug.

"Die Dokumentation eines wahnsinnigen Betruges"

Beate Meyer schaut in die Kamera.
"Die haben von jedem Alles genommen," sagt Historikerin Beate Meyer. | Bild: Screenshot/NDR

Als Kaufbetrag für den Heimplatz mussten sie ihr gesamtes Vermögen abgeben. Ob großes oder kleines Hab- und Gut, alles war weg. Persönlich unterschrieben und dann abgewickelt über die Reichsvereinigung der Juden. "Die Reichsvereinigung musste diese Gelder überweisen nach Prag, auf ein Sonderkonto 'H', wie Heimeinkauf, und da lagen dann 109 Millionen Reichsmark. Insgesamt würde das heute einer halben Milliarde Euro entsprechen," so Beate Meyer.

Der Verbleib des Geldes ungewiss. Im Juli 1942 wird auch das Hamburger Ehepaar Glass nach Theresienstadt deportiert. Auch ihr Vermögen wurde eingezogen. Ein halbes Jahr später notiert Martha Glass in ihr Tagebuch: "Am 19. Januar ging Hermann heim, an schwerem Durchfall und Herzschwäche infolge Hungers, an dem wir alle furchtbar leiden." "Nur Arbeitende sind hier Menschen", schreibt sie an anderer Stelle. "… alle alten Leute sind überflüssig und sollen verrecken. Wie lange werde ich es aushalten!!!" Martha Glass überlebte.

Der Verbleib des Geldes ungewiss

Die Nazis täuschten die Weltöffentlichkeit mit einem Propagandafilm über Theresienstadt. Häftlinge mussten Statisten spielen. Heimarbeit, Sport und Kultur, "die Juden haben es gut hier", log der Film. Aber wenn man genauer in die Gesichter blickt, erkennt man die Not in Theresienstadt. "Ruth Klüger hat das auf den Punkt gebracht, dass das der Stall vor dem Schlachthof ist. Theresienstadt war ein Durchgangsghetto zu den Vernichtungslagern. Also zu Auschwitz und eben auch Treblinka," sagt Meyer.

Der pensionierte Religionslehrer Christian Lehmann hat jetzt den Umfang dieses Raubzugs erstmals öffentlich gemacht. Mehr als 20.000 Fälle trug er bislang penibel zusammen und verknüpfte sie digital. Viele Angehörige der Opfer haben bis heute keine Ahnung von diesem verdeckten Holokaust-Kapitel. "Man hätte 1945 bis 1950 diese Unterlagen den Betroffenen zur Kenntnis geben sollen, dann wäre die Sache gut gewesen. Denn durch diese Unterlagen könnten die Familien wissen, was das Schicksal ihrer Angehörigen gewesen ist," so Lehmann.

Mehr als 20.000 Fälle zusammengetragen

Christian Lehmann schaut in die Kamera.
Christian Lehmann führt derzeit die sogenannten "Heimeinkaufsverträge" zusammen. | Bild: Screenshot/NDR

Im Archiv der jüdischen Gemeinde in Leipzig lässt sich Rechtsanwalt Martin Maslaton die dort lagernden Heimeinkaufsverträge zeigen. 789 Fälle lagen hier jahrzehntelang. Wie kann das sein? In den Anfangsjahren der DDR fürchteten die hier übrig gebliebenen Juden stalinistischen Antisemitismus. Die neue Gemeinde nach der Wende bestand überwiegend aus russischen Kontingentflüchtlingen. Ihnen ging es eher um Integration statt Aufarbeitung.

Im Entschädigungsgesetz ist zwar die "Aufzwingung eines Heimeinkaufsvertrages" anerkannt. Aber die Existenz der Verträge haben die Bundesbehörden bis heute nie extra recherchiert und erfasst. Jetzt ist es möglich. Schwarz auf Weiß. Doch die Entschädigungsfristen sind längst abgelaufen. Also was bringt es noch?

Für Lehmann geht es nicht um finanzielle Entschädigung

"Es gibt so etwas wie schwergewichtigste Ungerechtigkeiten, das schon. Und das ist hier so. Wir hatten das ja bei den Zwangsarbeitern. Die Situation war da nicht viel anders. Und letztlich stehen wir vor der 'simplen' Frage: Gerechtigkeit und Rechtsfrieden. Vor einem historischen Hintergrund," sagt Martin Maslaton.

Christian Lehmann hat 7 Familienmitglieder im Holokaust verloren. Es geht ihm nicht um finanzielle Entschädigung. Er möchte die Gewissheit haben , dass der Betrug an den Juden in Theresienstadt nicht vergessen wird. ttt über den vielleicht skrupellosesten Raubmord der Nationalsozialisten.

(Beitrag: Ralf Dörwang)

Stand: 23.08.2021 11:12 Uhr

4 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 22.08.21 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
für
DasErste